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Filmkritik: "Die Dirigentin" Musik hat nichts mit Geschlecht zu tun

Beim Wort "Dirigentin" denkt man derzeit vor allem an die junge Generation, an Joana Mallwitz und Oksana Lyniv, die die Hoffnung verbreiten, dass es bald mehr Frauen am Pult geben wird. Der Spielfilm "Die Dirigentin" spielt allerdings in den 1920er- und 1930er-Jahren. Damals sorgte Antonia Brico für Aufsehen. Als erste Frau dirigierte sie die New Yorker Philharmoniker, in den USA gegründete sie ein erfolgreiches Frauenorchester. Der bereits 2018 entstandene Film über sie kommt am 24. September in die deutschen Kinos.

Szenenbild aus dem Film "Die Dirigentin". | Bildquelle: Koba Films

Bildquelle: Koba Films

Berlin im Jahr 1929. Der Dirigent Karl Muck beäugt die junge Amerikanerin Antonia Brico, wie sie die unwillige Männertruppe der Berliner Philharmoniker bändigt. Langsam scheint er daran zu glauben, dass es doch keine vollkommen absurde Idee war, eine Frau in seiner Dirigierklasse zuzulassen. Wie so viele Männer im Film "Die Dirigentin", hat auch er Brico erst rüde abgewiesen. Wie so oft hat sie auch ihm alles an Wut und Durchsetzungsvermögen entgegenschleudern müssen, damit er ihr eine Chance gibt: "Ich werde Dirigentin, Sir, mit oder ohne Ihre Hilfe!"

Heimliches Dirigieren auf der Toilette

Antonia Brico ist bereit, sich für ihren Traum ausbeuten zu lassen. Sie ist eine Außenseiterin, unehelich in den Niederlanden geboren und von ihren Pflegeeltern in die USA entführt. Sie arbeitet als Logenschließerin im Konzertsaal, liest die Partitur mit, dirigiert heimlich auf der Toilette und übt in ihrer ärmlichen Dachkammer Klavier. Ihre Karriere beginnt Brico als Pianistin in einer Travestieshow. Sie muss gegen sexuelle Übergriffe, Machosprüche und Standesdünkel ankämpfen, um musikalisch weiterzukommen. Dann verliebt sie sich in einen jungen, reichen Konzertveranstalter, der ihre Liebe zwar erwidert, aber ihre Versuche, in Europa zu studieren, sabotiert.

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DIE DIRIGENTIN Trailer German Deutsch (2020) | Bildquelle: KinoCheck (via YouTube)

DIE DIRIGENTIN Trailer German Deutsch (2020)

Spielfilmtauglich abgeschliffene Biografie

Die niederländische Drehbuchautorin und Regisseurin Maria Peters inszeniert die Geschichte von Antonia Brico als klassische Hollywood-Heldinnenreise – und zwar mit allem, was dazu gehört: Da ist zunächst eine wirklich bemerkenswert gute Besetzung der Rollen, allen voran die Hauptdarstellerin Christanne de Bruijn, die man sich wegen ihrer ausdrucksstarken Augen und ihrer mitreißenden Präsenz merken wird. Die wahre Lebensgeschichte der Dirigentin wird spielfilmtauglich abgeschliffen und um eine Liebesgeschichte erweitert. Das geht in Ordnung. Maria Peters war übrigens so beeindruckt von Bricos Biographie, dass sie nach dem Dreh noch einen Roman nachgelegt hat.

Es lohnt sich übrigens, den Film in der Originalfassung zu sehen, dort wird authentisch Englisch, Deutsch und Niederländisch gesprochen. Wirklich großartige, opulente Bilder entstehen dank gewissenhaft ausgesuchter Drehorte und authentischer Kostüme, die die 1920er-Jahre wieder auferstehen lassen. Um das Popcornkino perfekt zu machen, gibt es böse Widersacher und gute Weggefährten, die Mut machen.

Musik hat nichts mit Geschlecht zu tun

Christianne de Bruijn spielt die aufstrebende Dirigentin Antonia Brico. | Bildquelle: Koba Films Christanne de Bruijn spielt die aufstrebende Dirigentin Antonia Brico. | Bildquelle: Koba Films Musiker Robin ist die gute Seele der Geschichte. Er betreibt die Travestieshow, in der Antonia ihren ersten Job als Pianistin bekommt. Später schickt er ihr heimlich Geld nach Europa. Robin – gespielt vom amerikanischen Trans-Schauspieler Scott Turner Schofield – ist biologisch eine Frau. Ob er am Frau-Sein wegen des biologischen Geschlechts leidet oder wie Antonia an der sozialen Rolle, bleibt offen. Aber dieser Exkurs verleiht der Geschichte und ihrer zentralen Aussage noch mehr Tiefe: Musik hat nichts mit Geschlecht zu tun.

Diesen Tiefgang vermisst man an anderer Stelle schmerzlich. Bricos Widersacher sind allzu plakativ böse gezeichnet. Mark Goldsmith etwa, der als Klavierlehrer sexuell übergriffig wird, und der Jahre später öffentlich gegen ihre Auftritte wettert: "Frauen können nicht führen. Eine Frau mit Taktstock, die vor hundert Männern Verrenkungen macht, ist unattraktiv."

Einblendungen mit politischer Botschaft

Solche Plattitüden mögen damals wie heute verbreitet sein, aber der Film verpasst die Chance, die Mechanismen von Diskriminierung zu entlarven, die vor allem unterschwellig und subtil stattfindet. Die Frage, warum Dirigentinnen bis heute die Ausnahme sind, bleibt ungestellt. Und so sind es hauptsächlich die Einblendungen ganz am Schluss, die die aktuelle politische Brisanz vor Augen führen: Niemals, steht da, wurde Antonia Brico Chefdirigentin eines Orchesters. Und: 2017 wurden die besten fünfzig Dirigenten aller Zeiten gewählt – darunter keine einzige Frau.

Mehr Infos zum Film

Spielfilm: "Die Dirigentin"
Drehbuch und Regie: Maria Peters
Produktionsland: Niederlande (2018)
Länge: 137 Minuten
Deutscher Kinostart: 24. September 2020

Maria Peters' Buch "Die Dirigentin" ist 2020 im Atlantik Verlag erschienen.

Sendung: "Allegro" am 24. September 2020 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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