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Künstliche Intelligenz und Musik Wenn Computer komponieren

Ein paar Klicks, und schon komponiert ein Algorithmus ein klassisches Streichquartett. Oder jammt im Wechsel mit dem Musiker selbsterfundene Jazzmelodien. Künstliche Intelligenz wird kreativ. Für die Musikbranche eine weitgreifende Veränderung.

Roboter mit Trompete | Bildquelle: picture-alliance/ZUMA Press

Bildquelle: picture-alliance/ZUMA Press

Prominenz und junges Publikum aus ganz Europa drängen in die Londoner Cadogan Hall, eingeladen vom chinesischen Handyhersteller Huawei. Die Stimmung ist erwartungsvoll. Denn was die Zuhörer hier an diesem 4. Februar 2019 auf der Bühne erleben werden, ist ein einmaliges musikalisches Experiment: Schuberts "Unvollendete" in einer neuen Fassung – "vollendet". Das gibt es sonst auch, die Art der Vollendung ist aber das Besondere: Die Sätze drei und vier stammen aber nicht von einem menschlichen Komponisten, sondern wurden von einer künstlichen Intelligenz (KI) auf einem Huawei-Smartphone berechnet.

Künstliche Intelligenz lernt Schubert-Klang

Die Firma hat ein eigenes KI-Modell entwickelt, das extra auf Schubert abgestimmt war. Über 90 Schubert-Stücke wurden so eingelesen, um ein Grundverständnis zu bekommen. Gefüttert mit dem "typischen" Schubertklang, konnte das Smartphone berechnen, wie die "Unvollendete" weitergehen könnte. Der Film- und Fernsehkomponist Lucas Cantor hat das Tonmaterial der KI anschließend orchestriert und spielbar aufbereitet.

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Huawei's Unfinished Symphony - Cadogan Hall, London (Mon 4 Feb 2019) | Bildquelle: Chris JK (via YouTube)

Huawei's Unfinished Symphony - Cadogan Hall, London (Mon 4 Feb 2019)

Der Wechsel vom originalen Schubert zur KI-Komposition ist zwar deutlich zu hören: Die Musik aus dem Smartphone klingt eingängiger, mehr nach Filmmusik – aber die neukomponierten Sätze erinnern durchaus auch an verschiedene Werke von Schubert. Wie funktioniert das?

Komponieren durch "Deep Learning"

Dass KI-Modelle heute in der Lage sind, im Stil bestimmter Komponisten neue Musik zu berechnen, macht das sogenannte "Deep Learning" möglich. Die KI-Anwendung wird mit Informationen über Noten, Rhythmus und Klangfarben "gefüttert", erkennt wiederkehrende Verbindungen und beginnt – wie das neuronale Netzwerk im Gehirn – selbständig neue Verbindungen zu schaffen. Vergleichbar mit einem Musiker, der in einem Studio jammt und irgendwann auf eine passende Melodie stößt.

Ein Streichquartett aus dem Computer

Frühe Versuche, Musik am Computer generieren zu lassen, datieren bereits in die 1950er-Jahre. Die "Illiac Suite" für Streichquartett war das erste Werk, das komplett von einem Computer komponiert wurde – im Jahr 1956. Ein Experiment der Programmierer Lejaren Hiller und Leonard Issacson an der University of Illinois. Bei Musikfans sorgte die erste öffentliche Aufführung der "Illiac Suite" für Verwirrung: Ist eine zufällige Aneinanderreihung musikalischer Parameter schon Musik?

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Lejaren Hiller - Illiac Suite for String Quartet [1/4] | Bildquelle: alex di nunzio (via YouTube)

Lejaren Hiller - Illiac Suite for String Quartet [1/4]

Popmusik auf Knopfdruck

Inzwischen existieren weltweit zahlreiche Start-ups, die sich mit der Anwendung künstlicher Intelligenz für die Musikproduktion beschäftigen. Amper Music aus New York will einfaches Komponieren von Popmusik auf Knopfdruck möglich machen. Der Nutzer kann angeben, in welchem Stil, in welcher Länge und in welcher Stimmung der Song komponiert werden soll. Die KI spuckt daraufhin eine einmalige Melodie aus. So möchte das Start-up Teams oder Sängern mit kleinem Budget ermöglichen, Videos zu produzieren. "Für YouTuber, die für ihre Videos Musik brauchen und die nicht wollen, dass ihre Clips aufgrund von Urheberrechtsverletzung offline gestellt werden, ist KI-Musik eine nützliche Sache", meint Cliff Fluet, Rechtsanwalt der Londoner Kanzlei Lewis Silkin, gegenüber The Guardian.

