Er gilt als der "Godfather" der Minimal Music: Steve Reich ist neben Phil Glass der wichtigsten Vertreter dieser Musikrichtung aus den USA. 86 Jahre ist der einstige Revolutionär inzwischen alt. Zeit für eine kleine Retrospektive: Das New Yorker Mivos Quartet hat eine Gesamteinspielung von Reichs Streichquartetten vorgelegt, in Zusammenarbeit mit dem Komponisten. Wobei: Typische Streichquartette sind es nicht. Denn Reich komponiert jeweils für drei bzw. vier Quartette, von denen nur eines live auf der Bühne sitzt und die übrigen vom Tonband zugespielt werden.
Bildquelle: Deutsche Grammophon
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Es ist das Mauerblümchen unter den Tasteninstrumenten. Selbst in der Historischen Aufführungspraxis führt das Clavichord ein Schattendasein. Für einen Konzertsaal ist sein zittriges Stimmchen einfach zu leise, und auf einer CD geht einem das Klappern der Mechanik schnell auf die Nerven. Das Clavichord – ein Fall für Nerds. Im Barock dagegen war das Clavichord das Hausinstrument par excellence, weil es beim Spiel mehr Schattierungen ermöglichte als das Cembalo. Auch bei den Bachs stand es in der Stube, und – viele Musikliebhaber müssen jetzt ganz tapfer sein – der Thomaskantor schrieb sein Wohltemperiertes Klavier garantiert nicht für einen teuren Steinway, sondern wahrscheinlich: fürs Clavichord.
Auch bei András Schiff steht seit einigen Jahren ein Clavichord zuhause. Jeden Morgen vor dem Frühstück setzt er sich davor und spielt Bach. Das Instrument, schreibt er im Booklet, habe sein „Leben bereichert“. Auf der CD hört man warum. Schiffs Clavichord klingt fantastisch. Es ist ein edler Nachbau aus der Werkstatt von Joris Potvlieghe, bei dem nichts klappert und knirscht, sondern alles silbrig singt. Wunderbar eingefangen von ECM-Tonmeister Stephan Schellmann: präsent, nicht zu räumlich, nicht zu dicht. Man schaut András Schiff quasi über die Schulter. Und hat sich schon nach wenigen Minuten so sehr mit dem Klang angefreundet, dass man sich diese Musik mit keinem anderen Instrument mehr vorstellen mag.
Im Zentrum des Albums: Bachs Inventionen und Sinfonien. Kleine Studienstücke für den Hausgebrauch, sozusagen perfekt zum Aufwärmen vor dem Frühstück. Schiff ist kein Originalklang-Revolutionär, seine Tempi sind moderat, und bei den sparsamen Verzierungen nimmt er sich das zum Vorbild, was Bach seinen Schülern in die Noten geschrieben hat. Und trotzdem wachsen die ein-, zweiminütigen Miniaturen hier über sich hinaus. Schiff verwandelt sie in kleine Charakterstücke, kitzelt aus jedem die Essenz heraus, ob Melancholie, Munterkeit oder auch Mut. Zum Beispiel, wenn Bach mit seiner kühnen Chromatik in wenigen Takten das Tor zur Zukunft weit aufstößt.
Dem Privat- und Familienmenschen Bach dagegen kommen wir in einem anderen Stück ganz nah, dem „Capriccio über die Abreise seines geliebten Bruders“. Der zärtliche Klang des Clavichords verleiht diesem Jugendwerk eine Intimität, die geradezu rührend wirkt. Und schließlich demonstriert András Schiff, wie auch große, repräsentative Stücke auf dem Clavichord zur Geltung kommen können. Wenn er etwa zum Abschluss Bachs Chromatische Fantasie und Fuge aufs Programm setzt, dann vermisst man nichts an Volumen, an Klangfülle, an Dramatik. Hier wirkt Schiffs Spiel vollends gelöst, entspannt, frei, so als entstünde Bachs Musik just in diesem Augenblick. Ein Album, mit dem ihm eine überzeugende Rehabilitierung des Clavichords gelingt. Weil hier künstlerische Wahrhaftigkeit und historische Wahrheit eins werden.
Steve Reich:
Die Streichquartette
WTC 9 / 11
Triple Quartet
Different Trains
Mivos Quartett
Label: Deutsche Grammophon
Sendung: "Piazza" am 11. März 2023 um 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK