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80 Jahre John Lennon Der Meister der Widerhaken

Vielen gilt er als der Intellektuelle, der Zynische, das Mastermind der Beatles. Der 1980 ermordete Sänger, Gitarrist und Songschreiber John Lennon wurde am 9. Oktober 1940 in Liverpool geboren. Sein musikalisches Vermächtnis ist vielfältig.

Der britische Musiker John Lennon mit Zylinder  | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Ein ganz einfacher Beginn: zwei Akkorde, die sich taktweise abwechseln. Und zwar in C-Dur. Gespielt auf einem Klavier. Der eine ist der Grundakkord, über C. Der andere derjenige über der vierten Stufe, F. So fängt eines der bekanntesten Musikstücke der Welt an: John Lennons "Imagine". Das Einfache aber hat ganz kleine Widerhaken. Verbunden sind die beiden Akkorde durch drei kurze Töne, die in Halbtonschritten aufwärts schreiten. Dadurch klingt ein sehr simpler Harmoniewechsel plötzlich unerwartet neu. Und: Er wird reizvoll getrübt. Was für ein einfacher, aber schlüssiger Effekt in einem Lied, das den Traum von einer besseren Welt ausdrückt! Eine Welt ohne Ideologien und Grenzen, in der Menschen friedlich leben können und alles teilen, skizziert Lennon in seinem Text. Noch durch ein weiteres winziges Detail lässt er die Töne hinter den Strophen in ein spannendes, zartes Ungleichgewicht treten: Der C-Dur-Akkord enthält zusätzlich ein D. Dieser Ton ergibt zu zwei anderen Tönen in dem Akkord eine Dissonanz. Aber da er nicht schrill akzentuiert ist, sondern fein hineingeschmuggelt, wirkt der Gesamtklang hier eher wie eine leise Frage. Wie ein: "Könnt ihr euch das vorstellen?" Imagine...

Zwei markante Textänderungen

"Imagine", veröffentlicht am 11. Oktober 1971, ist eines der berühmtesten Lieder der Welt. Das Popmagazin "Rolling Stone" wählte es auf Platz 3 seiner Liste der "500 besten Songs aller Zeiten". Solche Listen sind natürlich fragwürdig; doch fest steht, dass darin Lieder firmieren, die vielen Menschen etwas bedeuten. "Imagine" kennen Tausende auf der Welt auswendig. Viele wissen auch, dass Lennon im Laufe der Zeit seinen Text an zwei markanten Stellen verändert hat. Nach der Zeile "Imagine no possession", also der Aufforderung, sich eine Welt ohne das Recht auf Besitz vorzustellen, sang er später nicht mehr: "I wonder if you can", sondern "I wonder if we can". Er bezog sich selbst mit ein in den Zweifel. Und statt einer "brotherhood of man", also einer Brüderschaft der Menschheit, wünschte er sich später eine "brother- and sisterhood of man" – also eine Geschwisterschaft; eine Welt, in der es nicht hauptsächlich um Männer geht.

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JOHN LENNON LIVE IN NEW YORK CITY - IMAGINE

Eine Hymne, mit der sich Tausende identifizieren

Der einstige US-Präsident Jimmy Carter, deutlich kunstsinniger als der aktuelle, merkte an, dass dieses Lied in vielen Ländern als alternative Nationalhmyne durchgehe – und er wisse das, er habe rund 125 Länder besucht. Als im November 2015 in Paris beim Anschlag auf den Rock-Veranstaltungsort "Bataclan" 89 Menschen gestorben waren, spielte am Morgen darauf der Pianist Davide Martello zum Gedenken an die Opfer vor dem Bataclan auf einem Flügel: natürlich Lennons "Imagine". Über 200 bekannte Künstler, von Joan Baez über Madonna bis Dianna Ross, haben den Song interpretiert. "Imagine" wurde zur Hymne der Friedensbewegung, aber auch zum Werbe-Soundtrack eines Energiekonzerns, zum Ermunterungs-Gesang für Menschen, die unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden, und zum ewigen Ärgernis für Leute, die sich von Zeilen wie "no religion, too" verletzt fühlen oder in dem Text eine zu starke Nähe zum Marxismus finden. Neben Bewunderung und Identifikation prägt auch krasses Missverstehen die Rezeption dieses Songs: Nach den Anschlägen vom 11. September setzte ein US-amerikanischer Radiokonzern "Imagine" auf eine Liste von textlich fragwürdigen Songs, die vorerst nicht gesendet werden sollten.