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Break Free - Song Composed with AI | Taryn Southern (Official Music Video) | Bildquelle: Taryn Southern (via YouTube)

Break Free - Song Composed with AI | Taryn Southern (Official Music Video)

Die amerikanische Sängerin Taryn Southern hat 2018 mithilfe der Software von Amper ein ganzes Album aufgenommen: I AM AI. "Es ist schon witzig, diesen neuen Komponisten als Partner zu haben. Er wird niemals müde und bringt dieses unendliche Wissen übers Musikmachen mit", beschreibt die Sängerin den Kompositionsprozess im Interview mit dem Sender CNN. Aufmerksamkeit bekam Taryn Southern für das Album allemal. Der Song "Break Free", den sie online veröffentlichte, wurde bereits in der ersten Woche 400.000 Mal aufgerufen. Auch Benoît Carrés dreiminütiger Popsong "Daddy's Car" im Stil der Beatles wurde auf YouTube ein Hit. Bis auf den Gesang stammt die Musik ausschließlich von einer künstlichen Intelligenz des Start-ups "Flow Machines".

Virtuelle Immersion durch adaptive Musik

Und was wäre, wenn Musik nicht einfach linear abläuft, sondern sich in Echtzeit an unsere Stimmung und unsere Umgebung anpasst? Auf solche "adaptive Musik" hat sich die Berliner Firma Melodrive spezialisiert. Die Musik einer Kunstinstallation könnte so in Zukunft auf die Bewegung der Besucher reagieren. Eine weitere mögliche Anwendung sind Videospiele. Dort könnte sich Soundtrack an das Verhalten der Spielfigur anpassen und so die Immersion in virtuelle Welten verstärken. In einer von Melodrive selbst durchgeführten Studie blieben Probanden im Durchschnitt 42 Prozent länger vor dem Medium, wenn sie adaptive Musik dazu hörten.

Künstliche Intelligenz kann musikalischer Partner sein

Ein musikalisches KI-Modell, das in Echtzeit auf den Menschen reagiert, nutzt auch der "Continuator". François Pachet hat den Algorithmus im Sony Computer Science Laboratory (CSL) entwickelt. Ein Musiker spielt dem Programm den Beginn einer Melodie vor. "Continuator" ergänzt die musikalische Phrase und spinnt sie weiter. Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes musikalisches Duett zwischen Mensch und Maschine. Eine zukünftige Möglichkeit für Musikschüler, sich zum Üben zu motivieren? Dann müssten sie nicht "allein" vor sich hinspielen, sondern könnten im Dialog mit dem Computer musizieren.

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Musical Turing test with the Continuator on VPRO Channel (Amsterdam) | Bildquelle: Sony CSL (via YouTube)

Musical Turing test with the Continuator on VPRO Channel (Amsterdam)

Um die Fähigkeit der KI-Software zu testen, lud das Sony CSL den Jazzpianisten Albert van Veenendaal ein, gemeinsam mit dem Computer spielen. Die Musikkritiker Henkjan Honing und Koen Schouten bekamen nur den Ton zu hören und sollten entscheiden, welche Passagen vom Jazzpianisten stammten. Honing und Schouten tippten mehrheitlich auf die Computer-Melodien.

Bedrohung für die Musikindustrie?

Während KI-Firmen gern die Chancen und neuen Möglichkeiten ihrer Anwendungen hervorheben, regen sich auch kritische Stimmen. Für Jon Eades, Innovation Manager der Abbey Road Studios, ist KI ein zweischneidiges Schwert: "Ich glaube, dass KI der Musikindustrie auch schaden wird. Es ist wie beim Internet. Auf der einen Seite eröffnet es uns neue Möglichkeiten und hat unsere Welt komplett verändert. Aber je nachdem, wo man vor dem Internetzeitalter stand, war es entweder Chance oder Gefahr", erklärt er im Gespräch mit The Guardian. Werden Komponisten in Zukunft nicht mehr benötigt, weil ein Algorithmus ihren Job billig übernimmt? Welchen Wert hat menschliche Kreativität in Zukunft? Sängerin Taryn Southern jedenfalls fühlt sich durch KI nicht in ihrer Existenz bedroht. Denn sie ist sicher, dass selbst hochentwickelte Anwendungen eines nicht ersetzen können: "Wenn Menschen miteinander musizieren, entsteht eine Magie, auf die ich nicht verzichten möchte."

Sendung: "Leporello" am 9. Oktober 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Themenschwerpunkt Künstliche Intelligenz

Mehr über Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz können Sie im ganzen Programm des Bayerischen Rundfunks am Dienstag, 8. und Mittwoch, 9. Oktober 2019, erfahren. Das gesamte Angebot und mehr Informationen zum BR Thema "Künstliche Intelligenz: Risiko – Rettung – Revolution" finden Sie auf br.de.

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