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Die mysteriöse Diva Jessye Norman Beobachtungen zum Gesamtkunstwerk

Sie war nicht einfach eine Sängerin. Sie war eine Erscheinung. Auch dafür wird man sie in Erinnerung behalten, meint BR-Redakteur Laszlo Molnar. Er widmet der mysteriösen Diva, deren Auftritte er bei den Salzburger Festspielen jahrelang aus nächster Nähre verfolgte, einen persönlichen Nachruf.

Jessye Norman als Carmen | Bildquelle: © Philips

Bildquelle: © Philips

Das Gehemins der Jessye Norman lag im Gesamtbild

Jessye Norman ist tot. So früh. Das bewirkt Trauer. Und das umso mehr, als Jessye Norman zu Ihren Glanzzeiten immer Ehrfurcht bewirkt hatte. Sie war nicht einfach eine Sängerin. Sie war eine Erscheinung. Dafür wird man sie in Erinnerung behalten: für ihr sängerisches Können und ihr Auftreten zugleich. Im Klang ihres schier grenzenlos belastbaren Soprans, in der erlesen und perfekt kontrollierten Glut ihres Timbres funkelte, beim Hören ihrer Stimme von Schallplatte oder CD, auch ihr blickfeldfüllendes Äußeres mit.

So kunstvoll, wie sie ihre Rollen erarbeitete und darbot, so sorgfältig präsentierte sie auch sich selbst. Das Geheimnis der Jessye Norman war nicht ihre Stimme allein; es war ihr Bewusstsein für ihr Gesamtbild. Es war ihre Fähigkeit, sich in der an Eitelkeiten nicht armen Welt der klassischen Musik als Solitär zu positionieren, nämlich als Gesamtkunstwerk in einer Person.

Zum Programm der Diva gehörte kein Programm

Jessye Norman bei der New York Public Library's Annual Library Lions Gala im November 2013 | Bildquelle: picture-alliance/Photoshot Bildquelle: picture-alliance/Photoshot Ich habe als Redakteur der "Salzburger Nachrichten" eineinhalb Jahrzehnte lang die Salzburger Festspiele miterlebt und verfolgt. Die 1990er-Jahre waren Höhepunkt und Zenit der Karriere der Jessye Norman und Salzburg bot ihr - im Sinn des Wortes - im Großen Festspielhaus die ganz große Bühne. Sie gab Liederabende, sie sang in Inszenierungen von Robert Wilson die Melisande in Debussys "Pelleas et Medisande" und die Judith in Bartóks "Herzog Blaubarts Burg". Sie war präsent in Salzburg und war zugleich nicht greifbar. Sie war weltberühmt und sie kultivierte das Geheimnis.

Ihre Liederabende waren eines der großen Ereignisse im Festspielprogramm. Jedes Jahr gab es einen, und jedes Jahr steigerte die Diva die Spannung bis zum letzten Moment. Die Karte hatte man ja, der Platz war sicher. Eine Absage war bei Norman nicht zu erwarten. Aber: Was würde sie singen? Denn bei der Ankündigung eines Norman-Auftritts gab es in Broschüren und auf Plakaten in den meisten Fällen eine Leerstelle. Da, wo sonst Komponisten und Werke zu stehen pflegten. Es war Programm der Norman, kein Programm zu haben. Zumindest: es nicht bekannt zu geben. Natürlich gab es ein Programm: Strauss, Berlioz, französische "Melodies" und deutsche Lieder.

Am Ende immer Spirituals

Aber was genau der Abend mit ihr dann bringen würde, das ließ sie im Dunkeln. So lange, bis es nicht mehr ging: Bis man nämlich vor Konzertbeginn das Programmheft des Abends kaufen konnte. Das Rätseln, was beim Norman-Konzert zu hören sein werde, war zum Ritual geworden in den von Festspielbesuchern gefüllten Gassen und Lokalen in Salzburg. "Gehen Sie auch zur Norman?" – "Natürlich, ich hab’ die Karte gleich letztes Jahr bestellt." – "Was wird sie wohl singen?" – "Keine Ahnung. Aber es wird bestimmt toll. Am Ende Spirituals, das glaube ich schon." Die Spirituals am Ende eines Norman-Liederabends. Sie gehörten dazu zum Ritual. So wie das Rätselraten und ihr Auftritt.

Vor dem Gesang kam der Auftritt

Jessye Norman als Elisabeth im "Tannhäuser" | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Den Auftritt, den beherrschte Frau Norman wie keine andere. Genügte anderen Solistinnen und Solisten der neobarock weiß-und-gold verzierte Rahmen des Großen Saals der Stiftung Mozarteum, um sie würdig zu fassen, da brauchte Jessye Norman die gigantische Weite des Großen Festspielhauses. Breite des Bühnenportals 30 Meter, Höhe 9 Meter. So viel Raum musste sein für Normans Erscheinen.

