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Kritik - "Der Glöckner von Notre Dame" in München Buckeln für Toleranz

Der Roman von Victor Hugo wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 1996 vom Disney-Konzern als Zeichentrick-Version. Daraus entstand ein Musical, das es nicht auf den Broadway schaffte, in Berlin allerdings ankam. Nach langer Pause ist es jetzt auf Tournee und macht Station im Deutschen Theater in München. Peter Jungblut war am Samstag, 11. November, bei der ersten Vorstellung dabei.

Szenenbild aus dem Musical "Der Glöckner von Notre Dame" am Deutschen Theater | Bildquelle: © Johan Persson

Bildquelle: © Johan Persson

Selbst der Walt Disney-Konzern kennt offenbar seine Grenzen, und vielleicht macht gerade das seinen Erfolg aus: Die Musicalfassung vom "Glöckner von Notre Dame" (Uraufführung 1999 in Berlin) schaffte es nie an den Broadway. Es blieb bei ein paar experimentellen Vorstellungen in San Diego und New Jersey, also in der amerikanischen Unterhaltungsprovinz. Letztes Jahr versuchte es ein besonders wagemutiger Produzent im kalifornischen Sacramento sogar mit einem Taubstummen in der Titelrolle, was die Zuschauer allerdings auch nicht so recht überzeugte: Dass Glockenläuten den Ohren schadet, wussten sie wohl vorher.

Pathetische Hymnen, dröhnende Choräle

In Berlin dagegen füllte das Musical immerhin drei Jahre das riesige Theater am Potsdamer Platz und ist jetzt, nach langer Pause, auch wieder mit einigem Erfolg auf Tournee. Was also haben die Amerikaner gegen diese Bühnenfassung, die doch hierzulande leidlich ankommt? Zu düster, zu tragisch sei der "Glöckner" für das US-Publikum, heißt es oft, aber tatsächlich ist das Musical miserabel komponiert. Der mehrfache Oscar-Preisträger Alan Menken hatte wirklich nicht seine stärkste Stunde, als er diese Filmmusik zu Papier brachte und später für die Bühne bearbeitete.

Szenenbild aus dem Musical "Der Glöckner von Notre Dame" am Deutschen Theater | Bildquelle: © Johan Persson Quasimodo (David Jakobs) | Bildquelle: © Johan Persson Nun scheiden sich an den Disney-Produktionen ohnehin die Geister: Was die einen für seicht, kitschtriefend und verlogen halten, finden nicht wenige aufwühlend, romantisch und befreiend. Doch was bei "Arielle, der Meerjungfrau", bei der "Schönen und dem Biest" oder "Pocahontas" funktioniert - alles preisgekrönte Kompositionen von Alan Menken - wirkt beim "Glöckner von Notre Dame" unbeholfen, unentschlossen und oberflächlich. Menken schrieb überhaupt nur pathetische Hymnen und dröhnende Choräle für dieses Musical, was über knapp drei Stunden eher ermüdend als unterhaltsam ist.

Musikalisch gescheitert und doch sehenswert

Keine einzige Nummer bleibt länger im Gedächtnis, alles plätschert in derselben Pseudo-Gregorianik vorbei. Einzige Abwechslung ist die Instrumentation: Mal darf eine Gitarre verwegene Atmosphäre andeuten - wobei die "Zigeuner" hier tatsächlich noch so heißen - mal klimpert ein Klavier, wenn eine etwas elegischere Stimmung aufkommen soll. Kurz und gut: Dieses Projekt ist musikalisch gescheitert - und trotzdem sehenswert! Denn natürlich hat der deutsche Produzent, die bekannte Stage Entertainment aus Hamburg, die Sänger wieder sorgsam gecastet, eine fulminante Bühne gebaut und den "Glöckner" auf größtmögliche Überwältigung getrimmt.

