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Die Geigerin Hilary Hahn im Interview "Man muss für seine Überzeugungen kämpfen"

Am 16. November tritt die Geigerin Hilary Hahn in der Münchner Philharmonie mit Max Bruchs populärem Violinkonzert Nr. 1 auf. Mikko Franck dirigiert das Orchestre Philharmonique de Radio France. Warum es manchmal schwierig ist, an ein Stück immer wieder neu heranzugehen, welche persönlichen Verbindungen sie zu Deutschland hat - und wie sie auf das Wahlergebnis in den USA reagiert: Das verrät die US-Amerikanerin unter anderem im Gespräch mit BR-KLASSIK.

Violonistin Hilary Hahn | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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BR-KLASSIK: Hilary Hahn, am Mittwoch haben Sie getwittert: "Be what you want children to become“, zu deutsch: "Sei so wie du willst, dass unsere Kinder sein werden". Sind Sie zufrieden mit Amerikas Erwachsenen, die am Dienstag einen Präsidenten Donald Trump gewählt haben?

Hilary Hahn: Als Amerikanerin respektiere ich natürlich demokratische Entscheidungen, denn dadurch bekommen wir, was wir möchten - und manchmal eben leider auch das, was wir nicht möchten. Ich denke, es ist sehr wichtig zu wissen, was die eigenen Überzeugungen sind. Man muss dafür einstehen und kämpfen. Es gibt viele Menschen in der Gesellschaft, die nicht respektiert werden. Je hilfsbereiter man diesen Menschen gegenüber ist, desto besser ist es am Ende auch für die Gesellschaft. Aber natürlich gibt es immer wieder Hürden auf diesem Weg.

BR-KLASSIK: Donald Trump hat Vorfahren in Deutschland, aus Kallstadt in der Pfalz. Sie haben auch Vorfahren aus der Pfalz, aus Bad Dürkheim. Haben Sie noch eine Verbindung dorthin?

Deutsche Vorfahren von Hilary Hahn

Hilary Hahn: Zunächst möchte ich sagen, dass meine Entwicklung doch etwas anders war, als die des neuen Präsidenten (lacht). Jedenfalls bin ich schon in der Pfalz gewesen - es ist wunderschön dort. Ich habe noch einige entfernte Verwandte in der Pfalz. Mein Urururgroßvater hat dort gelebt, bevor er in die USA ging. Auch meine Ururgroßmutter kam aus einem nahgelegenen Dorf. Es ist schon interessant, dass zwei verschiedene Teile meiner Familie aus der gleichen Gegend stammen. Ich habe aber auch eine Verbindung zu Deutschland, weil ich mit Leuten aufgewachsen bin, die deutsch gesprochen haben. Zwar nicht innerhalb meiner Familie, aber ich wusste trotzdem etwas über deutsche Kultur. In der Schule habe ich dann sogar selbst Deutsch gelernt; ich kann die Sprache also verstehen. Darum ist es wirklich schön, nach Deutschland zu kommen.

Wenn man Musik ehrlich und leidenschaftlich spielen möchte, spielt das Alter keine Rolle.
Hilary Hahn

BR-KLASSIK: Sie haben im Jahr 2010 in der  Wochenzeitung "Die Zeit“ ein Interview gegeben. Die Titelüberschrift dieses Gesprächs lautete: "Es ist gut, älter zu werden". Sie sagten damals, Sie glauben nicht, dass die Dramen des Lebens sich in der Musik, oder in der Art und Weise, wie man Musik interpretiert, widerspiegeln würden. Warum wird Musik machen, Musik interpretieren im Laufe des Lebens reifer, vielleicht abgeklärter?   

Geigerin Hilary Hahn | Bildquelle: BR Die Geigerin Hilary Hahn | Bildquelle: BR Hilary Hahn: Ein Grund, warum ich gern älter bin, ist, dass Leute mich nicht mehr das “Wunderkind“ nennen. So wurde ich mit 29 oder 30 Jahren bezeichnet. Ich fand, dass ich doch schon etwas zu alt war für so einen Titel. Wenn man Musik ehrlich und leidenschaftlich spielen möchte, dann spielt das Alter keine Rolle. Kinder haben doch auch so starke Emotionen. Wenn man älter ist, hat man natürlich mehr Erfahrungen gesammelt, hat schon mehr Auftritte hinter sich, hat mit vielen anderen Musikern zusammengearbeitet, und dadurch auch mehr Mittel, sich auszudrücken. Wenn man Stücke immer wieder anders interpretiert, stellt man irgendwann fest, dass das Publikum nicht nur Traditionelles mag, sondern auch sehr gern neue, frische Versionen hört. Was die Zuhörer nicht mögen, ist, wenn nichts rüberkommt. Wenn die Musik nicht zu ihnen spricht. Für mich ist es daher spannend, die Stücke jedes Mal wieder neu zu gestalten. Die Emotionen müssen dabei ehrlich sein. Das ist für mich das spannende und inspirierende Ziel.

Neue Facetten bei Bruchs Erstem Violinkonzert

BR-KLASSIK: In München spielen Sie einen Klassiker des Repertoires, das Violinkonzert Nr. 1 von Max Bruch. In gewisser Weise ist das Stück ein Ohrwurm, man kann damit gut brillieren als Geigerin. Was reizt Sie an diesem Werk?

Hilary Hahn: Ich habe das Stück schon eine Weile nicht mehr gespielt. Ich muss also wieder ganz neu herangehen. Das ist schon etwas frustrierend. Ich muss mich genau erinnern, wie ich das gespielt habe, um es dann weiterzuentwickeln. Dadurch fühle ich mich etwas eingeengt, denn meine Erinnerung kann niemals so lebendig sein wie die Musik selbst. Ich schaue mir deshalb nochmal die Partitur ganz genau an, ob ich darin traditionelle Spielweisen erkenne, die ich beibehalten möchte. Oder ob ich lieber in eine neue Richtung gehen will. Es kommt auch immer auf die Kollegen an. Der Dirigent Mikko Franck bringt so schöne Klangfarben und Phrasierungen in dieses Stück hinein. Das hat mich inspiriert und ermutigt, eigene Ideen auszuprobieren. Darum freut es mich auch so, mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France zu touren. Ich glaube, dass dieses Werk im Konzert noch ganz neue Facetten bekommt.

Das Gespräch führte Annika Täuschel für BR-KLASSIK.

Infos zum Konzert

Mittwoch, 16. November 2016, 20.00 Uhr
Philharmonie im Gasteig

Maurice Ravel:
"Ma mère l'oye" - Suite
Max Bruch:
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26
PeterTschaikowsky:
Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 "Pathétique"

Orchestre Philharmonique de Radio France
Hilary Hahn (Violine)
Leitung: Mikko Franck

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