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Dirigentinnen - eine Bestandsaufnahme Frauen vor dem Orchester

Das BBC National Orchestra of Wales berief die Chinesin Xian Zhang zur ersten Gastdirigentin, die Mexikanerin Alondra de la Parra leitet ab 2017 das Queensland Symphony Orchestra – und vor einer Woche wurde bekannt gegeben, dass Mirga Gražinytė-Tyla die Nachfolgerin von Andris Nelsons beim City-of-Birmingham-Symphony-Orchestra wird. Als wir das auf unserer Facebook-Seite verkündeten, hieß es in den Kommentaren: „Wie wär’s mal ohne „eine Frau“ in der Überschrift?“. Für uns der Anlass zu einer Bestandsaufnahme: Wie weit sind wir im Jahr 2016 mit der Gleichstellung am Pult?

Die Dirigentin Simone Young | Bildquelle: Monika Rittershaus

Bildquelle: Monika Rittershaus

Oft in Nischen, immer öfter in Chefpositionen

Sie ist die berühmteste: Simone Young. Und sie ist es so Leid, das Thema. Im Jahr 2000 antwortete die Dirigentin auf die Frage, ob sie nicht gerne ein paar mehr Konkurrentinnen hätte: ja sehr gerne - "weil dann wäre das Thema endlich mal weg vom Tisch!"
Fakt ist: Frauen als Dirigentinnen sind auf der ganzen Welt, aber besonders in Mitteleuropa, eine Rarität. Von über 130 Orchestern in Deutschland werden gerade mal drei von Frauen geleitet: Eines davon nicht mehr lange: Karen Kamensek verlässt die Staatsoper Hannover nach der aktuellen Saison. Dann bleiben noch Kristiina Poska an der Komischen Oper Berlin und Joana Mallwitz am Theater Erfurt. Immerhin Erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin ist Anja Bihlmaier in Kassel – und die Assistenz eines der begehrtesten Dirigenten weltweit, Kirill Petrenko, hat Oksana Lyniv inne. Oft sind Frauen noch in Nischen wie der Alten oder der Neuen Musik zu finden - aber es tue sich etwas, meint Mary Ellen Kitchens, eine der Geschäftsführerinnen vom "Archiv Frau und Musik" und erinnert an die Debatte um einen Nachfolger - oder eben eine Nachfolgerin - in der Chefposition bei den New Yorker Philharmonikern. Auch die Finnin Susanna Mälkki war für den wichtigen Posten im Gespräch gewesen.

"Männliche" und "weibliche" Musik?

Susanna Mälkki | Bildquelle: Astrid Ackermann Die finnische Dirigentin Susanna Mälkki | Bildquelle: Astrid Ackermann Zum Glück ist die Frage, ob eine Frau überhaupt dafür geeignet sei, ein Orchester zu dirigieren, inzwischen überwunden. Fast zumindest. Manche festgefahrene Meinung existiert noch: So behauptete der finnische Professor Jorma Panula 2014 im finnischen Fernsehen, Frauen könnten keine "männliche" Musik - er nennt Bruckner und Strawinsky - dirigieren, sondern nur "weibliche" wie Debussy. Damit wärmte er eine Diskussion von vorgestern auf, als es noch darum ging, dass Orchesterleitung eine Machtposition sei, in der das sensible Geschlecht nichts verloren hätte. Simone Young, immer schon Vorkämpferin, räumte damit bereits vor vielen Jahren auf.

Ich glaube, wir machen grundsätzlich einen Fehler, indem wir Männlichkeit mit Stärke verbinden und Weiblichkeit mit Sensibilität. Jeder Künstler braucht Stärke und Sensibilität, egal ob es Mann oder Frau ist.
Simone Young

