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Kyra Steckeweh im Interview "Komponistinnen sind völlig unterrepräsentiert"

Der Film "Komponistinnen" soll die Geschichte von vier Frauen erzählen, die im 19. Jahrhundert um ihren Platz im Musikleben gekämpft haben. Der Berliner Filmemacher Tim van Beveren begleitet die Pianistin Kyra Steckeweh mit der Kamera auf ihrer Spurensuche zu den Lebens- und Wirkungsstätten von Fanny Hensel, Emilie Mayer, Lili Boulanger und Mel Bonis. Für ihr Filmprojekt suchen die Künstler noch Unterstützung per Crowdfunding.

Kyra Steckeweh | Bildquelle: Maxim Schulz

Bildquelle: Maxim Schulz

BR-KLASSIK: Sie stecken noch mitten in den Dreharbeiten zu Ihrem Film "Komponistinnen" - wo sind Sie denn gerade?

Kyra Steckeweh: Im Kloster Wechterswinkel in der Nähe von Bad Neustadt. Hier habe ich eine CD mit Werken von Fanny Hensel und Emilie Mayer aufgenommen. Im Anschluss daran haben wir die Klaviersequenzen für den Film "Komponistinnen" gedreht. Diese kleinen musikalischen Einlagen mit Werken von Mel Bonis, Lili Boulanger, Fanny Hensel und Emilie Mayer unterbrechen ab und zu den Lauf des Films und die Reise zu den Lebens- und Wirkungsstätten der Komponistinnen, sodass die Zuschauer auch einen musikalischen Einblick in die Thematik bekommen.

BR-KLASSIK: Sie waren für die Dreharbeiten auch an den Wirkungsstätten dieser vier Frauen. Gab es für Sie dabei ein Erlebnis, das Sie überrascht hat?

Kyra Steckeweh: Am meisten hat mich die Reise zu der Urenkelin von Mel Bonis überrascht. Sie wohnt in der Nähe von Paris und hat den gesamten Nachlass der Komponistin in ihrem Privatbesitz. Im oberen Geschoss ihres Hauses, in einer großen Kiste - da sind alle Noten, Briefe, Fotos drin, alles, was Mel Bonis hinterlassen hat. Und ich durfte in diesen ganzen Schätzen blättern. Das war ein unglaubliches Erlebnis - die Stücke, die ich schon auf CD eingespielt und mit denen ich mich viel beschäftigt habe, endlich mal im Original zu sehen, selbst in der Hand zu halten. Auch diese nahe Verwandte, die Urenkelin zu treffen war toll. Sie sieht Mel Bonis tatsächlich etwas ähnlich, finde ich. Das hatte einen großen Zauber.

BR-KLASSIK: Mel Bonis hat sich ja "Mel" und nicht "Melanie" Bonis genannt. Sie wollte dadurch wahrscheinlich vermeiden, dass sie nicht beachtet wird, weil sie eine Frau ist. Haben die komponierenden Frauen im 19. Jahrhundert ihre weibliche Identität verleugnet, um als Komponistin gesehen und gehört zu werden?

Kyra Steckeweh: Im 19. Jahrhundert war es so, dass die Frauen, die überhaupt Zeit fanden zu komponieren, aus einer gehobenen bürgerlichen Schicht kamen. Alle anderen waren mit ganz anderen Lebensinhalten beschäftigt. Aber denen, die diese Möglichkeit hatten, war es verboten irgendeine Berufstätigkeit auszuüben. Das galt als unschicklich, wenn man als Frau Geld verdiente. Und somit schloss sich das eigentlich aus, dass man Berufskomponistin sein konnte. Mel Bonis hat tatsächlich diese eine Methode gewählt und sich ein Pseudonym zugelegt. So wurde sie bei Verlagen nicht als Frau erkannt.

