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CD - Moisés Fernández Via "Les Mains Nues"

Der Pianist Moisès Fernández Via versteht es, den Klang des Flügels zu bearbeiten, als würde er im Inneren des schwarzen Kastens mit den Händen einen weichen Stoff zu einer Skulptur formen; die Noten rieseln herab, als würde Sand durch die Finger gleiten. Das passt perfekt zur Musik der Pariser Komponisten Frederic Mompou, Lili Boulanger und David Chaillou.

CD-Cover Les Mains Nues | Bildquelle: Urtext Digital Classics

Bildquelle: Urtext Digital Classics

CD-Tipp 27.01.2016

Der CD-Tipp zum Nachhören!

Was ist überhaupt ein Künstler – diese Frage versucht der Pianist Moisès Fernández Via auf seiner Website mit einer kleinen Geschichte zu beantworten. Nach einem Spaziergang im New Yorker Central Park steht er an der Ampel, neben sich eine Mutter und ein Kind. Das Kind hat ein gelb gefärbtes Blatt in der Hand. Der Wind erfasst das Blatt, das Kind ist verzweifelt, Via springt todesmutig in den Verkehr und rettet das vermeintlich wertlose Fundstück. Warum – weil es für das Kind ein materialisiertes Glücksgefühl bedeutet, das erkennt Via in diesem Moment. Ein Künstler sein, das heißt, so Via, in das Verkehrschaos des Lebens springen und ein Stück vom Glück retten, egal, wie es sich ausdrückt.

"Frühling tropft auf mich herab"

Und so beginnt es zu fließen, das Glück, mit jedem Tastenanschlag, in einem Zarten Prélude des Katalanen Frederic Mompou zum Beispiel. Da beginnen sie zu duften, die farbenfrohen Blumen auf dem Cover, „Frühling tropft auf mich herab“ heißt es im Bildtitel, ja, so muss sich das wohl anfühlen. Die Schmetterlinge tanzen Walzer auf der Nasenspitze. Via ist ein Pianist, der den Klang des Flügels zu bearbeiten versteht, als würde er im Inneren des schwarzen Kastens mit den Händen einen weichen Stoff zu einer Skulptur formen; die Noten rieseln herab, als würde Sand durch die Finger gleiten. Das passt perfekt zu den verträumt schönen, zarten Klanggespinsten die Mompou ausbreitet, wenn er sich zum Beispiel in einem Variationszyklus über ein Thema von Chopin hermacht. Oder zu den nachtdunklen Variationen von Lili Boulanger. Auch massige Akkorde wirken wie abgerundet an den Kanten, verlieren nie warmen Glanz.

Pariser Musikszene des 20. Jahrhunderts

Die reife Klangkultur ist nicht die einzige Stärke dieser CD. Fantasie am Instrument trifft auf Fantasie in der Gestaltung der Dramaturgie – ein Musiker und eine Musikerin des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, beide Teil der Pariser Musikszene, treffen sich auf dieser CD – Mompou und Boulanger, was Ihnen im echten Leben nicht vergönnt war. Dabei – sie hätten sich was zu sagen gehabt. Ein Mann, dessen Vater eine Glockengießerei betrieb, und der den Klang von Glocken liebte, und die Frau, die zuweilen ebenfalls düstere Glockenschläge auf der Klaviertastatur erklingen lässt.

Glockenhafte Klaviertöne

Dann ist da noch ein Werk, das der Franzose David Chaillou eigens für die CD geschrieben hat, ein dritter Pariser, der in den imaginären Dialog von Mompou und Boulanger eintritt. Und auch da – Klaviertöne, die wie Glocken ausklingen, eine vertraute Klangfarbe, und trotzdem eine neue, andere Stimme. Ein Intermezzo, das geschickt den Horizont der CD erweitert und sich schlüssig in die Dramaturgie fügt. Eine schöne und kluge CD.

"Les Mains Nues"

Frederic Mompou:
Préludes; Variations sur un thème de Chopin
Lili Boulanger:
Préludes; Thème et Variations
David Chaillou:
Les mains nues

Moisès Fernández Via, Klavier

Label: Urtext Digital Classics

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