Licht, Ton und Technik stimmen

Gerade eben war die Produktion ein paar Monate in Berlin zu sehen, gastiert sie jetzt bis Anfang Januar in München und im Februar in Stuttgart. Und Musicalfans wollen natürlich gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit wissen, ob sich die vergleichsweise teuren Karten zum Beispiel als Geschenk auch lohnen, ob also Licht, Ton und Bühnentechnik stimmen, ob die Mitwirkenden Format haben, kurz: Ob sich das Hingehen lohnt. Nach dem gestrigen Premierenpublikum zu urteilen, war die Stimmung sehr freundlich, aber keineswegs enthusiastisch.

Sänger können sich hören lassen

Szenenbild aus dem Musical "Der Glöckner von Notre Dame" am Deutschen Theater | Bildquelle: © Johan Persson Sarah Bowden als Esmeralda | Bildquelle: © Johan Persson Ja, es gab einen großen Schauwert, und der Cast kann sich wirklich sehen und hören lassen: Allen voran Felix Martin als fulminanter Bösewicht Frollo, der kein gutes Ende nimmt. David Jakobs als Glöckner Quasimodo schnallte sich am Ende demonstrativ den künstlichen Buckel ab, den er sich anfangs ebenfalls auf offener Bühne angelegt hatte - soviel Verfremdungseffekt durfte gerade noch sein. Sarah Bowden als Esmeralda wirkte schauspielerisch wie stimmlich leider arg unterkühlt, war mehr Schönheitsmodell als Femme Fatal. Aber echte Sinnlichkeit lässt die klinische Disney-Ästhetik eh nicht zu.

Aktuelle Flüchtlingsdiskussion

Hoch anzurechnen ist der Produktion (Tour-Regie: Dustin Peters), dass sie deutlich, ja überdeutlich, die aktuelle Flüchtlingsdiskussion anspricht - nicht gerade üblich im Musicalgeschäft. Da war beim hasserfüllten Erzdiakon Frollo von "offenen Grenzen" die Rede, von einer "Überflutung" durch Ausländer, von allerlei angeblich zwielichtigen Elementen. Ein klares Signal für Toleranz, gegen diese so offensiv zur Schau gestellte Engstirnigkeit.

Dirigent Bernhard Volk durfte sich über eine leidlich professionelle, angemessene Tonanlage freuen, was in München leider zu selten der Fall ist. Akustisch blieben keine Wünsche offen, was die Musik selbstredend nicht interessanter machte. Von Amerika ist es halt doch ein sehr weiter Weg bis zum Mittelalter.

Termine und Infos

Deutsches Theater München
"Der Glöckner von Notre Dame"
Nach Disney mit Musik von Alan Menken und Stephen Schwartz
Mit David Jakobs, Felix Martin, Jens Janke, Maximilian Mann, Sarah Bowden und anderen

Musikalische Leitung: Bernhard Volk

Vom 11. November 2017 bis 7. Januar 2018
Weitere Infos und Termine: Deutsches Theater München

Sendung: "Allegro" am 13. November 2017 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (6)

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Donnerstag, 16.November, 23:16 Uhr

Aufgeschlossener zuhörer

Die kritikerkommentare

Liebe(r) kommentarschreiber(in)
Die kritik ist doch gut, und offensichtlich sind die 5 kommentare von ein und der selben person.bitte nicht gar so eitel sein. Das war eine passable bis gute Aufführung,aber ich fand die musik auch nicht umwerfend.
Lg und weiterhin schöne Vorstellungen
Lea

Dienstag, 14.November, 10:16 Uhr

KSLL

konstantin.staebler@yahoo.de

Auch wieder eine Bühne, auf der man gegen die katholische Kirche schießen kann. Echt erbärmlich.

Dienstag, 14.November, 07:36 Uhr

Quasi

Lächerlich!

Was den Kommentar zur musikalischen Qualität angeht, kann man dem Autoren nur ein "lächerlich" entgegen schleudern. Die Musik ist tiefgründig, herausfordern und stark und bietet beim ersten Hören vielleicht wirklich keinen Ohrwurm, was aber auch vollkommen in Ordnung ist, da eine Geschichte erzählt und nicht ein Autor fröhlich summend nach Hause in den Abend entlassen werden soll. Schaue er sich doch gerne Mamma Mia an, da hat er genug Ohrwürmer und ein richtig oberflächlichen Plot gibts auch noch dazu.

