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Kritik – Puccinis "Madama Butterfly" in Passau Diese Tränen sind okay

Ohne Heulerei geht´s in diesem Fall nicht, und das Publikum feierte denn auch mit feuchten Augen eine schlüssige und kitschfreie Deutung dieser japanischen Geisha-Tragödie. Ein packendes, keineswegs schmerzfreies Stück Vergangenheitsbewältigung.

"Madama Butterfly" am Landestheater Passau (2021) | Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Ziemlich gefährlich, die Opern von Giacomo Puccini: Das Publikum vergießt seine Tränen nämlich nicht selten deutlich unter Niveau. Und wer weint schon gern im seichten Wasser? Das gilt besonders für das Rührstück „Madama Butterfly“, ein Stoff, mit dem mehrere Romanautoren, ein geschäftstüchtiger Theatermacher und ein Opernkomponist gutes Geld verdienten, bevor sich Puccini ebenfalls die Rechte sicherte. Die angeblich teils wahre Geschichte von einer japanischen Geisha, die von einem ausländischen Marineoffizier geschändet und ihrem Schicksal überlassen wird, bewährte sich zuverlässig an den Kassen des späten 19. Jahrhunderts. Ein Grund dafür: Damals war alles Japanische schwer in Mode, galt als exotisch und faszinierend. Umso leichter rutschen Inszenierungen auf diesem Seifenteppich aus und lassen den Zuschauer mindestens knietief im Kitsch waten.

Das familiäre Band ist reißfest

"Madama Butterfly" am Landestheater Passau (2021) | Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Gut, dass das Landestheater Niederbayern einen ganz anderen Weg gegangen ist. Natürlich, auch dort blieb bei der Live-Premiere (online kam die Produktion ohne Orchesterbegleitung bereits vor einem Jahr heraus) kaum ein Auge trocken, und sentimental war die eine oder andere Stelle auch, aber die Regisseure Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn erzählten eben nicht nur das traurige Ende der sitzengelassenen Cio-Cio-San, genannt Butterfly, sondern auch das Schicksal des Kindes, das sie mit ihrem zeitweiligen Liebhaber Pinkerton hat. Der Sohn, längst erwachsen geworden, lebt in Amerika, dort, wohin ihn der Vater einst verschleppt hat, seiner vor Jahrzehnten gestorbenen Mutter entfremdet, ihr aber gerade deshalb sehr nah. Dieses familiäre Band, das auch immer wieder auf der Bühne zu sehen ist, mal Fessel, mal Hochzeitszierde, mal die Generationen miteinander verknüpfend, ist unzerreißbar und deshalb von höchster Tragik. Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln, klar, das war in Passau eindrucksvoll und tief berührend zu sehen.

Mehr und mehr identifiziert sich der Sohn mit der Mutter, von er nur noch einen Koffer voller Andenken hat. Er durchlebt ihre Verzweiflung, sieht die Welt mit ihren Augen, kleidet sich schließlich mit ihrem Kimono, trägt ihre Frisur und will mit Hilfe von Make-Up in ihre Haut fahren. Die New Yorker Bar, die der Sohn betreibt, benannte er nach Madama Butterfly, aus Respekt, womöglich aber auch nur deshalb, weil er mit ihrer Selbsttötung nicht fertig wird und sie ständig beschwört, ohne ihre Gegenwart nicht fähig ist, selbst weiterzuleben. Über gut zwei Stunden wird das packend, psychologisch gekonnt und wahrhaft aufwühlend inszeniert.

Der Schmerz spricht englisch

"Madama Butterfly" am Landestheater Passau (2021) | Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Das Drama der Butterfly besteht ja vor allem darin, dass sie aus Liebe und Pflichtgefühl alle Brücken, die in ihr früheres Leben führen, zerstört hat und somit nur noch nach vorne gehen kann, dorthin, wo eine riesengroße Enttäuschung wartet. Die Begeisterung des Publikums am Ende war absolut nachvollziehbar. Und das, obwohl der Sohn, der im Programmheft als „Dolore“ bezeichnet wird, also als personifizierter Schmerz, durchgehend englisch spricht, was zwar authentisch ist, aber Übertitel nötig machte. Hier und da setzt das britische Regie-Duo Hosseinpour und Lunn etwas arg grelle Zeichen, etwa, wenn sie den bösen Amerikaner Pinkerton auch noch vor dem Foto einer Atombombenexplosion auftreten lassen und mit Donald Trumps Porträt konfrontieren. Der Mann wäre ohnedies schon "schurkisch" genug gewesen. Und mancher Ausdruckstanz trug außer Unruhe wenig Erhellendes zur Oper bei, da wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

Ausstatterin Andrea Hölzl hatte einen riesigen Fächer für die Bühne entworfen, mehr japanische Exotik gab´s nicht, dafür aber einige sehr klare Botschaften: Aus dem Sushi-Stand wird eine Cola-Theke, Butterfly ist dort ihre eigene beste Kundin, kein Wunder, dass das Geschäft schleppend läuft. Und die Verwandtschaft, die in dieser Fassung, die ohne Chor auskommt, gestrichen wurde, darf wenigstens auf Smartphones lächeln.

Butterfly als Kammerspiel

"Madama Butterfly" am Landestheater Passau (2021) | Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Bildquelle: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern Insgesamt ein Kammerspiel, das keinen äußeren Aufwand nötig hat und in dieser reduzierten Fassung vor allem deshalb funktioniert, weil mit der chinesischen Sopranistin Yitian Luan eine phänomenale Hauptdarstellerin auf der Bühne stand. Sie warf sich mit beängstigender stimmlicher und emotionaler Präsenz in diese enorm kraftraubende Partie. Letztlich muss sie ja eine runde Stunde der Handlung mehr oder weniger ganz allein stemmen. Mit ihrer Intensität traf sie ins Herz des Publikums und wurde auch entsprechend gefeiert. Verglichen damit schrumpften alle anderen Mitwirkenden fast zu Statisten. Allein der südkoreanische Bariton Kyung Chun Kim als amerikanischer Konsul konnte da noch einigermaßen mithalten: Souverän und betont unaufgeregt im Ausdruck. Tenor Jeffrey Nardone als Pinkerton hatte es schwer, wirkte diesmal streckenweise ermüdet, haderte wohl auch mit dieser undankbaren Rolle. Reinhild Buchmayer hätte aus der Suzuki, der Dienerin der Butterfly, stimmlich und schauspielerisch deutlich mehr machen können. Dagegen gelang es dem südkoreanischen Bass Heeyun Choi mit einem Minuten-Auftritt als eifernder Onkel Bonze sein Format zu beweisen.

Dirigent Basil H.E. Coleman, der die "Butterfly" im vergangenen Jahr, mitten in der Pandemie, noch am Flügel begleiten musste, konnte diesmal endlich wieder "aus dem Vollen" schöpfen. Das war ein opulenter Hörgenuss, soweit der im vergleichsweise kleinen Fürstbischöflichen Opernhaus in Passau bei einer derart pompös orchestrierten Partitur möglich ist. Für Puccini ist der Raum eigentlich viel zu klein, da wackeln beim Forte schnell die Wände, auch im übertragenen Sinne. Insgesamt eine sehens- und hörenswerte „Butterfly“-Deutung, zwar nicht mit echten Tränen, aber wohlbegründeten.

Sendung: "Allegro" am 11. Oktober 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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