Einer, der den Nerv traf

John Lennon (1971) | Bildquelle: picture-alliance/dpa John Lennon im Jahr 1971. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Die Geschichte von "Imagine" ist exemplarisch. Denn sie zeigt, wie sehr John Winston Lennon, geboren am 9. Oktober 1940 in Liverpool, gestorben als John Winston Ono Lennon am 8. Dezember 1980 in New York, den Nerv vieler Menschen treffen konnte. Er verstand sich darauf zu polarisieren, aus der Reserve zu locken, wunde Punkte zu berühren. Ausgehend von dem Song "Imagine" lässt sich aber auch besonders gut erkennen, worin die musikalischen Fähigkeiten Lennons lagen. Der Sinn fürs überraschende Detail, eine Finesse im scheinbar Einfachen und ein besonderes Gespür für den künstlerischen Ausdruck von Gesellschafts- oder Menschheitsfragen.

Es sind keine Werke eines gelernten Komponisten, sondern Stücke von einem, der in der Jugend seine Begeisterung für Musik entdeckte und sie zu seiner Welt machte. John Lennon wuchs nach den ersten Jahren bei der Schwester seiner Mutter – Tante Mimi – und deren Mann in einem Liverpooler Vorort auf. Lennons Eltern hatten sich getrennt, zu seinem Vater hatte er lange Zeit keinen Kontakt, zur Mutter entwickelte er ab 15 eine wieder engere Beziehung; doch sie, Julia Lennon, starb drei Jahre später bei einem Auto-Unfall. John Lennon hatte schon früh eine musikalische Begabung gezeigt, spielte Mundharmonika, zeigte in der Schule Alleinunterhalter-Talente. Durch seine Mutter hatte er Banjo-Spielen gelernt und ein Interesse an Rock-and-Roll-Musikern wie Buddy Holly, Gene Vincent und Little Richard gefunden.

Der Beginn einer Ära

ARCHIV - 24.06.1966, Bayern, München: Die Beatles, (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten im Circus Krone-Bau auf. Der Ex-Beatle Ringo Starr feiert am 07.07.2020 seinen 80. Geburtstag. (zu dpa "Peace, Love & Rock'n'Roll: Ex-Beatle Ringo Starr wird 80 Jahre alt" - Wiederholung vom 01.07.2020) Foto: picture alliance / dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Gerhard Rauchwetter Die Beatles bei einem Auftritt in München 1966. | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Gerhard Rauchwetter 1956 gründete Lennon die Band "The Quarrymen" (benannt nach der Quarry Bank High School), die Rock and Roll spielte und zu der Paul McCartney und George Harrison hinzustießen. Später benannte er die Band in "The Beatles" um. Von 1960 bis 1962 gastierte die Band in verschiedenen Clubs in Hamburg, 1961 auch im Cavern Club in ihrer Heimatstadt Liverpool, damals noch mit Lennons Freund Stuart Sutcliffe am Bass und Pete Best am Schlagzeug. 1962 begann schließlich die Zusammenarbeit mit Produzent George Martin für das Label EMI – ganz schnell hatten sie Erfolg, und acht Jahre lang war das Quartett The Beatles – nunmehr mit Ringo Starr am Schlagzeug – eine Sensation für Popmusik-Fans.

Die spezielle Mischung sehr unterschiedlicher Charaktere ergab eine unwiderstehliche Chemie. Keiner der Beatles-Musiker hatte eines seiner Instrumente studiert; weder Lennon noch McCartney noch George Harrison waren "Komponisten" im Sinne der klassischen Musik, also Musiker, die ihre Klangvorstellungen in komplexen Partituren fixieren konnten. Aber sie waren Genies der Intuition. Und so wurden sie zu herausragenden Singer-Songwritern des 20. Jahrhunderts: Musiker, die packende Melodien und Texte erfinden konnten und sie in einem einprägsamen Gruppenklang bündelten.

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Lucy In The Sky With Diamonds (Remastered 2009) | Bildquelle: The Beatles - Topic (via YouTube)

Lucy In The Sky With Diamonds (Remastered 2009)

Gab es den besten Beatle?

