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Glosse: Programmheft als Bewerbungsmappe? Macht Euch menschlicher!

Diese Vorfreude: der Platz im Publikum ist eingenommen, drumherum plaudern die anderen, während das Orchester sich einspielt. Zeit, das Programmheft durchzublättern. Was steht auf dem Programm – und vor allem: wer? Auf letzteres bekommt man eine überaus unbefriedigende Antwort durch die typischen Künstlerbiographien, findet Kathrin Hasselbeck.

Programmheft | Bildquelle: BR

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Zugabe

Liebe Künstler, macht Euch menschlicher!

Liebe Sängerinnen, Pianisten, Solisten-Ensembles, ihr freut euch auf eine neue Saison, ich freu mich auf eine neue Saison. Aber was haltet ihr von einem Neuanfang. Ich meine, mal ehrlich: Da blättere ich neugierig durchs Programmheft, freue mich auf euch, und dann: Was sollen diese Listen? Dirigenten, mit denen ihr zusammengearbeitet habt: aneinandergereiht, durch Kommas getrennt. Orchester, bei denen ihr zu Gast wart: aneinandergereiht, durch Kommas getrennt. Konzerthäuser und Opernbühnen, auf denen ihr gestanden habt: aneinandergereiht, durch Kommas getrennt. Dasselbe noch mit Werken, Rollen, Lehrern und, nicht zu vergessen: Wettbewerbserfolgen. Wenn das wirklich in einem Programmheft alles drinstehen soll, dann macht’s doch gleich übersichtlich als tabellarischen Lebenslauf.

Programmheft oder Bewerbungsmappe?

Schon klar, das sind natürlich Codes: Carnegie Hall, Salzburger Festspiele, Simon Rattle – drei Mal zehn von zehn Punkten. Der dritte Preis beim Tschaikowsky-Wettbewerb bedeutet mehr als ein erster Preis beim Europäischen Klavierwettbewerb in Bremen. Und den Auftritt in der Kleinstadt-Turnhalle oder beim Einweihungsfest vom Neuen Rathaus erwähnt ihr lieber gar nicht. Hier muss ein Irrtum vorliegen: Ein Programmheft ist doch keine Bewerbungsmappe! Ihr müsst mich nicht mehr damit beeindrucken, wo und mit wem ihr alles schon aufgetreten seid.

Mein Konzertticket hab ich schon gekauft in dem Moment, wo ich eure Künstlerbio lese. Die Entscheidung, euch zuhören zu wollen – längst gefallen. Mein Vorschlag: Schickt diese Lebensläufe an Veranstalter, Intendanten, Manager. Schickt sie denen, die die Codes dechiffrieren und euren Punktestand addieren, um zu sehen, ob ihr schon reif seid für ihr Angebot. Und zeigt mir auf dieser Seite im Programmheft neben eurem Foto, wer ihr abseits dieser Namen und Orte seid.

Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsbahnstrecke

Ich möchte etwas über eure Leidenschaften erfahren. Seid ihr ein Hunde- oder ein Katzenmensch? Mit welcher Musik bringt ihr euch vor einem Konzert runter? Welcher Glücksbringer reist mit euch durch die Welt? Meinetwegen Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsbahnstrecke. Wenn das zu privat ist: Was hat euch dazu gebracht, die Musik zum Beruf zu machen? Was verbindet euch mit dem heutigen Programm? Wie gern würde ich dazu ein paar Sätze lesen, um euch im Anschluss spielen oder singen zu hören.

Würde euch das menschlich machen? Ja! Macht es euch normal, ja vielleicht sogar langweilig, weil ihr einfach gern spazieren geht und Pink Floyd hört? Möglicherweise. Aber langweiliger als die immer gleichen Aufzählungen sicher nicht.

Sendung: "Allegro" am 4. September 2020 um 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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