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Kritik – "Die Zauberin" von Tschaikowski in Frankfurt Bezaubernd!

Tschaikowski hielt sie für seine beste Oper, obwohl sie bei der Uraufführung von der Kritik verrissen wurde und lange vergessen blieb – "Die Zauberin". Erst in jüngster Zeit steigt das Interesse. Lyon, Erfurt und Wien legten vor. Die Frankfurter Oper hat nun nachgezogen. Und wie! Starsopranistin Asmik Grigorian und ihre Kolleginnen zeigen, was die "Zauberin" ist: große, russische Oper.

Asmik Grigorian (Nastasja) und Iain MacNeil (Der Fürst)  | Bildquelle: Oper Frankfurt

Bildquelle: Oper Frankfurt

Auch wenn die Vorlage, ein Roman von Ippolit Schpaschinski in Novgorod im 15. Jahrhundert spielt – "Die Zauberin" ist kein Märchen aus dem Mittelalter. Die Zauberin ist keine Hexe oder Baba Yaga, sondern – wie sich der russische Titel "Tscharodeika" auch übersetzen lässt – eine Bezaubernde: die junge Witwe Natasja, die durch Schönheit und Geradlinigkeit betört und zu deren Hof außerhalb der Stadt das Volk in Scharen strömt.

Regisseur Barkhatov inszeniert den romantischen Stoff als Soap

Die Gegenwelt dazu: der Alltag in einer fürstlichen Familie, die sich bald als Familienhölle voller Gewalt erweist und zum Alptraum wird. Der Fürst verliebt sich in Nastasja, doch die Fürstin erträgt eine Geliebte des Mannes nicht und versucht ihren Sohn dafür zu gewinnen, die Nebenbuhlerin zu ermorden. Sie muss die Ermordung schließlich selbst mit einem Gifttrank besorgen, ihr Sohn hat sich, anstatt zu töten, plötzlich selbst in Nastasja verliebt. Das wiederum erträgt der Vater nicht und ermordet in eifersüchtigem Wahnsinn den eigenen Sohn. Eingebettet ist diese Familiengeschichte in große Volksszenen.

Die Inszenierung von Vasily Barkhatov erinnert an eine Soap aus dem 21. Jahrhundert: Die eifersüchtige Fürstin macht mit einer Fitnesstrainerin Gymnastikübungen. Der Fürst wiederum spielt vor dem gemeinsamen Mittagstisch auf seinem Sofa mit einem Schäferhund, und denkt dabei an seine heimlich Geliebte. Immer wieder, wie bei filmischen Cuts, fällt überraschend der Vorhang, wobei es sogar eine kurze Szene ohne jegliche Musik gibt: Dienstmädchen räumen auf, während ein Hund bellt und die Uhr tickt. Der Hyperrealismus wirkt plötzlich surreal (Bühne: Christian Schmidt). Umso kraftvoller erscheint nach dieser Stille Tschaikowskis wiedereinsetzende Musik.

Überzeugende musikalische Performance

Eindrucksvoll ist vor allem die schauspielerische und sängerische Eindringlichkeit der Solistinnen und Solisten. In ihrer Natürlichkeit bezaubernd und betörend, weich und klar ist Asmik Grigorian als Nastasja. Iain MacNeil ist ein zunächst durchaus sympathisch erscheinender Fürst, der aber zum brutalen Gewalttäter gegenüber Geliebter, Ehefrau und Sohn und wird. Alexander Mikhailov gibt als Sohn den Sportler in Jogginghose, noch nicht ganz erwachsen. Und schließlich Claudia Mahnke: großartig als ennervierende Ehefrau.

Dirigent Valentin Uryupin lässt uns mit dem Frankfurter Opern- und Museumorchester in aufwühlenden, immer wieder gegensätzlichen Emotionen baden. Volksliedhaft schlicht, ja sentimental, dann wieder mit kraftvoller Energie. Einen Erweis hat die Frankfurter Aufführung jedenfalls erbracht: "Die Zauberin" ist in der Tat eine der großen russischen Opern. Und ob sie in ihrer vehementen Kirchen-und Politikkritik und in ihrem Eintreten für intellektuelle Opposition, die sich am Hofe der Zauberin versammelt, heute in Russland möglich wäre, ist gar nicht so sicher.

Sendung: "Allegro" am 5.12.2022 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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