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Kritik: Bayreuther Festspiele Eröffnung mit "Tristan und Isolde"

Diesen Montag war sie endlich: die feierliche Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Auf dem Spielplan stand eine Neuinszenierung der Oper "Tristan und Isolde" von Richard Wagner, inszeniert von Roland Schwab. Aufgrund vieler Erkrankungen gab es einen Wechsel in der musikalischen Leitung. Letztendlich stand Dirigent Markus Poschner am Pult mit nur zwei Proben. So war das Ergebnis.

Szenenbilder Wagners "Tristan und Isolde", Inszenierung Bayreuther Festspiele 2022, Regie: Roland Schwab | Bildquelle: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bildquelle: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Zu Beginn plätschert das Wasser noch friedlich im ovalen Pool des Luxusliners, der Isolde zu ihrem künftigen Gatten König Marke nach Cornwall bringen soll. Doch zunehmend kommt Leben in das Nass. Blutrote Schlieren durchziehen das Wasser, die immer schwärzer werden. Auch der erst blaue, zart bewölkte Himmel oben drüber wird bedrohlicher. Und als Tristan und Isolde den berühmten Trank runterstürzen, wird daraus plötzlich ein wilder Strudel. Die Liebenden geraten buchstäblich ins Auge eines Taifuns, werden mitgerissen in eine entrückte Metawelt der Leidenschaft und der Sehnsucht. Diese ovale Fläche von Bühnenbildner Piero Vinciguerra ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Durch raffinierte Projektionen wird sie zu einer Art Raumschiff für die Titelfiguren, das sie in andere Welten entführt.

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Hier finden Sie die Eröffnungs-Premiere der Bayreuther Festspiele "Tristan und Isolde" zum Anhören.

Starke Bilder in der Inszenierung von Roland Schwab

Die Sehnsucht des Publikums wollte Regisseur Roland Schwab ansprechen, es mit poetischen Bildern verführen. Und diesem Vorsatz kommt er nach. Tatsächlich brennen sich manche Bilder ein. Wenn beispielsweise oberhalb der ovalen Fläche ein glückliches Liebespaar, das sich in verschiedenen Altersstufen durch die ganze Inszenierung zieht, eine Art Gegenpol zu den ekstatisch und verzweifelt Liebenden bildet. Oder wenn Kurwenal im dritten Aufzug partout nicht zu Tristan auf die schillernde, lebendige Fläche will und vielmehr den Freund mittels eines Seils in seine, die reale Welt, zurückziehen möchte. Oder wenn die weißen Kostüme von Tristan und Isolde in der Liebesnacht erst auf eine transzendentale Parallelwelt der Glückseligkeit hinweisen, und dann durch einen krassen Lichtwechsel nach der Ankunft Markes von einer Sekunde auf die andere wie Kittel von Patienten einer Psychiatrie wirken. Das hat Kraft und Schönheit.

Textverständlichkeit bei Wagner-Opern ist ein Muss – daran mangelt es

Szenenbilder Wagners "Tristan und Isolde", Inszenierung Bayreuther Festspiele 2022, Regie: Roland Schwab | Bildquelle: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath Ekaterina Gubanova (Brangäne) und Catherine Foster (Isolde) | Bildquelle: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath Leider erschöpfen sich diese Bilder-Installationen schnell auch zu bloßem Ästhetizismus. Auch da die Sänger über weite Strecken in Sachen Personenregie völlig alleine gelassen sind, gibt es mitunter starken Leerlauf. Manche Szenen – wie ein älteres Paar, das am Ende herzig Händchen hält – streifen gefährlich die Grenze zum Kitsch. Dass das Musikdrama auf der Strecke bleibt, liegt auch daran, dass die Textverständlichkeit zu wünschen übrig lässt – Ausnahmen bilden der einmal mehr gloriose Georg Zeppenfeld als Marke und Markus Eiche als stimmschöner, geschmackssicherer und kerniger Kurwenal. Ekaterina Gubanova bleibt als Brangäne leider ziemlich blass. Die Stamina von Stephen Gould ist nach wie vor beeindruckend. Auch in den Fieberwehen muss man nie Angst um ihn haben – er muss sie nicht aus dem Leiden entwickeln, sondern meistert sie potent. Was aber fehlt, sind die lyrischen Zwischentöne des Tristan.

