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Album der Woche – Mariss Jansons The Oslo Years

Der junge Mariss Jansons und das altehrwürdige Oslo Philharmonic waren ein Dream Team. Gemeinsam eroberten sie in den 80er- und 90er-Jahren den Plattenmarkt. Und überraschten alle. Um zu verstehen, warum man damals vom "Wunder von Oslo" sprach, muss man die Vorgeschichte kennen. Und die ist durchaus abenteuerlich.

CD-Cover: Mariss Jansons – The Oslo Years | Bildquelle: Warner Classics

Bildquelle: Warner Classics

1979 wird Jansons Chefdirigent in Oslo. Allerdings darf das nicht auf dem Papier stehen. Noch teilt der eiserne Vorhang Europa. Als Sowjetbürger darf er maximal 90 Tage im Jahr im Ausland verbringen. Doch inoffiziell geht so manches – Hauptsache, es liegt nichts schriftlich vor, falls ein Vorgesetzter nachfragt. In Oslo findet Jansons ein Orchester vor, das international nicht konkurrenzfähig ist. Manche Musiker sind so schlecht bezahlt, dass sie einen Nebenjob brauchen. Eine heftige Herausforderung und zugleich eine Riesenchance für einen jungen, unbekannten Dirigenten. Dieses Orchester kann er aufbauen, formen, verändern – nach seinem Bild.

Kurz und bündig

Dieses Album hat gefehlt …
… weil die DVDs bislang unveröffentlicht waren: ein Porträt des Künstlers als junger Mann.

Dieses Album hört man am besten …
… an langen Winterabenden

Dieses Album wird lieben, ...
… wer Mariss Jansons liebt.

Jansons formt ein Weltklasseorchester

Erste Erfolge stellen sich ein, aber kein Plattenlabel ist bereit, dem Olso Philharmonic ein Honorar zu zahlen. Also nimmt Jansons mit seinem Orchester Tschaikowskys Fünfte auf, ohne Geld dafür zu bekommen. Die Platte ist so erfolgreich, dass Jansons und die Osloer wenig später einen lukrativen Exklusivvertrag beim Majorlabel EMI bekommen. Aus einem zweitklassigen Orchester hat er ein internationales Spitzenensemble geformt. Auch kulturpolitisch kämpft Jansons für seine Musiker. Ironie der Geschichte: Der Sowjetbürger versteht nicht, warum ein Eliteorchester um bessere Arbeitsbedingungen betteln muss. Die westliche, sozialdemokratische Regierung von Norwegen setzt auf Gleichheit, der vom sowjetischen System geprägte Jansons pocht aufs Leistungsprinzip in der Kunst.

All diese Themen wird Jansons später in München wieder aufgreifen. Bis hin zum Kampf für einen guten Konzertsaal – auch den hat er bereits in Oslo geführt. Wie sehr sich die 20-jährige Arbeit in Oslo gelohnt hat, macht diese Box mit 21 CDs und 5 DVDs eindrucksvoll erlebbar. Das Repertoire der EMI-Aufnahmen ist von Anfang an sehr breit: Jansons erhebt gleich den Anspruch auf den ganzen Kanon. Er will kein Spezialist fürs russische Repertoire sein, legt aber einen klaren Fokus auf die Romantik und das frühe 20. Jahrhundert.

Charisma verbindet sich mit jugendlichem Charme

Wie musikantisch und natürlich blüht der Streicherklang bei Dvořák, Sibelius und Wagner! Wie zupackend und fokussiert gelingen Strawinsky, Bartok und Schostakowitsch! Ein reizvoller Kontrast zu den abgeklärteren, technisch freilich noch raffinierteren Münchner Jahren. Der Hauptreiz dieser Edition liegt denn auch in den DVDs, die bislang nicht veröffentlicht waren: Hier kann man den jungen Jansons auch sehen – Charisma verbindet sich mit jugendlichem Charme. Für alle, die ihn in seinen späteren Jahren erlebt haben, eine berührende Begegnung.

Mariss Jansons – The Oslo Years

Werke von Dvořák, Sibelius, Schostakowitsch, Strawinsky, Tschaikowsky u. a. auf insgesamt 21 CDs, 5 DVDs

Oslo Philharmonic Orchestra
Dirigent: Mariss Jansons

Label: Warner Classics

Sendung: "Piazza" am 5. Dezember 2020, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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