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Kritik - "Hippolyte et Aricie" in Berlin Langeweile im Laser-Gewitter

Der Ausstatter war diesmal der Star: Der dänische Licht- und Wasser-Künstler Ólafur Elíasson entwarf Bühne und Kostüme für Rameaus erste Oper von 1733. An der Berliner Staatsoper Unter den Linden wurde daraus eine fade Abfolge von Installationen.

Szenenbild aus der Oper "Hippolyte et Aricie" an der Staatsoper unter den Linden | Bildquelle: © Karl und Monika Forster

Bildquelle: © Karl und Monika Forster

Kritik

"Hippolyte et Aricie" in Berlin

Das hörte sich ja wirklich verführerisch an, um nicht zu sagen verlockend: Der dänische Star-Künstler Ólafur Elíasson wollte nach eigener Aussage seine persönlichen Erfahrungen in den Berliner Techno-Clubs der neunziger Jahre für die Opernbühne aufarbeiten. Begründung: Dort sei es so "barock" wie "ausschweifend" zugegangen, im Dunst der Nebelmaschinen, im Gewitter des Laserlichts, zwischen lauter halbnackten, enthemmten Tänzern. Und tatsächlich: Als coole Lichtinstallation für irgendeinen Nachtclub war die Ausstattung von Ólafur Elíasson für die selten gespielte Barock-Oper "Hippolyte et Aricie" von Jean-Philippe Rameau überzeugend. Leider aber auch nur als solche.

Er ließ 100 Tonnen Grönlandeis schmilzen

Szenenbild aus der Oper "Hippolyte et Aricie" an der Staatsoper unter den Linden | Bildquelle: © Karl und Monika Forster Bildquelle: © Karl und Monika Forster Da war alles dabei: Jede Menge funkelnde Spiegel, inspiriert vom Spiegelsaal in Versailles, grünes Laserlicht, weiße Scheinwerfer-Kegel, Regenbogen-Effekte im Dunst, oder im "Haze", wie die Theaterleute sagen. Dazu Kostüme mit reflektierenden Prismen, eine meterhohe Disco-Kugel und - bei Ólafur Elíasson sozusagen selbstverständlich - Projektionen von Wellenbewegungen und Interferenzen. Seine Wasserfälle in New York machten ihn schließlich weltberühmt, in Bremen, Berlin und Tokio färbte er die Flüsse grün, in Kopenhagen ließ er auf dem Rathausplatz 100 Tonnen Grönlandeis schmilzen. Aber taugt das alles für die Bühne? So technisch brillant Lichtdesigner Olaf Freese die Ideen von Ólafur Elíasson auch umgesetzt hatte, es blieb der Eindruck von Installationen, die für sich genommen durchaus ansehnlich, ja von barocker Pracht waren, aber doch eher wirkten wie eine Ausstellung in irgendeiner Galerie.

So bieder war das Berliner Nachtleben nie

Ja, das Berliner Nachtleben ist zweifellos theatralisch, mag sein, dass auch die Beleuchtung dort grundsätzlich dramatisch ist, aber in diesem Fall passte wirklich nichts zusammen. Deshalb gab es am Ende auch vernehmliche Protestrufe aus dem Publikum, bitterböse Kommentare an der Garderobe und Enttäuschung darüber, dass Ólafur Elíasson zum Schlussapplaus gar nicht erst auf der Bühne erschien. Laut Pressestelle "wusste" der Künstler nicht, dass er auf der Bühne erwartet wurde und saß ungünstig in der Mitte des Parketts. Er sei jedoch mit der Produktion "sehr glücklich" gewesen. Wie auch immer: Stattdessen musste sich die britische Regisseurin Aletta Collins dem Unmut der Zuschauer stellen. Sie ist gelernte Choreographin und ließ über gut drei Stunden hinweg immer wieder Tänzer in Elíassons kunterbunter Club-Kulisse auftreten. Doch die Bewegungen der Tänzer erinnerten eher an Gymnastik oder esoterische Eurythmie als an barockes Treiben. So bieder ging es im Berliner Nachtleben vermutlich nicht mal vor dem Ersten Weltkrieg zu.

Schon die Uraufführung langweilte

Szenenbild aus der Oper "Hippolyte et Aricie" an der Staatsoper unter den Linden | Bildquelle: © Karl und Monika Forster Bildquelle: © Karl und Monika Forster Auf die Dauer ermüdete, ja verärgerte das Ballett beträchtlich, zumal Rameaus Musik alles andere als mitreißend ist. Der Mann hat nach seiner allerersten Ballett-Oper wesentlich packendere und unterhaltsamere Stücke komponiert. Schon bei der Uraufführung kam der Hofgesellschaft in Paris "Hippolyte et Aricie" reichlich lang vor, und damals gab es bekanntlich noch weniger Termindruck als heute. So kam der Eindruck auf, dass dieser Abend zustande kam, weil Stardirigent Simon Rattle halt unbedingt diesen Rameau machen wollte. Dabei erwies sich einmal mehr, dass Rattle zwar ein souveräner und sängerfreundlicher Dirigent ist, aber für die Verhältnisse der Oper viel zu sehr auf die Partitur fixiert ist, die ihn offensichtlich stets mehr interessiert als das Bühnengeschehen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Freiburger Barock-Orchester, das sich beachtlich schlug. Musikalisch ein erlesener Rameau - stimmlich weniger. Reinoud Van Mechelen und Anna Prohaska in den Titelpartien überzeugten noch am ehesten, die tschechische Mezzo-Sopranistin Magdalena Kožená, Ehefrau von Rattle, enttäuschte - so unbeteiligt, wie sie sang. Auch die meisten anderen Solisten wirkten unsicher und gehemmt in dieser über-ehrgeizigen Produktion. Als Lichtshow ist der Berliner Friedrichstadtpalast jedenfalls eher zu empfehlen.

Nächste Vorstellungen

29. November, sowie 2., 4., 6. und 8. Dezember 2018 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Weitere Infos zu Terminen und Besetzung finden Sie unter staatsoper-berlin.de.

Sendung: Allegro am 26.11.2018 um 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK.

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