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Album der Woche – Verdi: "Otello" Ein großer Wurf mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle

Jonas Kaufmann hat mit der mörderischen Verdi-Partie des eifersuchtsgeplagten Helden Otello bisher nicht nur an der Bayerischen Staatsoper Erfolg gehabt, sondern zuvor auch schon am Royal Opera House Covent Garden: bei seinem Rollendebüt im Juni 2017. Zwei Jahre danach, im Sommer 2019 in Rom, entstand diese CD mit Kaufmann in der Titelpartie, und wie zuvor in London liegt die musikalische Leitung bei Antonio Pappano.

CD-Cover: Verdis "Otello" mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie | Bildquelle: Sona Classical

Bildquelle: Sona Classical

Der CD-Tipp zum Anhören

Jonas Kaufmanns Otello bestätigt das Altbekannte: Den weichen Kern harter Männer signalisiert Kaufmann gern durch fahl aus dem Gaumen kommende Laute. Im Piano-Sektor mangelt es der Stimme an klanglicher Dichte, tragfähiger Substanz. Doch powert der baritonal grundierte Tenor robust wie ein Gewichtheber, lässt er vokal die Muskeln spielen – so findet er zu stattlicher Eloquenz. Und genießt es, musikalisch effektiv die Wut eines Menschen malen zu dürfen, der sich betrogen glaubt.

Spitzenbesetzung für Jago

Ein Mann, der sich in die Wahnvorstellung hineinsteigert, seine Frau sei ihm untreu. Die Glaubwürdigkeit des Stücks steht und fällt aber nicht mit dem Tenor, sondern mit dem Bariton: mit der Statur des Intriganten! Bei der Neueinspielung war auch und gerade für Jago eine Spitzenbesetzung am Start. Der Spanier Carlos Álvarez schafft es mit Leichtigkeit, bedrohlich dämonische Farben auszubreiten – mit dem Ziel, dem neidischen Typen angemessen mephistophelische Züge zu verleihen.

Kurz und bündig

Dieses Album muss man haben, weil ...
... es jahrzehntelang keine vergleichbar gute "Otello"-Aufnahme gab.

Dieses Album hat gefehlt, weil ...
... die Titelpartie der Oper den aktuellen stimmlichen Eigenheiten und Möglichkeiten Jonas Kaufmanns tatsächlich entgegenkommt.

Dieses Album lädt ein ...
... zum Nachdenken über den Konflikt und das Wechselverhältnis zwischen Lüge und Wahrheit – was am Stück liegt, dem Gegenstand der Interpretation.

Vernünftige Balance zwischen Notentext und Emotion

Dem Dirigenten dieser Aufnahme merkt man an, dass er seinen Verdi allgemein gut und gerade "Otello" bis in kleinste Verästelungen hinein kennt. Antonio Pappano hat das rechte Augenmaß für eine vernünftige Balance zwischen Notentext und Emotion: schon damals in Covent Garden, zwei Jahre vor dieser römischen Studioproduktion an der Accademia di Santa Cecilia. Und jetzt gelingt Pappano, den Eindruck hervorzurufen, als hätten wir es mit dem spannungsgeladenen Live-Mitschnitt einer kompletten Aufführung zu tun. Als wäre man die Oper in den zweiwöchigen Aufnahmesitzungen chronologisch durchgegangen, Seite für Seite der Partitur. Aus Kostengründen war es zwar wie üblich ein abenteuerliches Springen von hinten nach vorne und zurück – aber das merkt keiner!

Die Glaubwürdigkeit von Desdemonas Passivität

Die Sänger bringen überzeugende Rollenporträts zustande. Und das gilt auch für Federica Lombardi in der Rolle der Desdemona: Sie entwirft das Bild einer vollkommen unemanzipierten Frau, und für die Glaubwürdigkeit ihrer Passivität schadet das überhaupt nicht. Insgesamt ist dieser "Otello" wirklich ein großer Wurf.

Infos zur CD

Giuseppe Verdi:
"Otello"

Jonas Kaufmann, Tenor – Otello
Federica Lombardi, Sopran – Desdemona
Carlos Álvarez, Bariton – Jago
Virginie Verrez, Mezzosopran – Emilia
Liparit Avetisyan, Tenor – Cassio
Orchestra e Coro dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia
Leitung: Antonio Pappano

Label: Sony Classical

Sendung: "Piazza" am 27. Juni 2020, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Donnerstag, 02.Juli, 10:20 Uhr

Klaus Bassenge

Otello

Vinay, Del Monaco, Vickers, Domingo, Cossuta, Mc Cracken, Cecchele, Atlantaov und Gregory Kunde: sie alle sind besser als Kaufmann. Neue Cd? Nicht nötig!!

Mittwoch, 01.Juli, 09:37 Uhr

Rober Forst

Kaufmann/Otello

Bei Amazon: Das ist auf den Punkt gebracht!
Ich gehe soweit zu sagen: diese Aufnahme hätte niemand gebraucht. Kaufmann war nie ein Otello und wird es nie werden. Es genügt nicht, etwas unbedingt zu wollen, man muss es auch können bzw, die Stimme muss dafür geeignet sein. Sein früher Mozart war ausgezeichnet. Den hat er sträflich in der Folge vernachlässigt. Einzig mit Werther erreichte er noch einmal Aussergewöhnliches. Statt nun längere Zeit beim Französischen Fach zu bleiben ( er hat eine natürliche, wenn auch oft baritonal vergewaltigte voix mixte) hat er exzessiv den Verismo bedient. Rollen wie Chénier, Manrico, Alvaro etc. haben ihm nur geschadet, und jahrelang die Menge der Auftritte. Tristan ist eine Furzidee und Otello hätte Kaufmann bleiben lassen sollen. Über den ‚italienischen‘ Lohengrin hinaus sollte er Wagner meiden, Eric, Stolzing, aber mit Einschränkung. Kaufmann hat nichts von dem was Otello ausmacht. Noch immer ist Ramon Vinay das Maß aller Dinge.
Franco Bastiano

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