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Album der Woche – Herbert Blomstedt dirigiert Brahms Symphonie Nr. 1 und Tragische Ouvertüre

Er ist derzeit der älteste professionell aktive Dirigent weltweit. Und er ist einer der größten seiner Zunft: Herbert Blomstedt. Mit 93 Jahren ist der schwedisch-amerikanische Dirigent auf dem Höhepunkt seines Ruhms und wacher und fitter als so manche 30 Jahre jüngeren Kollegen. Im letzten Herbst hat er mit dem Gewandhausorchester Leipzig die Brahms-Symphonien neu eingespielt. Zum Auftakt ist nun die Erste beim Label Pentatone erschienen.

CD-Cover Herbert Blomstedt dirigiert Brahms | Bildquelle: Pentatone

Bildquelle: Pentatone

Der CD-Tipp zum Anhören

Warum lernen Dirigenten eigentlich so oft Partituren auswendig? Nicht, um ihre Umgebung mit schier unglaublichen Gedächtnisleistungen zu beeindrucken, sagt Herbert Blomstedt. Und erst recht nicht aus sportlichem Ehrgeiz. Sondern wegen der Augen. Wer auswendig dirigiert, braucht nicht in die Noten zu schauen – das ist der Schlüssel. Wer jemals das Glück hatte, Herbert Blomstedt beim Dirigieren ins Gesicht sehen zu können, weiß, was gemeint ist. Blomstedt macht Musik durch Blicke. Seine Augen blitzen hinter der randlosen Brille unter den grauen, buschigen Brauen. Seine Miene ist ernst, aber die Augen scheinen zu lachen. Sie sprühen.

Ohne Insignien eines Stardirigenten

Natürlich sind es nicht die Blicke allein. Blomstedt, ein groß gewachsener, hagerer, befrackter Herr, bewegt sich sogar ziemlich viel, macht weit ausschwingende, charakteristische Handkantenschläge. Auf die üblichen Insignien der Stardirigenten verzichtet er meist: Gern dirigiert er ohne Pult und ohne Stab. Im Alltag ist er für einen 93-Jährigen erstaunlich fit. Rüstig, hätte man früher gesagt. Aber beim Dirigieren wirkt er auf verblüffende Weise jung. Kein Herrscher, kein Grandseigneur, erst recht kein Guru, sondern ein Kommunikator, der Freude ausstrahlt. Über die Musik natürlich, aber auch über den Kontakt mit den Menschen, die er motiviert und zusammenführt.

Kurz und bündig

Dieses Album wird lieben, wer …
… Herbert Blomstedt liebt – und ich wüsste nicht, wie man ihn als Dirigenten nicht lieben könnte!

Dieses Album muss man haben, weil …
… sich Orchester und Dirigent wegen und trotz ihrer langen Freundschaft so viel zu sagen haben.

Dieses Album ist ein Hörgenuss, weil …
… Blomstedt ein Kunststück gelingt: Er kombiniert den dunklen, satten Klang des Gewandhausorchesters mit einer wunderbar sprechenden Phrasierung.

Von wegen "altersweise"

Dass diese Einspielung von Brahms' Erster Symphonie so überzeugend ist, liegt also vor allem an einer ungewöhnlichen Dirigenten-Persönlichkeit. Blomstedt braucht nichts mehr zu beweisen, und deswegen hält er sich fern von allen Extremen. Trotzdem: "Altersweise" möchte man seine Interpretation nicht nennen, dafür ist sein Musizierstil zu energiegeladen. Auch wenn er kein besonders rasches Tempo wählt, wie im ersten Satz, ist die Musik immer von einem unmerklich nach vorn drängenden Puls belebt. Der Klang ist erdig und dunkel, Blomstedt kennt und liebt den unverwechselbaren Sound des Gewandhausorchesters schließlich seit vielen Jahrzehnten. Ganz bewusst arbeitet er die Basslinien heraus, die Brahms' Musik harmonisch so kraftvoll machen. Aber nie wird der Sound fett oder selbstzufrieden.

Es ist todernst – und macht Spaß

Dieser Musik geht es um soviel mehr als um wohlige, spätromantische Klangschwelgerei. Sie erzählt von existenziellen Konflikten, von Liebe und Tod. Und deshalb bringt Blomstedt jede Phrase zum Sprechen. Und wie jedes Wort und jeder Satz, so hat auch jede Phrase bei ihm sinnvolle Betonungen. Die Melodien breiten sich nicht aus, sie haben Relief. Musik wird zur Klangrede: Was in der Alte-Musik-Bewegung zur Leitidee wurde, war für Blomstedt schon immer der selbstverständliche Kern seiner Arbeit als Dirigent. Besonders schön gelingen ihm deshalb der gesangliche langsame Satz und das dramatische Finale. Hier erzählt Brahms wirklich eine Geschichte: Eine Alphornmelodie, eine Anspielung auf Beethovens Neunte und ein Choral sind die Stationen – bei Blomstedt hat das alles Ziel und Richtung. Und so macht diese existenziell erste Musik zugleich unglaublich viel Spaß. Man spürt sie förmlich beim Hören auf sich gerichtet: Herbert Blomstedts vor Freude blitzende Augen.

Herbert Blomstedt dirigiert Brahms

Johannes Brahms:
Symphonie Nr. 1
Tragische Ouvertüre

Gewandhausorchester Leipzig
Leitung: Herbert Blomstedt

Label: Pentatone

Sendung: "Piazza" am 10. Oktober 2020, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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