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Album der Woche – Kammermusik von Helena Munktell Hochinspiriert und facettenreich

Am 8. März ist Weltfrauentag. Da kommt eine neue CD mit Musik der schwedischen Romantikerin Helena Munktell gerade recht. Munktell wurde 1852 in eine musikliebende Industriellenfamilie geboren. Weil Komponistinnen in Schweden damals chancenlos waren, nahm sie in der Musikmetropole Paris Zuflucht. Dort studierte Helena Munktell bei Benjamin Godard und Vincent d’Indy. Später wurde sie sogar in die Pariser "Société Nationale de Musique" aufgenommen, wo auch Stücke von ihr aufgeführt wurden. Eine Ehre, die ihr bei der Königlich Schwedischen Musikakademie erst kurz vor ihrem Tod 1919 zuteilwurde.

CD-Cover: Kammermusik von Helena Munktell | Bildquelle: BIS

Bildquelle: BIS

Der CD-Tipp zum Anhören

Noch in ihrer Stockholmer Studienzeit hat Helena Munktell ein kurzes Klaviertrio geschrieben, das sie bescheiden "Kleines Trio" nannte. Bloß eine frühe Fingerübung? Von wegen – bereits eine vielversprechende Talentprobe! Das zeigen der Geiger Tobias Ringborg, die Cellistin Kristina Winiarski und der Pianist Peter Friis Johansson mit Spielwitz und Charme. Deutlich selbstbewusster gibt sich Helena Munktell in Paris, wo 1905 ihre große Violinsonate uraufgeführt wird – von keinem Geringeren als George Enescu.

Emotionales Wechselbad

Hörbar hat sich Helena Munktell bei der Komposition ihrer Violinsonate an dem Erfolgsstück von César Franck orientiert – in der zyklischen Anlage und im schwerblütigen Tonfall. Aber sie bringt auch ganz eigene Farben in ihre Sonate ein, etwa volkstümliche Töne aus ihrer skandinavischen Heimat. Gemeinsam mit dem famosen Pianisten Peter Friis Johansson stürzt sich der Geiger Tobias Ringborg rückhaltlos in das emotionale Wechselbad, das Helena Munktell zwischen impressionistisch versonnenen und heftig aufschäumenden Klängen inszeniert.

Kurz und bündig

Dieses Album wird lieben, wer …
… romantische Kammermusik liebt – und offen ist für Entdeckungen auf diesem Gebiet.

Dieses Album lohnt sich, weil …
… man hier Musik einer großartigen Komponistin in herausragenden Interpretationen kennenlernen kann.

Dieses Album hat gefehlt, weil …
… es außer der Violinsonate bislang nichts an Kammermusik von Helena Munktell auf CD gab.

Unwiderstehlicher Zauber

Höhepunkt des Albums sind zehn Lieder nach schwedischen Gedichten. Die vertonte sie in französischer Übersetzung für die Pariser Salons, wo ihre Lieder bestens ankamen. Ihr unwiderstehlicher Zauber wirkt noch heute – dank des gehaltvollen Timbres und der Ausdruckskraft der Sopranistin Sofie Asplund. Zwei koketten Liedern Munktells stehen überwiegend schmerzliche Töne gegenüber: unerfüllte Liebe, flüchtige Begegnungen, Sehnsüchte, Träume. Und "Das letzte Wiegenlied" versenkt die Seele in den ewigen Schlaf.

Leidenschaftliches Plädoyer

Derart eindringlich gesungen, würden sich Munktells Kompositionen in jedem Liederabend gut machen. Jedenfalls ist dieses Album ein leidenschaftliches Plädoyer für Munktells hochinspirierte, facettenreiche Musik. Und, liebe Stargeigerinnen und Stargeiger, spielt doch statt der allgegenwärtigen Franck-Sonate mal die mindestens so schöne von Helena Munktell!

Infos zur CD

Helena Munktell: Kammermusik und Lieder
Violinsonate Es-Dur op. 2
"Dix Mélodies" für Singstimme und Klavier
"Kleines Trio" für Violine, Violoncello und Klavier

Sofie Asplund (Sopran)
Tobias Ringborg (Violine)
Kristian Winiarski (Violoncello)
Peter Friis Johansson (Klavier)

Label: BIS

Sendung: "Piazza" am 6. März 2021 um 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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