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Kommentar: Dirigententypen Hexenmeister und Humanist, Tüftler und Tyrann

Alles Chefsache? Seit ungefähr 150 Jahren gibt es Dirigenten, so wie wir sie verstehen: Männer, und endlich erfreulicherweise auch immer mehr Frauen, die vorm Orchester auf einem Podest stehen. Damit ist das Dirigieren noch ein ziemlicher neuer Job, aber er hat sich schnell gemausert. Zunächst wurden Dirigenten zu verehrten Stars. Dieses Bild hat sich mittlerweile gewandelt. Moderne Dirigentinnen und Dirigenten verstehen sich als ein Teil des großen Ganzen. Aber welche Dirigententypen gab und gibt es noch? Der Versuch einer Kategorisierung – wobei Mischtypen nicht ausgeschlossen sind.

Karajan, der Hexenmeister

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Beethoven Symphony No 6 F major Pastoral Herbert von Karajan | Bildquelle: Sonorum Concentus Romantic (via YouTube)

Beethoven Symphony No 6 F major Pastoral Herbert von Karajan

Die Augen sind in tiefster Konzentration geschlossen, der Mund streng und ernst nach unten gezogen, die Bewegungen sparsam, der asketische Körper straff gespannt. Das Licht kommt mystisch von unten, so dass die perfekt gestylte Silbertolle ihre volle Wirkung entfaltet. Herbert von Karajan war ein Meister der Inszenierung. Besonders in den Studio-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, bei denen er selbst die Kameraregie führte, wird das überdeutlich. Karajan setzt nicht die Musik in Szene, auch nicht das Orchester, sondern: sich. Er ist das Extrembeispiel für die "Hexenmeister". Also die Dirigenten, die eine magische Aura verströmen konnten. Wie beispielsweise Hans Knappertsbusch. Er probte fast nie – hier unterscheidet er sich grundsätzlich von Karajan - und verließ sich ganz auf die Genialität des Augenblicks - mit gekonntem Einsatz seines hünenhaften Körpers und der gefühlt drei Meter langen Arme. Er verbeugte sich nie nach der Aufführung, war völlig unnahbar. So umwitterte ihn etwas Geheimnisvolles, Faszinierendes. Sergiu Celibidache war auch ein Hexenmeister. Mehrmals wurden seine Aufführungen, gerade wenn es Bruckner-Symphonien waren, mit Gottesdiensten vergleichen. Die gläubige Jüngerschar im Publikum inklusive. Der Hexenmeister unserer Tage ist Teodor Currentzis: Eigenwillig, provokant, radikal und selbststilisierend. An ihm scheiden sich die Geister. Wie es bei einem Hexenmeister sein muss.

Toscanini, der Tyrann

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Toscanini in a rage - scary rehearsal | Bildquelle: MusicOnline UK (via YouTube)

Toscanini in a rage - scary rehearsal

Ein Gott sei Dank aussterbender Typ ist der "Tyrann". Paradebeispiel: Arturo Toscanini. Seine Ausraster waren berühmt und gefürchtet. Er zerbrach Taktstöcke, raufte sich die Harre, brüllte die Kollegen an. Dabei machte er auch vor Komponisten wie Maurice Ravel keinen Halt, dem er in einem Tobsuchtsanfall unterstellte: "Sie haben ja keine Ahnung von ihrer Musik." Auch von Otto Klemperer oder Karl Böhm gibt es eine Reihe von Anekdoten, die sie als zynische, bissige, mitunter boshafte Herren beschreiben. Hier sollte für die Musiker klar spürbar sein: ich bin der Ober, ihr seid die Unter. Was ich sage, ist Gesetz. Bei der heutigen Qualität der Orchester ist ein solches Verhalten undenkbar. Auch wenn einige wenige Dirigenten, wie Daniel Barenboim, auch heute noch für einen eher autoritären Stil stehen.

Bernstein, der Weltumarmer

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Candide - Overture with Leonard Bernstein | Bildquelle: mreffen1 (via YouTube)

Candide - Overture with Leonard Bernstein

Den "Tyrannen" diametral gegenüber stehen die "Weltumarmer". Hier muss der Name Leonard Bernstein fallen. Er gehörte zu den Dirigenten, die pure Liebe zur Musik und Lust am Musizieren verströmen. Die sich mit Leib und Seele verschenken, die mittanzen und ins Schwitzen geraten, die sich Orchester und Publikum seelisch völlig öffnen, ihr Innerstes nach Außen kehren und so einmalige Ergebnisse erzielen. Das heißt nicht, dass sie nicht auch penibel und mitunter despotisch sein können. Carlos Kleiber war berühmt für Divenattitüden und Starrköpfigkeit. Und trotzdem stand das sich Verschenken, das Umarmende auch bei ihm im Vordergrund. Die "Weltumarmer" sind vielleicht der seltenste Typ. Mirga Gražinytė-Tyla das Zeug dazu, oder auch Yannick Nézet-Séguin.