Emilie Mayer war wiederum ein großes Phänomen, weil sie sich von diesem Berufsverbot überhaupt nicht davon abhalten ließ zu komponieren. Man muss allerdings dazu sagen, dass sie geerbt hatte, finanziell unabhängig war und somit nicht auf das Einkommen eines Ehemannes angewiesen war. Sie konnte sich ihre Tätigkeit als Komponistin selbst finanzieren. Sie hat z. B. das Konzerthaus in Berlin angemietet und das Orchester gleich dazu.

"Komponistinnen" - ein Film von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren

Der Film beleuchtet die historischen und persönlichen Umstände, unter denen vier Frauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre Werke geschaffen haben. Der Berliner Filmemacher Tim van Beveren begleitet die Pianistin Kyra Steckeweh mit der Kamera auf ihrer Spurensuche nach Frankreich, Italien, Polen und Deutschland, zu den Lebens- und Wirkungsstätten von Fanny Hensel, Emilie Mayer, Lili Boulanger und Mel Bonis.

Mehr Informationen zum Crowdfundung-Projekt finden Sie hier.

BR-KLASSIK: Wie gehen denn die Orte, an denen diese Komponistinnen gewirkt haben, mit diesen Persönlichkeiten heute um? Existiert dort so etwas wie eine Erinnerungskultur?

Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy | Bildquelle: picture-alliance / akg Fanny Hensel | Bildquelle: picture-alliance / akg Kyra Steckeweh: Ich würde sagen, am besten ist heute Fanny Hensel repräsentiert. Das liegt aber daran, dass sie an die sehr namhafte Familie Mendelssohn angebunden ist. Ihr Geburtsname ist ja Fanny Mendelssohn. Sie war die ältere Schwester von Felix Mendelssohn. Ihr Bruder hat sie zeitlebens als Komponistin nicht unbedingt unterstützt, aber sie hatte ganz tolle Möglichkeiten, sich künstlerisch zu verwirklichen. Und ihr Nachlass ist heute gemeinsam mit dem Nachlass ihres Bruders in der Berliner Staatsbibliothek repräsentiert. Kürzlich habe ich auch eine tolle Ausstellung in Leipzig gesehen, da ist eine ganze Etage nur Fanny Hensel gewidmet. Das ist ziemlich einmalig - so eine akribisch ausgearbeitete Ausstellung gibt es für keine andere Komponistin.

Lili Boulanger hat davon profitiert, dass ihre Schwester Nadja Boulanger sie lange überlebt hat - sie hat bis in die 70er Jahre gelebt - und sich auch um das musikalische Erbe ihrer kleinen Schwester gekümmert hat. Das sind also die zwei Komponistinnen, die heute am besten repräsentiert sind. Während Mel Bonis erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde. Und auch Emilie Mayers Werk hat sehr lange in Archiven geschlummert. Ihr Grab wurde in den 60er Jahren einfach zugeschüttet und ein neues Grab drauf errichtet - weil niemand wusste, dass es das Grab einer tollen Komponistin ist. Im Zuge der Dreharbeiten haben wir das Grab in Berlin wiederentdeckt. Ein großes Ziel von uns ist, dass es ein Ehrengrab wird. Mal sehen, ob es gelingt.

BR-KLASSIK: Was ist denn überhaupt ihr Ziel mit dem Film "Komponistinnen"?

Kyra Steckeweh: Der Film soll auf ein sehr unterbelichtetes Thema in der Klassikwelt aufmerksam machen. Komponistinnen sind darin völlig unterrepräsentiert. Ich habe mal aus Spaß im Leipziger Gewandhaus mitgezählt - in sechs Monaten habe ich eine einzige Komponistin entdeckt, von der dort etwas gespielt wurde. Ansonsten waren es alles Männer. Darauf aufmerksam zu machen ist mein Ziel - und vielleicht auch einen Stein ins Rollen zu bringen, dass Leute mit anderen instrumentalen Schwerpunkten sich damit beschäftigen. Mein Fokus liegt natürlich auf der Klaviermusik, weil ich Pianistin bin, aber vielleicht inspiriert der Film auch Dirigenten, andere Instrumentalisten oder Sänger, sich auf die Suche zu begeben.

Sendung: "Leporello" am 22. Dezember 2017 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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