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Konstantin Wecker wird 70 Voller Melodien

Er selbst bezeichnet es als "ein Wunder", dass er noch lebt. Konstantin Wecker hat exzessiv gelebt - aber auch exzessiv gearbeitet: Der Liedermacher hat mehr als 600 Lieder, Filmmusiken und Musicals geschrieben. Am 1. Juni feiert er seinen 70. Geburtstag, und für unsere Sendung "Meine Musik" verrät er unter anderem, warum er nicht Opernkomponist geworden ist, sondern "politischer Kleinkünstler".

Konstantin Wecker | Bildquelle: © Alive

Bildquelle: © Alive

BR-KLASSIK: Sie leben zeitweise in der Toskana, sind eng verbunden mit dem Ort Ambra, da haben Sie sich vor Jahrzehnten ein Haus gekauft. Liegt ihre Liebe zu Italien an der Musik oder am Essen, der Lebensart, der Sonne?

Konstantin Wecker: Die Liebe kam zweifellos über die Musik. Mein Vater war Opernsänger, ein nicht besonders erfolgreicher. Was für mich ein großes Glück war: Denn er hat zuhause gesungen und nicht auf den Bühnen der Welt. Und deswegen konnte ich mit ihm singen. Wenn es Musik gab, wurden Schellack-Platten aufgelegt - mit Callas, Tebaldi, Richard Tauber, Jussi Björling. Ich bin damit groß geworden. Das war meine musikalische Welt, die habe ich geliebt. Ich habe als Knabe mit einem sehr schönen Sopran gesungen. Da gibt es noch Zeugnisse davon, Tonbandaufnahmen …

BR-KLASSIK: Ich habe sie angehört. Tatsächlich eine glockenklare Stimme!

Konstantin Wecker: Damals habe ich eine sehr schöne "Traviata" gegeben und eine "Mimi". Ich habe Mozart, Schubert gesungen und Brahmslieder. Das war alles meine Welt. Und vor allem die italienische Oper.

BR-KLASSIK: War das für Sie je ein Gedanke, in die klassische Richtung zu gehen, vielleicht auch die Laufbahn als Opernsänger einzuschlagen?

Konstantin Wecker: Ich wollte ursprünglich Opernkomponist werden. Das war eigentlich von meinen sechsten, siebten Lebensjahr an klar, dass ich das möchte. Da kam mir allerdings Puccini in die Quere. Irgendwann habe ich mir gesagt, eine "Tosca" werde ich nie schreiben, so begabt bin ich nicht - und das überlasse ich dann lieber dem Puccini. Und es kam noch etwas dazu: Ich habe damals in München an der Hochschule auch ein bisschen Komposition studiert. Und das war genau die "Donaueschingen-Zeit", in der die Verpflichtung bestand, ja keine wohlklingende Melodie aufs Papier zu bringen, sonst bist du geächtet gewesen - für immer.

Ich war voll von Melodien.
Konstantin Wecker

Kunst müsse rational sein, hieß es damals. Das war verständlich aus der Historie heraus, das war ja auch eine Adorno-Forderung. Verständlich eben auch deswegen, weil wir ein so irrationales, schreckliches Drittes Reich hatten. Das war ja alles noch der Versuch, in irgendeiner Weise dem zu entfliehen, es auch wieder gut zu machen. Alles verständlich. Aber für mich war es furchtbar, denn ich war voll von Melodien. Und da habe ich mir gesagt: Die Großkunst, da geht nix, also probiere ich es mit der Kleinkunst.

BR-KLASSIK: Italien ist ein Sehnsuchtsort für Sie - und ein Wohnort. Seit Anfang der 1980er Jahre sind Sie immer wieder dort. War das damals, zu der Zeit als sie in Deutschland ein Riesenstar waren und wahrscheinlich auch überall erkannt wurden, die Flucht in ein entspannteres Leben?

Konstantin Wecker: Nein. Die Form von Berühmtheit, die ich hatte, war eigentlich relativ angenehm. Wenn ich in einem Film mitgespielt habe, der viel gesehen wurde, das war eher unangenehm. Da kamen dann plötzlich Leute: Sie sind doch, sie haben doch und können sie mir mal … Während mein Publikum bis heute sehr pfleglich mit mir umgeht. Und natürlich werde ich in München erkannt. Aber das ist so nett, manche lachen mir zu. Bei anderen merke ich auch: Die hassen mich. Aber die lassen mich auch in Ruhe.

Konstantin Wecker | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com In Italien wollte ich mich schon neu erfinden. Aber das hatte einen anderen Grund. Ich wurde durch "Willy" berühmt, ein zweifellos wirklich tolles Lied, was mir am Anfang gar nicht so auffiel. Ich dachte, das ist ganz privat, das interessiert keinen Menschen. Und plötzlich hat es die ganze Nation interessiert. Aber ich wurden dann auch immer mehr auf dieses Lied festgelegt. Ich habe mich damals gar nicht als politischen Sänger gesehen. Und dann gab es auch die Streitereien mit den verschiedenen K-Gruppen: Die haben die Bühne gestürmt, vor allem bei mir. Den alten Anarcho, der ich war, den mochten sie nicht. Trotzkisten haben versucht, meine Lieder umzuschreiben, die sagten, das ist schon ganz gut, was Du da machst. Aber ideologisch ist das nicht richtig. Allein, dass ich ein Cello mit auf der Bühne hatte - das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Zeit war - da hieß es aus politisch-ideologischen Kreisen: Das geht nicht, das ist ein bourgeoises Instrument! Ich wurde also über die Außenwahrnehmung immer mehr zu einem politischen Sänger, und dann zog ich mich nach Italien zurück. Das war auch ein innerer Rückzug.

Plötzlich wurde nach innen zu gehen ein Trend.
Konstantin Wecker

Ich kam dann mit der Platte "Liebesflug" raus. Da hat es sehr "geschubertelt", ich habe es auch mit Belcanto versucht, um gesanglich etwas anders zu probieren. Das wurde so verrissen, das war unglaublich. "Der Spiegel" hat angefangen. Und dann hat mich die ganze deutsche Presse kaputtgeschrieben, was das denn für ein Schnulzengesang sei und was ich da plötzlich innerlich werde. Interessant ist, dass fünfzehn Jahre später irgendwo in einer Kritik stand: Wecker, der damals schon den Weg gegangen ist, den dann so viele gegangen sind. Plötzlich wurde nach innen zu gehen fast als Trend erkannt. Mir war das Wurscht, ich wollte in mir etwas suchen. Ich muss dazu sagen: Meine Gedichte finden mich, nicht ich meine Gedichte.

Die Fragen stellte Kristin Amme für BR-KLASSIK.

Das ganze Interview mit Konstantin Wecker aus der Sendung "Meine Musik" können Sie hier anhören.

Kommentare (1)

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Samstag, 27.Mai, 12:00 Uhr

Gisela Mittelsten Scheid

Meine Musik, Konstantin Wecker

Eine wunderbare Sendung! Ich bin so angerührt und aufgewühlt, ich fühle mich sehr mit Konstantin Wecker verbunden und berührt von dem, was er erlebt und ausgedrückt hat.
Vielen Dank!

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