Unter Beatles-Fans war es schon immer ein Sport, herauszufinden, wer der bedeutendere Beatle sei: John Lennon oder sein langjähriger Songschreiber-Kompagnon Paul McCartney. Diese beiden schrieben die meisten Lieder der wohl einfluss- und folgenreichsten Popband der Welt. Anfangs arbeiteten sie beide oft zusammen an Songs, später – auch noch zu Zeiten der Existenz der Beatles – schrieben sie sie jeweils in weiten Teilen alleine, aber das gemeinsame Etikett "Lennon / McCartney" blieb. Fans und Musikwissenschaftler wissen, dass "Yesterday" und "Blackbird" typische McCartney-Songs sind, aber "Lucy in The Sky With Diamonds", "Julia" oder "I am The Walrus" typische Lennon-Songs.

McCartney und Lennon ergänzten sich in ihren Qualitäten so effektvoll, dass gerade durch diese Partnerschaft manches Stück einen besonderen Dreh bekam. Etliche Musiker der Klassik-Szene und wohl noch mehr Jazzmusiker haben in den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten Beatles-Stücke in unterschiedlichen Bearbeitungen gespielt – in einem Klang-Spektrum, das von der Solo-Gitarre bis hin zum Barockorchester reicht. Die meisten Songs, die sie dafür auswählen, sind McCartney-Songs. Das liegt an deren meist sehr griffigen Melodien und Harmonien. Die Lennon-Stücken sind ein weniger anpassungsfähiges Spielmaterial. Das kann man als ihre Schwäche sehen – aber auch als ihre Stärke.

Eine Stimme wie eine Leuchtspur

Die Beatles (v.l.) Paul McCartney, George Harrison, John Lennon und Ringo Starr bekamen 1965 von der Queen den Orden "Member of  the Order of the British Empire" verliehen. John Lennon sagte nach Verleihung der Auszeichnung: "Ich hab' nicht geglaubt, daß man das für so was bekommt. Ich dachte, man müsse Panzer fahren, Kriege gewinnen und so'n Zeug." | Bildquelle: picture-alliance/dpa "Beatlemania" in Bayern 1966. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Lennon schrieb kein "Yesterday" und kein "Blackbird" – aber McCartney schrieb auch kein "Imagine". Lennon spielte zwar auch Gitarre und Klavier, aber die Virtuosität und Vielseitigkeit McCartneys erreichte er nicht. Trotzdem war Lennon keineswegs ein Musiker, der bei den Beatles im Schatten McCartneys stand. Zum einen war sein Gesang so klar und prägnant, dass er sich stets wie eine Leuchtspur durch die Songs zog. Zum anderen drückte er auch als Gitarrist den Beatles durchaus einen Stempel auf, auch mal mit Soli wie in "Get Back" (und in McCartneys Song "Helter Skelter" spielt er sogar Bass). Sein Rhythmusgitarren-Spiel steckte voller verborgener Glanzmomente: Bei dem Song "All My Loving" schlägt Lennon in einem Vierertakt offenbar völlig mühelos die Akkorde in lauter schnellen Triolen – also rasanten Dreiergruppen. Das ist ein kniffliger Effekt, bei dem ein schlechterer Musiker als er sofort ins Stolpern gekommen wäre. Lennon war im Musikgefüge der Beatles eine starke Energiequelle, stimmlich und als Instrumentalist. Es kam musikalisch-handwerklich aus einer anderen Ecke als McCartney – seine Beiträge schärften die Kontur der Beatles.

Keine Kunst für die Massen

John Lennon war nicht so sehr Gitarrist, Sänger oder Komponist, sondern er war Künstler. Diese Unterscheidung wirkt vielleicht spitzfindig, sie macht aber begreiflich, was das Besondere an ihm war. Künstler reflektieren die Welt und setzen Zeichen, die andere deuten können, wenn sie wollen. Zu jeder Kunst gehört handwerkliche Präzision, aber auch Vorstellungsvermögen – Imagination. Kein Wunder, dass der berühmteste Lennon-Song genau davon handelt. John Lennons Sohn Sean hat in einem Interview mit dem Lennon-Biografen Philip Norman gesagt, sein Vater wäre ohne Paul McCartney, das Management und den Produzenten George Martin wohl nie in eine kommerzielle Richtung gegangen. Dafür sei er zu "exzentrisch" gewesen: einer, der sich nicht dafür interessiert habe, sich für die Massen "genießbar" zu machen. Für diese Interpretation spricht etwa dies: Bei seiner Abkehr von den Beatles suchte John Lennon musikalisch das Raue, schwer Genießbare, das Experimentelle. Und er machte dann zum Beispiel ein so kantiges Album wie "Plastic Ono Band" von 1970, in dem Lennon ungeschminkte Melodien zu skelettierter Begleitung in manchen Fällen geradezu herausschrie. Mit Songs wie "Mother", "Isolation" oder "God" war das ein Statement von enormer Vehemenz: existentielle Musik aus eingehender Selbstreflexion. Dass sich Lennon kurz vor den Aufnahmen einer Urschrei-Therapie unterzogen hatte, floss in das Album mit ein.

