BR-KLASSIK

Inhalt

Ernst von Siemens Musikpreis 2021 für Georges Aperghis Zärtlicher Revoluzzer

Als "unverwechselbare Stimme unter den herausragenden Komponisten unserer Zeit" würdigt die Ernst von Siemens Musikstiftung den griechischen Komponisten Georges Aperghis in der Begründung ihrer Entscheidung: Aperghis erhält in diesem Jahr nämlich den Ernst von Siemens Musikpreis, der auch als 'Nobelpreis der Musik' gehandelt wird. Ausgezeichnet wird damit einer der Großen der Neuen Musik, der sich nie so richtig einer bestimmten Strömung zuordnen lies – und einer, von dessen Menschlichkeit und Wärme Musikerinnen und Musiker immer wieder schwärmen.

George Aperghis | Bildquelle: Xavier Lambours

Bildquelle: Xavier Lambours

Zärtlicher Revoluzzer

Der Komponist Georges Aperghis

Für mich ist Komponieren eine Art Medikament, ein Medikament gegen die Gewalt des Lebens.
Georges Aperghis

Komponieren als Selbsttherapie, als schöpferisches Bei-sich-Sein – diese Erfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Georges Aperghis. Schon als Kind habe er viel Zeit für sich gebraucht, sagt der 75-jährige Grieche. Dabei komponiert er natürlich längst nicht nur zum eigenen Seelenheil. Er schreibt auch an gegen die Einfalt, gegen die blutleere Langeweile des Immergleichen. Aperghis weiß um die süße Bequemlichkeit des Vertrauten – und fordert: "Man muss bereit und offen sein für alles."

Zärtlicher Klangforscher

Der Komponist Georges Aperghis, ein nachdenklicher Klangforscher | Bildquelle: Rui Camilo EvS Musikstiftung Zuhause in der Bastille: Der griechische Wahlpariser Georges Aperghis | Bildquelle: Rui Camilo EvS Musikstiftung Aperghis liebt das Zerbrechliche und Flüchtige. Ihn bewege eine zärtliche Aufmerksamkeit für vernachlässigte, angeblich wertlose Klänge, sagt er. Das Bedürfnis, die Dinge umzuwerten, sie umzukehren, prägt sein künstlerisches Selbstverständnis ganz generell: aus Gesellschaftlichem Intimes machen, aus Klanglichem Visuelles, aus Theater Konzert, aus Worten Musik.

Bei aller inneren Einkehr liebt Aperghis jedoch auch das bunte Leben, die belebte Straße in der Pariser Bastille, in der er seit vielen Jahren wohnt. Eine Straße voller Cafés, Nachtclubs, Tanzlokale. Mit viel Stoff für Theater im Kopf. Überhaupt: Theater. Mehr als zwanzig Opern und Musiktheaterstücke hat George Aperghis geschrieben.

Vom Maler in Athen zum Komponisten in Paris

Möglich, dass die Wurzeln dieser Aufgeschlossenheit – gegenüber dem Leben wie gegenüber anderen Künsten – auch in seiner Kindheit liegen. Geboren wird Georges Aperghis 1945 in Athen, als Giorgios Aperghis. Kunst ist im Elternhaus allgegenwärtig. Die Mutter malt, der Vater ist Bildhauer. Und Giorgios tritt in ihre Fußstapfen, organisiert schon mit zwölf erste Ausstellungen. Die Musik schleicht sich eher nebenbei in sein Leben. Vor allem in Form klassischer Symphonien, die aus dem Radioapparat knistern – begleitet von den Hammerschlägen, die aus dem väterlichen Atelier tönen und dem polyphonen Stimmgewitter das von der Straße heraufdringt: eine Wunderkammer der Klänge, aus der Aperghis später noch schöpfen wird.

George Aperghis | Bildquelle: Astrid Ackermann Georges Aperghis bei einer Probe der musica viva im Münchner Herkulessaal | Bildquelle: Astrid Ackermann Zu seiner ganz eigenen Stimme im Stimmgewitter der Pariser Avantgarde findet Aperghis spätestens mit seinen Récitations für Stimme solo aus dem Jahr 1978. Aperghis arbeitet darin nicht mit Noten und Tonhöhen, sondern mit Silben und Phonemen, zerlegt die Sprache in ihre Einzelteile. Man mag darin eine Nähe zur zeitgenössischen Philosophie erkennen. Zur poststrukturalistischen Linguistik, die die Wörter ebenfalls in ihre Bestandteile auflöst, auf der Suche nach ihren Elementen, den Atomen, aus denen ihre Bedeutung entsteht. Aperghis interessiert sich jedoch nicht für den Sinn, sondern für den Klang der Worte: das geheime Alphabet aus Klangfarben und Schattierungen, das man überhört, wenn man aufs Begreifen aus ist.

Im Kleinen zuhause, aber auch im Großen ein Könner

Das Interesse für das Verhältnis von Sprache und Klang bleibt eine Konstante in der Arbeit von Georges Aperghis. Genauso seine Vorliebe für die kleine Form: Vokal-, Klavier- und Kammermusik dominieren sein Schaffen. Orchesterwerke bleiben die Ausnahme. Darunter seine Études, die 2015 in München zur Uraufführung kommen, befreit von allem postromantischen Pathos, ausgedünnt und gelichtet im Klang. Ihm gelingt das Kunststück, dass das Orchester, dieses musikalische Schwergewicht, zart leuchtet.

Georges Aperghis spricht kein Deutsch, aber ein deutsches Wort ist ihm beim Komponieren einmal begegnet und seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Augenblick. Mit dem Ernst von Siemens-Musikpreis ist auf jeden Fall ein großer für ihn gekommen.

Sendung: "Allegro" am 16. Juni 2021 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Das Festkonzert zur Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises 2020 an Tabea Zimmermann können Sie sich hier ansehen.

Kommentare (0)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.
Zu diesem Inhalt gibt es noch keine Kommentare.

    AV-Player