Dirigentin Alondra de la Parra | Bildquelle: Cicero Rodrigues Alondra de la Parra leitet ab 2017 das Queensland Symphony Orchestra | Bildquelle: Cicero Rodrigues Die Zeit der großen Maestri, der Pultdiktatoren á la Karajan, scheint eh vorbei. Das Berufsbild Dirigent/Dirigentin hat sich gewandelt - weg vom über allen thronenden Boss hin zur Vermittlerfigur. Mary Ellen Kitchens vom "Archiv Frau und Musik" spricht von einem großen Wandel "im Sinne von kollegialer Zusammenarbeit". Man sehe zunehmend die Möglichkeit eines Austauschs auf Augenhöhe, "die Möglichkeit, Anregungen aus dem Orchester anzunehmen - da hat der Stil sich gewandelt."
Dennoch hat es gedauert, bis die Frauen am Pult angekommen sind. Schon längst sind Ärztinnen, Richterinnen oder Politikerinnen keine Ausnahme mehr - auch wenn natürlich noch nicht von einer Gleichstellung die Rede sein kann. Warum mussten wir so viel länger auf die Dirigentinnen warten? Kitchens verweist auf die historische Situation - Frauen spielten ja überhaupt erst seit ein paar Jahrzehnten im Orchester. Dirigieren sei außerdem eine sehr visuell geprägte Tätigkeit: "da spielen alle Vorurteile auch mit: Eine Frau wird eine andere Körperlichkeit haben, die man nicht per se mit diesem Berufsbild so stark verbindet."

"Wir sind in einem positiven Prozess"

Der Anfang ist gemacht, nun ist es also eine Frage der Gewöhnung. Bei der Konferenz „Und sie komponieren, dirigieren doch!“ vor zwei Wochen in München - veranstaltet vom Verein „musica femina München“ und dem „Archiv Frau und Musik“ - war man zuversichtlich. Kitchens erinnert an eine Podiumsdiskussion: "Wir endeten mit der Frage: Wie lange dauert es noch, bis eine Frau das Neujahrskonzert in Wien dirigiert? Viele von uns haben gesagt: Fünf Jahre, aber wir müssen halt unser Lobbying weitermachen. Es ist viel Bewegung drin, wir sind in einem positiven Prozess."

Dirigentinnen über die Jahrhunderte - ein historischer Überblick

Kommentare (5)

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Montag, 15.Februar, 14:32 Uhr

Ludger Schäffer

Frauen vor dem Orchester

War nicht Iona Brown einige Jahre Dirigentin des Orchesters "Academy of St. Martin in the fields"? Ich habe nämlich CD-Aufnahmen mit Mozart Symphonien unter ihrer Leitung.
Mit freundlichen Grüßen
Ludger Schäffer

Samstag, 13.Februar, 11:13 Uhr

GypsyGirl

Dirigentinnen

Der Richtigkeit halber, Kristiina Poska ist Erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin, GMD dort ist Henrik Nánási.

Samstag, 13.Februar, 09:30 Uhr

Kommentator

Gleichstellung ist nicht Gleichberechtigung

Guten Morgen,

Ihr Artikel scheint die implizite Annahme zu machen, dass "Gleichstellung" in jedem Fall etwas Positives und Erstrebenswertes sei. Das ist aber nicht so. Gleichstellung ist etwas Zwanghaftes. Sie spricht den Gruppen gruppenindividuelle Eigenschaften ab, indem sie einfach nur aus der relativen Größe von Gruppen ableitet, dass in allen möglichen Ausprägungen des Lebens - z.B. im Beruf - dieselben Mengenrelationen auftreten MÜSSEN. Falls das in der Wirklichkeit nicht der Fall ist, werden böse diskriminierende Machenschaften unterstellt.

Gleichberechtigung dagegen ist etwas Befreiendes. Der Konsens, dass Gleichberechtigung ein erstrebenswertes Ziel ist, dürfte viel, viel größer sein als bei Gleichstellung.

MfG.

Freitag, 12.Februar, 22:29 Uhr

Wolfgang Proß

Dirigentinnen

Vielleicht sollten Sie Ihre Liste um die bedeutende englische Dirigentin Jane Glover erweitern. Sie hat sich nicht nur in dieser Funktion einen Namen gemacht, sondern hat Bedeutendes für die Erforschung der Musik zwischen Barock und Klassik und ihre Vermittlung geleistet.

Freitag, 12.Februar, 12:59 Uhr

Lauck

Dirigentinnen

Sollte einmal eine Frau das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren, trinke ich ein Extraglas darauf. Ich singe seit 1983 in einem gemischten Chor, der seit 2003 von einer Frau dirigiert wird. Für mich kein Problem.

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