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Mother - John Lennon/Plastic Ono Band (official music video HD) | Bildquelle: johnlennon (via YouTube)

Mother - John Lennon/Plastic Ono Band (official music video HD)

Signale in die Welt senden

Yoko Ono & John Lennon | Bildquelle: Picture-Alliance / Photoshot John Lennon und Yoko Ono | Bildquelle: Picture-Alliance / Photoshot Das Ergebnis: eine ganz andere Welt als die der meisten Beatles-Aufnahmen. Aber auch eine andere als die Töne auf dem ersten Album, das Lennon 1968 ohne die Beatles gemacht hatte, mit einer Home-Recording-Ausrüstung und zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Künstlerin Yoko Ono: "Unfinished Music No. 1: Two Virgins" hieß das Album. Die Hülle zeigte Lennon und Ono nackt, und der musikalische Inhalt war noch weniger ansprechend: eine völlig unausgegorene Collage aus verschiedenen Geräuschen, mit viel weniger System erarbeitet als etwa die Geräuschmusik damaliger E-Musik-Avantgardisten wie John Cage (und auch weitaus  weniger ansprechend als das Beatles-Stück "Revolution 9"). Aber auf unterschiedliche Art zeigten "Two Virgins" und "Plastic Ono Band", dass es John Lennon nicht um hübsche Songs ging, mit denen man Jugendliche zu Begeisterungsstürmen bringen kann, sondern um Signale, die ein Künstler in die Welt sendet – vergleichbar mit den berühmten "Bed-Ins" in Amsterdam und Montreal: Zwei Wochen lang blieben Yoko Ono und John Lennon dabei für den Weltfrieden im Bett und ließen Reporter davon berichten.

Leben ist, was dir passiert, während du mit anderen Plänen beschäftigt bist.
John Lennon

Das Klappern der Juwelen und der Sound vom Mond

Ein Künstler mit dem Gespür fürs Symbolische war John Lennon schon lange vor seiner Begegnung mit Yoko Ono. Die berühmteste Geschichte, die das illustriert, spielte sich 1963 in einer Wohltätigkeitsgala vor Mitgliedern des Königshauses ab. John Lennon sagte vor dem Stück "Twist and Shout" zu den geladenen Gästen: "Für den nächsten Song möchte ich Sie um Ihre Hilfe bitten: Die Leute auf den billigen Plätzen klatschern bitte in die Hände – und was alle anderen betrifft: Klappern Sie einfach mit Ihrem Schmuck." Das ist einer der berühmtesten Lennon-Sätze etwa neben der elegant-lakonisch formulierten Weisheit: "Leben ist, was dir passiert, während du mit anderen Plänen beschäftigt bist." Ungewöhnliches Gespür für Aussagekräftiges durchzog auch Lennons Beiträge zu den Beatles-Aufnahmen.

Produzent George Martin und Toningenieur Geoff Emerick schilderten in ihren jeweiligen Beatles-Büchern, dass Lennon seine Klangvorstellungen stets in sprachlichen Bildern ausdrückte. Für das Lied "Being For The Benefit of Mr. Kite" stellte er sich eine "wirbelnde Musik" vor, die er dann so konkretisierte: "Ich möchte den Klang eines Rummelplatzes um meine Stimme herum; ich möchte das Sägemehl und die Tiere riechen können. Ich möchte das Gefühl haben, mit Mr. Kite und den Hendersons und allen im Zirkus zu sein." Für das Lied "I Am The Walrus" sagte er dem Toningenieur, die Gesangsstimme solle so klingen, als käme sie vom Mond. Und zu "Good Morning, Good Morning" hatte er sich einen sehr kuriosen Schluss ausgedacht: Nicht einfach zu einem Schlussakkord geführt oder ausgeblendet sollte das Stück werden, sondern Lennon wollte eine Collage von Tiergeräuschen auf einer Farm. Und zwar sollten die so angeordnet sein, dass jedes Tier, das zu hören ist, seinen jeweiligen Vorgänger fressen könnte.