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Es fehlen die musikalischen Wow-Momente

Catherine Foster startet fulminant: mit runden, wuchtigen Tönen ist sie im ersten Aufzug in jedem Zoll stolze Königstochter, deren Schmerz aber genauso glaubwürdig ist. Leider schleichen sich bei fortgeschrittenem Abend immer wieder Intonationstrübungen ein. Auch deshalb fehlen diesem Tristan "Wow-Momente", wie "O sink hernieder Nacht der Liebe" oder der Liebestod. Stellen, die Gänsehaut bereiten und einen teilhaben lassen am sich verzehrenden Rausch. Beeindruckend ist, wie Dirigent Markus Poschner auch als Einspringer das Risiko sucht, an dynamische Grenzen geht und mit dem Bayreuther Festspielorchester den symphonischen Wert der Partitur erlebbar macht. Und vielleicht stellt sich das besondere Tristan-Prickeln im Laufe der Vorstellungen ja noch ein. Das Publikum war schon bei der Premiere enthusiastisch und feierte die Beteiligten frenetisch.

Sendung: "Allegro" am 26. Juli 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (8)

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Mittwoch, 27.Juli, 19:45 Uhr

Ciconia Müller

Weiß Kittel

Es gibt keine weißen Kittel für PatientInnen in der Psychiatrie. Wenn Sie solche Assoziationen haben, sollten Sie sich mal ein aktuelles Bild machen. Wenn solche Mittel, wie die Andeutung einer Zwangsjacke aus vergangen Zeiten immer noch bemüht werden, dann finde ich das armselig und für Betroffene nicht schön.

Mittwoch, 27.Juli, 00:49 Uhr

SCHULENBERG

mild und leise..... aber sang die gute Isolde nicht einen halben ton zu tief.... pardon- ich frage ja nur------------

Dienstag, 26.Juli, 19:47 Uhr

Thorsten Reuthner

Ich esse gern ein Eis

Dienstag, 26.Juli, 18:45 Uhr

Ilse Wagenknecht

Tristan und Isolde in Bayreuth

Gestern Abend erfasste mich auch ohne Bühnenbild die ungeheure Faszination, die aus dem Beifall des Publikums zu hören war. Ich habe den Tristan schon mehrmals gesehen und gehört, aber noch nie erfasste ich die außerordentliche Schönheit und Bedeutung dieses Werkes. Ihre Kritik bezieht sich auf technische Mängel, die auchzu hören waren, aber es fehlt eine Würdigung des Zeitbezugs, der Transzendenz,6 und des Mutes zur Innovation.

Dienstag, 26.Juli, 17:30 Uhr

Alexander Störzel

Eröffnung mit "Tristan und Isolde"

PETER KEUL

Was Sie schreiben ist absolut richtig.
Dennoch muss ich Dr. Hafner zustimmen.
Die Schönheit und Poesie des zweiten Aktes mit dem Baum aus der Provence und der sehr gekonnten Lichtregie wurde seither nie wieder erreicht und ist wahrscheilich unüberbietbar.
Auch die Verwandlung zu Beginn des ersten Aktes nach dem Orchestervorspiel von Nebel zu aufgehender Sonne zu einem wirklichen "Vorderdeck eines Schiffes" war seither - soweit mein Wissen reicht - nicht mehr überzeugender.

Dienstag, 26.Juli, 14:34 Uhr

PETER KEUL

Dr.Hafner

Ist es nicht immer so, dass wir uns an unser erstes Wagner/Goethe/Beethoven/Verdi/Pucini Erlebnis erinnern, das uns tief beeindrückt hat? Die Wiederholung Darab zu messen ist ein bedingter Reflex?

Dienstag, 26.Juli, 11:02 Uhr

Herby Neubacher

Tristan Bayreuth

Die Suppe wird immer dünner die Bayreuth serviert. Jetzt schlampt man sich in einer Saison den Ring, Tristan und noch weitere Premieren zusammen. Alles halb gekonnt. Und im Orchestergraben wird künftig Thielemann fehlen das Beste das Wagner Interpretation zu bieten hat. Bayreuths Stern sinkt weiter. Man vergleicht sich sogar schon mit Pink Floyd. Armer Wagner. Armes Deutschland.

Dienstag, 26.Juli, 10:19 Uhr

dr.hafner

Wo sind die Zeiten hin, da Ponnelle einen glanzvollen Tristan schuf?

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