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Album der Woche – Vladimir Jurowski dirigiert Richard Strauss Eine Alpensinfonie

Kritiker und selbsternannte Klassik-Kenner rümpfen gern die Nase, wenn die Rede auf die "Alpensinfonie" von Richard Strauss kommt: zu naiv, zu pompös, zu kitschig. Von wegen – das zeigen Vladimir Jurowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in ihrem Live-Mitschnitt von 2019. Derart präzise durchgearbeitet, organisch im Fluss gehalten und dynamisch ausdifferenziert, hat die "Alpensinfonie" nichts mit dem Klischee vom Breitwand-Filmscore zu tun. Vielmehr spürt Jurwoski den philosophischen Gedanken über den unabänderlichen Lebenskreislauf nach, die der monströsen Partitur zugrunde liegen.

CD-Cover: Vladimir Jurowski dirigiert Strauss' "Alpensinfonie" | Bildquelle: Pentatone

Bildquelle: Pentatone

Der CD-Tipp zum Anhören

Mit einem magischen Brodeln aus den tiefsten Regionen hebt die "Alpensinfonie" von Richard Strauss an, aus dem klanglichen Urgrund der Nacht schält sich ein prachtvoller Sonnenaufgang heraus – die Bergbesteigung kann beginnen.

Ungeheure Spannung gleich zu Beginn

Vladimir Jurowski baut gleich zu Beginn der "Alpensinfonie" eine ungeheure Spannung auf – und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bietet ihm dazu ein Höchstmaß an Klangkultur. Gekonnt lotet Jurowski die Instrumentations-Finessen von Strauss aus, etwa im glitzernden Sprudeln eines Wasserfalls.

Kurz und bündig

Dieses Album muss man haben, weil …
… dieser Live-Mitschnitt eine der besten Aufnahmen in der umfangreichen Diskografie der "Alpensinfonie" ist.

Dieses Album lohnt sich, weil
… man sich hier von den Qualitäten des neuen Münchner Generalmusikdirektors überzeugen kann.

Dieses Album ist ein Hörgenuss, weil
… auch der Sound dieser SACD im Mehrkanalton ein spannendes Raumklang-Erlebnis garantiert.

Dieses Album hört man am besten …
… in einer ruhigen Abendstunde.

Dieses Album lädt Strauss-Verächter dazu ein, …
… sich mit der "Alpensinfonie" anzufreunden. 

Erhabenes Gipfelglück

Jurowski hatte bei seiner Interpretation, wie er im CD-Booklet schreibt, "nicht die liebevollen Nahaufnahmen des Realismus" im Blick. So bleiben bei ihm die Kuhglocken auf der Alm diskret im Hintergrund. Und den riesigen Orchesterapparat lässt Jurowski nur punktuell aufrauschen, etwa beim erhabenen Gipfelglück – aber auch da klanglich perfekt abgerundet.

Philosophische Schichten unter der Idylle

Jurowski geht es um die abstrakten Qualitäten dieser "Sinfonie", bewusst kehrt er die modernen Züge der Partitur zwischen Wagner und Impressionismus heraus. Und findet unter der Postkarten-Idylle tiefere philosophische Schichten – Strauss wollte seine Partitur nach Nietzsche ursprünglich "Der Antichrist" nennen. Denn die "Alpensinfonie" erzählt mit Gewitter und Sturm auch von den Gefährdungen der menschlichen Existenz.

Tönender Diskurs über den Lebenskreislauf

Nein, bei Jurowski und seinem Berliner Orchester klingt die "Alpensinfonie" nie nach Breitwand-Filmscore. Sondern nach einem tönenden Diskurs über das Verhältnis von Mensch und Natur, über den Lebens- und Naturkreislauf. Visionär, wenn nach dem Abstieg am Ende wieder die Nacht einzieht und sich die Musik im kosmischen Hallraum des Beginns verliert – ein Gänsehaut-Moment!

Infos zur CD

Richard Strauss:
"Eine Alpensinfonie", op. 64

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

Label: Pentatone

Sendung: "Piazza" am 18. September 2021 ab 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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