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"Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" Mutig oder anmaßend? Vor allem bunt

Als die Filmindustrie Ende der 1920er-Jahre nach Bertold Brechts "Dreigroschenoper" griff, erkannte er die Chance. Seinen Sensationserfolg eins zu eins von der Bühne auf die Leinwand zu übertragen, kam für Brecht jedoch nicht in Frage. Am Ende verklagte Brecht die Produktionsfirma. Regisseur Joachim Lang hat Brechts Kampf um eine Verfilmung nach eigenen Vorstellungen nun verfilmt. Für unseren Filmkritiker Christoph Leibold ist der Streifen eher zum "musikalisch gewürzten Schauvergnügen" geraten.

Mackie Messer - Brechts 3Groschenfilm | Bildquelle: © Wild Bunch Germany / Stephan Pick

Bildquelle: © Wild Bunch Germany / Stephan Pick

Auch Joachim A. Langs "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" ist keine Eins-zu-Eins-Kinoadaption der "Dreigroschenoper", wie sie Bertold Brecht abgelehnt hatte (dann aber 1931 ohne ihn realisiert wurde). In seinem neuen Film zeigt Joachim Lang Brechts Kampf um eine Verfilmung nach eignen Vorstellungen. Dabei schaut der Regisseur gewissermaßen in den Kopf des Dichters und inszeniert den Dreigroschenfilm so wie Brecht ihn sich vorgestellt haben mag. Das kann man mutig finden oder anmaßend. Vor allem aber, und das ist das Hauptproblem von Langs Films, wird lange nicht wirklich deutlich, was an Brechts Filmversion so anders gewesen wäre. Immer wieder switcht Lang zwischen den Ebenen hin und her. Zwischen Rahmen- und Binnenhandlung.

Der "Groschenfilm", den Lang in der Binnenhandlung als Brechts Fantasie verkauft, ist ein opulentes Kostümspektakel mit all den Gassenhauern von Kurt Weill, die die "Dreigroschenoper" zum unverwüstlichen Unterhaltungsklassiker haben werden lassen - garniert mit ein paar Brecht-Bonmots über das Fressen, das vor der Moral kommt und über Banken, in die einzubrechen nichts sei gegen deren Gründung.

London als schlechte Illusionsbühne

Als Hintergrundkulisse dient ein erkennbar computeranimiertes London, das unechter wirkt als jede schlechte Illusionsbühne im Theater. Im in der Regel auf Realismus geeichten Medium Film mag diese maximale Künstlichkeit vom Regisseur als Verfremdungseffekt gedacht gewesen sein, also ganz im Sinne Brechts. Tatsächlich aber bedient Lang nur die Musical-Konvention, nach der alles, selbst das Elend der Bettler von London, prallbunt und sattfarbig ausgemalt wird.

Hochkarätige Besetzung  

Tobias Moretti zelebriert den "Mackie Messer" als Edelganoven im silberblauen Frack mit sichtlichem Vergnügen an der schmierigen Eleganz. Auch sonst ist der Film hochkarätig besetzt, mit Joachim Król als leutseligem Bettlerkönig Peachum und der wirklich sehr herzigen Hannah Herzsprung als seiner etwas zu putzigen Tochter Polly. Den Brecht in der Rahmenhandlung spielt Lars Eidinger. Joachim A. Lang, der auch sein eigener Drehbuchautor war, lässt ihn nur Originaltexte von Brecht sprechen – überlieferte Aussagen oder Zitate aus seinen umfangreichen Schriften. Das hat zur Folge, dass Eidinger wie ein Brecht-Avatar im Ledermantel wirkt, den man mit Dichter-Daten gefüttert hat, die er nun an geeigneter Stelle ausspuckt, ohne dabei die unvermeidliche Zigarre aus den Mundwinkeln fallen zu lassen.

Ein "musikalisch gewürztes Schauvergnügen"

Erst gegen Ende löst sich dieser Film erkennbar von den bekannten Dreigroschenopern-Motiven. Da lässt Joachim A. Lang plötzlich die Bürotürme des Finanzschauplatzes London aus der historischen Kulisse wachsen, und Peachums Bettlerarmee, die über die Westminster Bridge marschiert, erinnert an einen Flüchtlingstreck gen Europa. Das ist reichlich spät und einigermaßen plump. Vielleicht hätte sich Lang ja ein Beispiel an Lars von Trier nehmen sollen, der, inspiriert von Brechts epischem Theater, die Kulisse für seinen Film "Dogville" schlicht mit Kreide auf den Boden malen ließ. So hingegen ist am Ende von Langs Bemühungen doch nur ein "musikalisch gewürztes Schauvergnügen" herausgekommen.

Sendung: "Allegro" 13. September 2018, 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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