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Good Morning Good Morning (Remastered 2009) | Bildquelle: The Beatles - Topic (via YouTube)

Good Morning Good Morning (Remastered 2009)

Die Sache mit der Schere

Bei einem anderen seiner berühmten Stücke aus der Beatles-Zeit, nämlich dem schwerlastend bluesig klingenden "I Want You", gab es zunächst Unschlüssigkeit, wie das Ende des Songs aussehen sollte. Es gab zunächst eine Tonfolge in Endlosschleife – und den Vorschlag, sie auszublenden. Lennon schmeckte das gar nicht. Er fragte nach einer Schere, deutete auf eine bestimmte Stelle des Tonbands und wies den Tontechniker an, genau an dieser Stelle das Band einfach abzuschneiden. Die anderen waren skeptisch – aber so entstand der mit Sicherheit überraschendste Schluss eines Beatles-Stücks. Dieser Schluss, an dem kraftvolle Energie urplötzlich ins Nichts läuft, hat etwas Schockierendes. Es lässt die Hörer erschreckt und für Sekunden paralysiert zurück. Kann ein Song eindringlicher enden?

Manchmal reicht ein einziger Ton

John Lennon | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa John Lennon: der Meister des Eindringlichen. Seine Kompositionen sind oft weniger elegant als die McCartneys. Aber sie haben eine andere Art Kraft. Beatles-Kenner wissen, dass man die Stücke oft anhand ihres Melodie-Baus unterscheiden kann: Diejenigen von McCartney enthalten größere Intervallsprünge als die von Lennon. Auch McCartneys Harmonien gleiten virtuoser durch das Repertoire gängiger harmonischer Stilmittel. Lennons Harmonien aber sind meist überraschender. Und wenn Lennon etwa in dem anrührenden Lied "Julia", einem traurigen Liebeslied auf seine früh verstorbene Mutter, die Melodie Takte lang auf einem einzigen Ton belässt, dann rührt das Lied vielleicht gerade deshalb so an: Nach einem sehnenden Vermissen in vielen Jahren der Jugend bringt man nicht mehr als einen einzigen Ton heraus.

Lennons Songschreiber-Handwerk war weniger virtuos als das von McCartney, aber es war unkonventioneller, auch was ihre oft ungewöhnlichen Taktzahlen angeht. Beide hatten ihre eigenen Stärken. Die Hilfe McCartneys brauchte Lennon nach den von gegenseitigem Austausch geprägten Anfangsjahren nicht mehr, um gute Songs zu schreiben. Einige seiner besten Songs nach dem Ende der Beatles, etwa das auch in der Interpretation von Bryan Ferry berühmte  "Jealous Guy", oder einige Lieder auf dem Album "Double Fantasy", das kurz vor seinem Tod erschien, haben bezwingende musikalische Themen. "Starting Over" ist eine ungemein gekonnte Hommage an frühere Rock-and-Roll-Vorbilder, "Woman" ein vollendet zärtliches Liebeslied und "Beautiful Boy" eine noch heute anrührende Hommage an Lennons damals noch kleinen Sohn Sean.

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BEAUTIFUL BOY (DARLING BOY). (Ultimate Mix, 2020) - John Lennon (official music video HD) | Bildquelle: johnlennon (via YouTube)

BEAUTIFUL BOY (DARLING BOY). (Ultimate Mix, 2020) - John Lennon (official music video HD)

Einer, der fehlt

Weder John Lennon noch Paul McCartney sollte man geringschätzen für ihre musikalischen Beiträge zum Erfolg der Beatles. Und auch nicht für das, was sie nach der Beatles-Ära machten. Das gilt auch für die oft vergessene zweite Hälfte der Band: George Harrison und Ringo Starr. Ein Quartett ist ein Quartett ist ein Quartett. Und John Lennon ein Künstler, der heute mehr denn je fehlt. Was wäre in den Jahrzehnten nach 1980 noch von ihm gekommen? Imagine all the sounds! Doch vorher: Listen to the sounds he left us. Ihr Zauber ist noch nicht verraucht. Zwischen C und F liegt manchmal ein Kosmos.

Sendung: "Leporello" am 9. Oktober 2020 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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