Und dann kam sie, von rechts, im grellen Licht der Scheinwerfer wie ein funkelndes Juwel in ihren immer grandiosen Roben, eigentlich von Meistern unter den Kleidermachern über ihren weit ausladenden und hoch aufragenden Körper geworfene Stoffbahnen, gefärbt mit kostbarst schimmernden Farbstoffen oder bedruckt mit aufs Raffinierteste komponierten Mustern. Derselbe Stoff verbarg ihr Haar, gewickelt und geknotet zur einem nicht weniger Aufsehen erregenden Turban. Mit einem Lächeln, das ein fast blendendes Aufblinken ihrer strahlend weißen Zähne war, ließ sie alle im Saal innerlich niederknien. Dann ging sie über zum zweiten Teil des Norman-Rituals, dem Gesang.

Für Journalisten gab es oft nur ein "Nein"

Jessye Norman hatte ihr Publikum im Griff, sie hatte ihre Publicity im Griff. Über ihr Privatleben, über persönliche Facetten ihres Daseins war nichts bekannt und sie gab auch nichts bekannt. Interviews waren so gut wie nicht zu haben, und, erstaunlicherweise, für die ihr als Künstlerin immer wohlgesonnene Salzburger Presse schon gar nicht. Wo andere Künstlerinnen und Künstler gerne eine Einladung zum Gespräch auf der Presseterrasse mit Blick in die Alpen annahmen, da gab es von Jessye Norman – auch ein Ritual? – immer nur ein strenges "Nein". Von Kollegen, die bei anderer Gelegenheit einen Termin bekommen hatten, war zu hören, dass sie alle Fragen im Vorfeld hatten einschicken müssen und dass bestimmte Arten von Fragen, vor allem solche nach dem Privatleben, verboten waren. Nach dieser Eingangsprüfung sei sie ganz umgänglich gewesen. In Salzburg, der Festspielstadt, in die man zum Entspannen und Genießen kam, wollte sie offenbar ihre Ruhe haben.

Nach einer erwartbaren Reihe von Interview-Absagen sah ich sie einmal in einem Lokal mit Kollegen aus dem Festspielhaus an einem Ecktisch sitzen. Sie war Protagonistin in einer Wilson-Inszenierung, dazu hätte ich sie gerne gefragt. Ich drängte mich also zu ihr vor, sprach sie an und warf ihr gleich eine Frage zu. Sinngemäß antwortete sie, in perfektem Deutsch: "Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nichts sagen werde." Damit hatte ich endlich mein Interview: Diesen Satz von Jessye Norman setzte ich am nächsten Tag als Glosse in die Zeitung.

Manchmal gefielen der Diva die Blumen nicht

Jessye Norman (Sopran) | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Ja, Jessye Norman war wählerisch, sie war anspruchsvoll. Sehr anspruchsvoll. Sie wusste, was sie zu bieten hatte, und dafür wollte sie etwas geboten bekommen. Vor einem Liederabend musste der gesamte Boden der Bühne feucht gewischt werden, damit am besten gar kein Staub ihre Atemwege ankratzen möge. Ihre Unterkunft musste ganz ihren Wünschen entsprechen. Das Ambiente wurde auf das sorgfältigste von Assistenten, ihren Betreuern beim Plattenlabel und dem Festspielmanagement besprochen und arrangiert.

In einem Jahr, so wurde mir berichtet, habe man in einem der besten Hotels am Platz, dem Sacher-Österreichischer Hof, eine Suite für sie gemietet und eingerichtet, mit Blick auf den Fluss und die Salzburger Altstadt in der Pracht all ihrer barocken Kirchtürme. Eigens war ein Konzertflügel in den Salon der Suite transportiert und in Blickrichtung vom Vorzimmer aus positioniert worden. Die Diva traf ein mit ihrer Entourage, schritt durchs Vorzimmer und erblickte den Flügel. Auf der Stelle sei sie umgedreht, habe Raum und Suite verlassen und verkündet, dass sie hier nicht wohnen werde. Man möge ein Haus für sie besorgen. Als dann alles geregelt und der Schock abgeklungen war, forschte man nach den Ursachen für Frau Normans Unmut. Es stellte sich heraus, so wurde berichtet, dass das Blumenarrangement, das zu Normans Begrüßung auf den Flügel gestellt wurde, ihr tiefes Missfallen erregt habe.

Einzigartiges Können

Aber das waren Beobachtungen am Rand. Jessye Norman rechtfertigte ihr Diventum mit einer Kunst, die so nur von ihr zu haben war. In ihrem Singen, ihrem Darstellen war neben einem einzigartigen Können stets die allergrößte Disziplin zu erleben. Kein Ton ungeschliffen, keine Bewegung ungeprobt. Eine sich ständig prüfende, kluge, humorvolle Frau war sie, die ihrem – völlig zu Recht! – in Ehrfurcht ergebenen Publikum gab, was es von ihr erwartete. Darunter: den Auftritt, die Erscheinung, das Geheimnis.

Kommentare (1)

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Mittwoch, 02.Oktober, 13:32 Uhr

Heiderose Schippmann

Jessi Norman

Ich habe sie sehr bewundert und war beeindruckt von Ihr als ein Gesamtkunstwerk!
Eine einmalig große, Künstlerin mit großem Können und großer Strahlkraft!

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