Montag, 13.November, 17:04 Uhr

Jakob Riedle

Waren sie in der richtigen Aufführung?

Sehr geehrter Artikelautor,

Seit der Generalprobe am Freitag sind wir (der Chor, der gestern in der Premiere sang) regelrecht von Ohrwürmern geplagt - die Lieder könnten eingängiger nicht sein... Desweiteren weiß von einigen Leuten im Chor, als auch Besuchern, dass sie sich gen Schluss kaum vor Rührung und Tränen retten können.

Ich stimme Ihnen bzgl. der Aktualität des Stücks zu, aber wohl kaum aufgrund der Referenz zur aufgeblasenen Flüchtlingsdiskussion. Vielmehr aufgrund der Authentizität der Darsteller, welche den Zuschauer mitreißt, sich über seine eigenen Träume und Werte klar zu werden und sich schlussendl. vom Hintergrund Disneys zu lösen vermag.

Sie machen den Eindruck, hartnäckig das Musical einordnen zu wollen, anstatt ihre eigene Authentizität zuzulassen und von der Handlung bewegt zu werden.

Die von Ihnen beschr. Aufführung, kann kaum die gestrige sein.
Dieselbe hätte eine unbefangene und ergebnisoffene Beschreibung verdient.

Mit freundlichen Grüßen,
Jakob Riedle

Montag, 13.November, 16:14 Uhr

Sven Johns

Musical unter meiner Würde?!

Gut geschrieben, oder? Die Kritik bedient doch fast alles, was sein soll. Ein wenig Würdigung, ein wenig Kritik, der Vorwurf von ein wenig Oberflächlichkeit und den pauschalen Hammer des"das gefällt mir so gar nicht und ist unter meiner Würde". Was tun, wenn mich der Bayerische Rundfunk in die Niederungen von seichter Muse schickt? Was tun, wenn die sakrosankte Klassik von geradezu skandalös leichteren Welten unterwandert zu werden droht? Was tun, wenn etwas, das so ganz anders ist als das, was gesohnte Ohren kennen, in einem ähnlichen Gewand daher kommt? Lassen wir es durchfallen. Es kommt nicht an "unsere" Wertvorstellungen heran. Ooh wie irrst du dich, Kritik. Und wie irreführend bist du für deine Leser, wie allein lässt du sie mit diesem zeitgenössischen Text, mit all den Sekundärtugenden, die in diesem Stück angesprochen werden, mit all den Fragen, die das Stück stellt und nur teilweise beantwortet und deshalb so viel Raum für jeden Zuhörer lässt.

Montag, 13.November, 15:55 Uhr

Johannes Thom

Grausiger Kommentar

Wenn man sich Ihren Kommentar durchlässt, kommt die Frage auf, ob sie gestern tatsächlich vorort waren...
Natürlich ist es bei Musik im Allgemeinen viel Geschmackssache, was gut und, was schlecht ist, trotzdem könnte wohl kaum jemand, der diese Musik gehört hat behaupten, die sie sei schwach. Von allem, was ich nachher vom Publikum gehört habe, war das Begeisterndste die Musik - die unglaubliche Voluminösität des Klangs von Live-Chor, Live-Orchester und natürlich der Cast!
Wer dieses Meisterwerk mit herkömmlichen Musicals, die in Amerika gut ankommen, vergleichen will hat natürlich keine Chance. Es ist viel besser, als diese musikalisch deutlich weniger wertvollen Werke, was das breite Deutsche Publikum genauso sieht - gemessen am Erfolg in Berlin und der Tatsache, dass das Deutsche Theater bereits jetzt für jeden Abend fast voll ist!!!
Hervoragendes Bühnenbild, grandiose Darsteller, wundervolle Musik und eine (von Ihnen dementierte) tiefgründige Handlung, die zu Herzen geht-ein Muss!

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