Harnoncourt, der Tüftler

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Harnoncour rehearses Beethoven 5th Symphony | Bildquelle: stanlefo (via YouTube)

Harnoncour rehearses Beethoven 5th Symphony

Unbedingte Genauigkeit und Werkkenntnis gehören zum Dirigentenberuf zwangsläufig dazu. Aber dennoch gibt es die "Tüftler". Wie beispielsweise Kirill Petrenko, bei dem perfekt noch lange nicht gut genug ist. Bei dem jedes 64tel auf seine Funktion penibelst überprüft und jeder noch so selbstverständlich wirkende Konsonant auf seinen Wert immer und immer wieder abgeklopft wird. Lorin Maazel war auch so ein Übergenauer mit kristallklarer Schlagtechnik. Seine Akkuratesse konnte aber auch gefühlskalt wirken… Die Kehrseite der Medaille. Manche gehen mit dem Tüfteln so weit wie Nikolaus Harnoncourt, der unablässig geforscht hat – z.B. in den Handschriften der Komponisten, aber auch hinsichtlich des Klangs historischer Instrumente. So hat er mit Konventionen gebrochen und eine Aufführungspraxis maßgeblich geprägt hat, die heute längst Konvention ist.

Rattle, der Humanist

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BRSO: Probenstreiflicht Sir Simon Rattle | Bildquelle: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (via YouTube)

BRSO: Probenstreiflicht Sir Simon Rattle

Sir Simon Rattle, der künftige Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks, hat Anfang der Woche zwei seiner Vorgänger besonders hervorgehoben: Rafael Kubelik und Mariss Jansons. Ihnen fühlt er sich ganz besonders verbunden. Das wundert nicht. Gehören sie doch, wie Rattle auch, zu den "Humanisten". Den Menschlichen, die sich als Mensch zeigen, sich nicht über andere erhöhen, die überzeugen und nicht überreden wollen. In diesem Sinne ist Herbert Blomstedt ein früher Humanist, dessen gesamte lange Dirigentenlaufbahn vom Miteinander geprägt ist. Vom stilvollen, respektvollen, ja liebevoll-kollegialen Umgang mit den Musikerinnen und Musikern. Auch Zubin Mehta ist so einer, der das Inklusive schon praktiziert hat, als noch viele "Maestros" von oben herab agierten. Sir Simon Rattle hat von ihnen gelernt und prägt die junge Generation an Dirigentinnen und Dirigenten entscheidend mit: Joana Mallwitz, Krzystof Urbanski oder Jakub Hrusa. Sie sind nahbar und voller Wertschätzung für die Kolleginnen und Kollegen. Und sehen sich mit ihnen gemeinsam im Dienst der gleichen Sache: der Musik. Ein sehr sympathischer Dirigenten-Typ.

Sendung: "Allegro" am 15. Januar 2021 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (3)

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Freitag, 29.Januar, 14:28 Uhr

BR-KLASSIK

Antwort zur Zugabe "Winterreise"

Liebe Frau Langer,

es freut uns, dass Ihnen die heutige Zugabe so gut gefallen hat. Sie können den Beitrag unter folgendem Link noch einmal hören:

https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/zugabe-winterreise-im-lockdown/1816888

Liebe Grüße vom BR-KLASSIK-Team

Freitag, 29.Januar, 11:31 Uhr

Petra Langer

Zugabe "Winterreise" am 29. Januar 2021

Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe heute morgen kurz vor neun Uhr einen sehr schönen Beitrag von Silvia Schreiber gehört. Darin hat sie die Winterreise mit Gedanken zur Coronakrise miteinander verflochten. Gibt es eine Möglichkeit, diesen Beitrag noch einmal zu hören oder in der Mediathek abzurufen? Darüber würde ich mich sehr freuen!
Mit freundlichen Grüßen, Petra Langer

Montag, 18.Januar, 07:50 Uhr

Björn Skala

Dirigenten

Sie hätten wohl auch Bruno Walter erwähnen können von dem Blomstedt sich hat inspirieren lassen.

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