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Der Flötist Giovanni Antonini im Interview Immer bereit für musikalische Abenteuer

1985 in Mailand gegründet, genießt das Originalklang-Ensemble "Il Giardino Armonico" längst Kultstatus. Am 14. November ist es zusammen mit seinem Gründer, dem Blockflötisten Giovanni Antonini, zu Gast in München. Im Interview mit BR-KLASSIK spricht er über sein Instrument, dem ja nach wie vor ein eher schlechtes Image anhängt.

Der Dirigent Giovanni Antonini  | Bildquelle: David Ellis / Decca

Bildquelle: David Ellis / Decca

Das Interview zum Anhören

Der Flötist Giovanni Antonini

BR-KLASSIK: In Deutschland hat die Blockflöte - obwohl es ja speziell in der Alten-Musik-Szene etliche hervorragende Blockflötisten gibt – immer noch ein schlechtes Image: Man lernt das Instrument als Fünfjähriger und schmeißt es ein Jahr später wieder in die Ecke. Warum wird die Blockflöte dieses Image nicht los?

Giovanni Antonini: Ich weiß auch nicht warum. Als ich damals als Jugendlicher anfing, Blockflöte zu spielen, war ich jedenfalls gleich fasziniert von diesem Instrument. Der Blockflötist Frans Brüggen war mein Vorbild. Er zeigte, dass die Blockflöte ein großartiges Instrument ist, mit dem man auf poetische Art Musik ausdrücken kann. Vielleicht liegt es daran, dass man die Blockflöte allgemein mit der Grundschule in Verbindung bringt. Auch in Italien spielen Kinder am Anfang Blockflöte und hören dann damit wieder auf oder wechseln zu einem - sagen wir - "seriöseren" Instrument. Wir sollten nicht vergessen, die Blockflöte hat eine glanzvolle Geschichte: In der Renaissancezeit war die Blockflöte ein absolut etabliertes Instrument, und auch heute gibt es ein sehr interessantes zeitgenössisches Repertoire - zum Beispiel von Luciano Berio, um nur einen Komponisten zu nennen. Für mich jedenfalls ist die Blockflöte ein großartiges Instrument, man kann damit sehr viel ausdrücken.

Als Blockflötist versuche ich, mit der Zunge zu sprechen.
Giovanni Antonini

BR-KLASSIK: Die Musik von Vivaldi ist nicht nur wunderschön zu hören, sie auf der Flöte zu spielen, ist sicherlich auch sehr anspruchsvoll. Da braucht es eine sehr schnelle Zunge und auch sehr schnelle Finger. Haben Sie speziell für Vivaldi bestimmte Übestrategien?

Der Dirigent Giovanni Antonini | Bildquelle: Marco Borggreve Bildquelle: Marco Borggreve Giovanni Antonini: Natürlich ist das anspruchsvolle Musik, die man immer wieder üben muss, auch wenn man sie schon viele Male gespielt hat. Nicht nur die Finger muss man trainieren, weil die Musik so schnell ist, auch die Koordination von Finger und Zunge ist wichtig - und das nicht nur in technischer Hinsicht. Als Blockflötist versuche ich, mit der Zunge zu sprechen. Wir haben wenig dynamische Möglichkeiten, aber man kann expressive Momente durch die differenzierte Artikulation mit der Zunge erreichen.

BR-KLASSIK: Mit dem Ensemble "Il Giardino Armonico" musizieren Sie seit 25 Jahren und begeistern seither Ihr Publikum in dieser Formation. "Il Giardino Armonico" und Antonini - das ist ja quasi eine Einheit. Wie wichtig ist es Ihnen, ein eigenes Ensemble zu haben, um dann auch die eigenen Ideen umzusetzen?

Giovanni Antonini: Das ist sehr wichtig. 1985 fingen wir in Mailand an - wir waren sehr jung und nur zu dritt. Seitdem gehört "Il Gardino Armonico" zu meinem täglichen Leben. Es war auch ein einzigartiger Weg, um Interpretationen und Ideen zu entwickeln, beispielsweise auch für italienische Musik, aber auch bei Bach. Dieselben Leute ständig um sich zu haben, also Musiker, mit denen man dieselbe musikalische Sprache teilt, ist der einzige Weg, etwas originelles zu entwickeln. Und wir haben das in diesen Jahren probiert.

BR-KLASSIK: Ein Instrument perfekt zu beherrschen, ist das eine, aber darauf auch gut zu improvisieren etwas anderes. Gute Barockmusik funktioniert heute eigentlich nur mit guter Improvisation. Oder sehen Sie das anders?

Giovanni Antonini: Das sehe ich genauso. Es gibt geradezu eine neue Welle des Improvisierens. Junge Musiker wollen diesen Aspekt in der Barock- und in der Renaissancemusik herausstellen, eine Entwicklung im Bereich der historischen Aufführungspraxis, die vor 40-50 Jahren ihren Anfang nahm. Und nicht nur für das Basso-Continuo-Spiel ist das Improvisieren von Bedeutung, sondern auch für die Melodieinstrumente wie Violine, Blockflöte oder Zink. Und meiner Meinung nach müssen wir das noch viel weiter entwickeln.

Nach einem Konzert bin ich immer im positiven Sinne müde.
Giovanni Antonini

BR-KLASSIK: Ihre Interpretationen sind oft unglaublich packend und sehr intensiv, meist in recht flottem Tempo, dabei aber gleichzeitig auch immer sehr strukturiert. Von Pachelbels Kanon gibt es ja nun wirklich Tausende Einspielungen, aber ich greife immer wieder auf die Ihrige zurück, weil mir die einfach am besten gefällt. Woher nehmen Sie immer wieder die Energie und die Konzentration für Ihre Musik?

Giovanni Antonini: Die schöpfe ich aus der Musik. Selbst nach einem Konzert, das anstrengend war und ermüdend - wenn ich beispielsweise auch noch dirigiere -, bin ich immer im positiven Sinne müde, das ist der Unterschied. Und so bin ich am Tag danach bereit für ein neues musikalisches Abenteuer. Und natürlich ist da auch eine große Liebe für die Musik!

Sendung: Leporello am 13. November 2017, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK.

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