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Kritik – Lehárs "Juxheirat" als "Auto-Operette" Tempo 180 an der Oper Leipzig

Frauen im Männerstreik, ein österreichischer Butler, der an Kalauern leidet und ein amerikanischer Kfz-Milliardär, der wortreich seine "Armut" beklagt: Mit 34 wagte Lehár ein schräges Experiment, das mit Schopenhauer und Wagner angereichert ist.

Szene aus "Die Juxheirat" an der Oper Leipzig, inszeniert von Thomas Schendel (Oktober 2021) | Bildquelle: Ida Zenna

Bildquelle: Ida Zenna

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Wir wissen ja eigentlich alle, wie sie enden, die Abenteuer und Experimente abseits des Alltags, vor allem die amourösen: Mit Kopfschmerzen. Trotzdem wollen sich immer wieder Leute einen "Jux machen", wie es der Wiener Volkstheaterdichter Johann Nepomuk Nestroy in einem Schwank 1842 ausgedrückt hat, und in der Hauptstadt mal richtig auf die Pauke hauen. Bei Nestroy kehrt der kleine Gewürzladen-Verkäufer reumütig von seiner großen Sause zurück und hat für alle Zeiten genug davon, ein Draufgänger zu sein.

Mit Schopenhauer und Nietzsche

Szene aus "Die Juxheirat" an der Oper Leipzig, inszeniert von Thomas Schendel (Oktober 2021) | Bildquelle: Ida Zenna Szene aus Lehárs "Juxheirat" an der Oper Leipzig | Bildquelle: Ida Zenna Und auch bei Franz Lehárs selten gespielter, früher Operette "Die Juxheirat" von 1904, die sich an Nestroys Biedermeier-Lustspiel orientiert, hat Baronin Selma nach gut zweieinhalb Stunden Schelmerei keinen Bedarf mehr an Halligalli, sondern fügt sich in die Ehe mit dem schneidigen Marinesoldaten, dem sie ursprünglich eigentlich nur eins auswischen wollte. Ein großer Erfolg war das Stück bei der Uraufführung nicht, Lehár wurde erst ein Jahr später zum Superstar, mit seiner unverwüstlichen "Lustigen Witwe". Der Grund dafür: "Die Juxheirat" hat eine reichlich verworrene Handlung, keine wirklich zündenden Hits und überfordert die Zuschauer bisweilen mit Anspielungen auf große und weniger große Mode-Intellektuelle der damaligen Zeit: Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, Richard Wagner und eben Nestroy.

Und die hier viel zitierten Automobile waren um 1900 noch eine reichlich exotische Sache für einige wenige, reiche Spinner. Wenn daher ein amerikanischer Milliardär die Auslieferung seines 20.000 Modells feiert, von Tempo 180 schwärmt und dankbar dafür ist, dass sein einstiger Schwiegersohn im Fahrzeug einer anderen Firma zu Tode kam, dann werden das nicht alle lustig gefunden haben. Trotzdem ist die "Juxheirat" eine Entdeckung wert, und die Musikalische Komödie in Leipzig hat es auf gewohnt professionellem Niveau gewagt.

Das Patriarchat bröckelt vor sich hin

"Die Juxheirat" - Musikalische Komödie Leipzig | Bildquelle: © Tom Schulze/ Oper Leipzig Szene aus Lehárs "Juxheirat" an der Oper Leipzig | Bildquelle: © Tom Schulze/ Oper Leipzig Kein einziger der vielen Mitwirkenden musste seinen Sprechtext radebrechen oder behutsam aufsagen, wie es leider oft an Stadt- und Staatstheatern mit ihren internationalen Besetzungen der Fall ist. Da reicht dann oft die Probenzeit nicht aus, um asiatische oder osteuropäische Sänger mit den Feinheiten der deutschsprachigen Situationskomik vertraut zu machen. Gute Operette lebt aber gerade von souveränen Sängerschauspielern, die zwar nicht unbedingt Tempo 180 meistern müssen, aber doch geschwind unterwegs sein sollten, und das war in der Regie von Thomas Schendel der Fall. Sein Ausstatter Stephan von Wedel hatte die Bühne mit goldenen Säulen zugestellt, lauter ramponierten, halb abgebrochenen Exemplaren, wie sie auf Gräbern als Zeichen der Vergänglichkeit zu sehen sind. Hier dagegen symbolisierten die mehr oder weniger hohen Stümpfe das Ende der Männerherrlichkeit, des bröckelnden Patriarchats.

Die Frauen haben einen Verein gegründet, "Los vom Mann, so laute die Parole", und beim Blick ins Programmheft ist es ihnen nicht zu verübeln: Dort waren Zeitungsanzeigen aus den fünfziger Jahren zu sehen, in denen der Ehemann seine Angetraute doch tatsächlich aufs Knie legt, weil sie nicht in der Lage war, frischen Kaffee zu kaufen. Und der Erwerb einer neuen Krawatte sollte garantieren, dass die Gattin vor Ehrfurcht in die Knie geht.

Zeitgemäßes Vergnügen

Gut, alle aufständischen Frauen sind dann doch zum Finale unter der Haube - bis auf eine, die wird Pathologin, damit ihr die "Männer endlich zu Füßen liegen". Etwas mehr Gender-Wahnsinn und ätzendere , aktuellere Kritik an eingeübten Geschlechterrollen hätte die Produktion gewürzt, so war sie doch sehr familientauglich, aber gleichwohl ein zeitgemäßes Vergnügen. Und der Butler aus Österreich klagte immerhin über Menschen, die im Mittelmeer ertrinken und schmelzende Polkappen und ließ damit aufblitzen, dass nicht nur Milliardäre Probleme haben.

Dirigent Tobias Engeli hatte hörbar seinen Spaß an einer Partitur, die wegen der vielen Nummern im Marsch-Rhythmus viel mehr nach einer Berliner als nach einer Wiener Operette klang. Unter den Solisten überzeugten vor allem Michael Raschle als leidgeprüfter Auto-Milliardär, Adam Sanchez als erstaunlich schüchterner Liebhaber, Nora Lentner als zigarrenpaffender Männerschreck, Julia Ebert, die eine verblüffende Metamophose hinlegte, und Lilli Wünscher als Selma. Fazit: Auch Franz Lehár ist nicht als Meister vom Himmel gefallen, aber doch mit viel Fantasie.

Sendung: "Leporello" am 4. Oktober 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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