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Luciano Pavarotti - 10. Todestag Stimmgigant mit Glamour und Charme

Tenöre waren schon immer ein Phänomen. Tenöre erreichen die meisten Menschen, haben die höchsten Gagen, sind die größten Diven. Der König unter ihnen ist Luciano Pavarotti. Es gibt wohl keinen Opernsänger, der berühmter war als er. Er erreichte Millionen Menschen, manchmal sogar gleichzeitig. Er faszinierte mit seiner Stimme ein Publikum, das noch niemals ein Opernhaus von innen gesehen hatte. Das war einer seiner Spitznamen in den USA: "The Voice". Er war "die Stimme" - die einzige, die wahre, die auszog, die Welt zu erobern. Vor zehn Jahren ist er gestorben, seine Stimme aber ist geblieben.

Opernsänger Luciano Pavarotti - Tenor | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Geboren wurde Pavarotti 1935 in Modena. Sein Vater Fernando war Bäcker und selbst begeisterter Sänger - also nicht einfach nur Sänger, Tenor natürlich! Bei den Mitgliedern seines Kirchenchores galt Fernando als bemerkenswerte Stimmbegabung. Er selbst verglich später sein Organ gerne mit dem des berühmten Sohnes. Die Stimme von Luciano sei lyrischer, kantabler, melodischer - meinte der Papa -, seine dagegen stärker, schärfer. Hätte der Sohn sein Material geerbt, so hätte aus ihm wirklich etwas Außergewöhnliches werden können, meinte Fernando augenzwinkernd. Selbstverständlich platzte er schier vor Stolz, besonders wenn der Weltstar mit ihm zusammen in der Kirche von Modena sang.

Modena - London - New York

Dennoch drängte der Vater zunächst auf einen sicheren Beruf, weswegen Luciano erst Volksschullehrer wurde und dann seine Stimme ausbilden ließ. 1961 debütierte er im Theater von Reggio Emilia als Rudolfo in Puccinis "La Boheme", die Rolle, mit der er fast alle großen Bühnen der Welt das erste Mal besingen sollte. Auf einer Aufnahme dieses Debüts hört man deutlich das Raunen im Zuschauerraum, nachdem der junge Luciano in der Arie "Che gelida manina" sein makelloses hohes C aufleuchten ließ. Über seine Heimatstadt Modena, wo er erstmals mit seiner Freundin aus Kindheitstagen Mirella Freni (die selbst eine Weltkarriere hinlegte) auf der Bühne stand, ging es 1963 nach London. Dort war er Cover des berühmten Tenors und Callas-Partners Giuseppe di Stefano und fiel dabei der Sopranistin Joan Sutherland auf. Sie war so begeistert von der Schönheit des Timbres und der mühelosen Höhe, dass sie Pavarotti mit auf ihre Tournee durch Australien und die USA nahm. Der Sprung über den großen Teich war geglückt, 1968 folgte das Debüt an der MET. "Big P" begeisterte die Amerikaner, mit seiner Art, seinem strahlenden Lächeln und - abermals - mit seinem hohen C. Neun Stück davon gibt es in der Arie "Ah mes amis" aus der "Regimentstochter" von Donizetti. Pavarotti sang sie so viril, mit solchem Brio, dass das Publikum 1972 schier ausflippte.

Oper für die Stadien

In den nächsten Jahren festigte Pavarotti seinen Status als einer der besten Opernsänger seiner Generation. Er macht Produktionen mit Karajan, Solti, Bernstein, Muti, Abbado, Kleiber, Levine um nur einige zu nennen. Die CD-Aufnahmen häuften sich, die Gagen wuchsen. Pavarotti war ein Opernstar. In Amerika aber wurde Pavarotti zur Marke. Er machte Werbung u.a. für Kreditkarten und Uhren, er sang in weltweit übertragenen Opern im Fernsehen und sogar Hollywood klopfte an. In "Yes Giorgio" spielte er einen - Überraschung! - italienischen Opernsänger, der nach Amerika auswandert. 1983 wurde er für die Goldene Himbeere nominiert (übrigens gemeinsam mit Laurence Olivier und Arnold Schwarzenegger). Ohne Auszeichnung ging es bei Pavarotti einfach nicht. Normale Theater waren bei einer solchen Bekanntheit nicht mehr genug, vor allem seinen kreativen Managern nicht. Die Oper kam - in Form von leicht verdaulichen, leckeren Häppchen - in Stadien und auf Open-Air Bühnen. Und Pavarotti erhielt seine "Erkennungsmelodie": die Arie "Nessun dorma" aus Puccinis Oper "Turandot".

Beliebt bei den Frauen

"Pav is fab" steht auf Spruchbändern der Fans. Pavarotti einfach fabelhaft, die Personifikation von Oper. Aber warum? Natürlich wegen seiner Stimme. Sie ist auf das erste Hören zu erkennen, unverwechselbar. Dabei technisch hervorragend geführt, immer auf dem Atem, mit bruchlosem Register- und Vokalausgleich, Schmelz, Strahlkraft und Wärme. Doch Pavarotti war auch ein Charmeur. Er liebte es zu kokettieren. und er liebte die Frauen. In einem Fernsehinterview sagte er, er hätte 200 bis 300 verschiedene pro Jahr. Wohl übertrieben, ja, aber ein reiner Witz? Denn gerade die weiblichen Fans bestürmten ihn, trotz (oder wegen?) seiner monumentalen Figur. Pavarotti war witzig, sympathisch, offenherzig. Er behandelte alle Menschen gleich, ob Monarchen oder Arbeiter. Von seinem Humor zeugt ein Publikumsgespräch, in dem er über Aberglauben (er hatte immer einen abgebogenen Nagel in der Tasche) und peinliche Momente spricht.

Weißes Handtuch als Markenzeichen

Er fand den Weg zu den Herzen der Menschen, nicht nur mit seiner Stimme, mit seinem ganzen Wesen. Die legendären drei Tenöre mehrten seinen Ruhm, sein großes weißes Handtuch wurde zum Markenzeichen. Er hatte als erster Opernstar einen Platz als Wachsfigur bei Madame Tussauds, und die brauchte viel Platz. Am Münchner Flughafen wurde er vor Gastspielen im Olympiastadion mit Blaskapelle empfangen. Doch zugleich sank sein sängerischer Stern. Die "echten" Opernfans rümpften die Nase über Crossover-CDs und Benefizkonzerte mit Popgrößen wie Bono oder Mariah Carey. Sie trauten Pavarotti nicht mehr zu, eine ganze Partie durchsingen zu können, deshalb die Arien- und Liedprogramme. Er selbst kannte solche Dünkel nicht, sondern sang was ihm gefiel - und liebte es einfach, Menschen zu begeistern. Seinen letzten Auftritt hatte er 2006 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Turin. Mit - natürlich - "Nessun dorma", allerdings Playback. Am 6. September 2007 starb Luciano Pavarotti. Er fehlt. Als Sänger. Und vor allem als Typ.

Sendung: "Allegro" am 6. September 2017 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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