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Joseph Bastian dirigiert die Nürnberger Symphoniker "Die Musik sollte zu meinen Bewegungen tanzen"

Eigentlich ist Joseph Bastian Bassposaunist beim BR-Symphonieorchester. Doch seit er kurzfristig für Robin Ticciati im Februar 2016 einsprang, hat seine Karriere als Dirigent begonnen. Jetzt steht er erstmals bei den Nürnberger Symphonikern am Pult. Das Konzert "Let's Dance" steht ganz im Zeichen des Tanzes. Wie der Dirigent zum Tanzen steht, und wie er sich auf das neue Orchester vorbereitet, erzählt er im BR-KLASSIK-Interview

Joseph Bastian, Bassposaunist und Dirigent | Bildquelle: Astrid Ackermann

Bildquelle: Astrid Ackermann

BR-KLASSIK: Joseph Bastian, als Bassposaunist ist Ihre Position im Orchester eigentlich hinten rechts. Jetzt haben Sie gewechselt: nach vorne - auf das Pult, wo Sie mit dem Rücken zum Publikum stehen. Passiert es Ihnen manchmal, dass sie aus Versehen auf Ihren Stammplatz zumarschieren?

Joseph Bastian: Nein. Gott sei Dank nicht. Das ist einfach eine ganz andere Rolle. Und man bereitet sich auch ganz anders vor. Wenn ich zum Konzert oder zur Probe laufe, bin ich außerdem immer ganz überrascht, wie leicht mein Rücken ist, dass keine Posaune 'drauf ist. Es gibt also keine Gefahr, dass ich zum falschen Platz gehe.

BR-KLASSIK: Die Posaune müssen Sie nicht mitschleppen. Dafür einen Taktstock. Haben Sie ein spezielles Modell?

Joseph Bastian: Ja, mein Taktstock kommt aus Japan. Man findet diese Taktstöcke leider auch nur in Japan. Das ist ein bisschen wie Schuhe kaufen: sehr persönlich. Und jedes Modell passt einem anders als das andere Modell. Mein Taktstock ist sehr leicht, aus sehr speziellem Holz, sehr gut ausgewogen. Aber es gibt andere: größere, kleinere, schwerere - aus allen möglichen Materialien.

BR-KLASSIK: Als Posaunist sitzen Sie hinten im Orchester. Welche Klangfarben hören Sie dort am stärksten?

Joseph Bastian: Die Hörner vor mir, die Trompeten neben mir, Tuba und Schlagzeug: Wenn die laut sind, bin ich manchmal nicht mehr in der Lage zu hören, was sonst noch passiert. Aber wenn es nicht ganz so laut ist, kommt es darauf an, in was für einem Saal man spielt. Es gibt Säle, in der man die ein oder andere Farbe besser oder schlechter hört. Und auch je nachdem, wie der Dirigent entschieden hat, das Orchester aufzustellen.

BR-KLASSIK: Wenn Sie dirigieren - wie positionieren Sie da das Orchester, wie positionieren Sie die Streicher?

Joseph Bastian: Der Frage stelle ich mich jedes Mal wieder. Es kommt darauf an, wie das Stück ist. Diese Woche in Nürnberg haben wir eine Beethoven-Symphonie, wo man traditionellerweise die Geigen gegenüber positionieren sollte. So wie man es damals gemacht hat - oder zumindest glaubt man, dass es meistens so gemacht wurde. Das Problem ist aber, dass wir im ersten Teil des Konzerts auch Tango und französische Musik spielen, wo es viel weniger Sinn ergibt, so zu positionieren. Also musste ich einen Kompromiss finden.

BR-KLASSIK: Das Konzert mit den Nürnberger Symphonikern ist mit "Let's Dance" überschrieben. Da gibt es Ballettmusik, Tangomusik und die tänzerische 7. Symphonie von Beetohoven. Wie tanzgewandt muss eigentlich ein Dirigent sein?

Joseph Bastian: Ich bin ein sehr schlechter Tänzer (lacht), wenn sie das wissen wollen. Und ich weiß es von vielen Dirigenten, dass sie wahnsinnig schlecht tanzen.

BR-KLASSIK: Trotzdem steht kaum ein Dirigent still auf seinem Podest. Es ist ja doch eine Bewegung da.

Joseph Bastian: Der große Unterschied ist, dass der Tänzer zur Musik tanzt. Und beim Dirigenten sollte es genau umgekehrt sein. Das heißt: Die Musik sollte zu meinen Bewegungen tanzen. Nicht ich bin "Opfer" der Musik, sondern umgekehrt.

BR-KLASSIK: Als Dirigent müssen Sie Voraussetzungen mitbringen - auch psychische -, die Sie als Posaunist nicht brauchen. Was ist das, was Sie neu an sich entdecken oder auch bei sich ausgraben müssen?

Joseph Bastian: Der Beruf des Dirigenten: Das sind 25 Prozent Können und 75 Prozent Psychologie. Es geht darum, diese 80 bis 100 oder noch viel mehr Menschen, die man vor sich hat, dazu zu bringen, das zu machen, was ich für richtig halte. Und dass es ohne Zwang passiert. Denn die Musiker müssen frei spielen können.

BR-KLASSIK: Und wie bringen Sie die Musiker dazu? Mit herrischem Auftreten ist es ja also nicht getan.

Joseph Bastian: Es gibt kein Rezept. Man muss mit den Menschen arbeiten. Als Posaunist habe ich auch mit Menschen zu tun. Aber als Dirigent habe ich einfach diese unheimliche Vielfalt. Und gerade jetzt, am Anfang der Karriere, wo ich oft neue Orchester vor mir habe, die ich noch nicht kenne, muss ich jedes Mal darauf reagieren, wie die Musiker reagieren. 

BR-KLASSIK: Sie haben jetzt die Nürnberger Symphoniker vor sich - auch zum ersten Mal.  Wenn Sie bei der ersten Probe sind, worauf achten Sie da ganz besonders?

Joseph Bastian: Anfangspunkt ist immer, was ich aus der Partitur herausgelesen habe, was ich in meinem Kopf gehört habe. Das ist mein Ideal. Aber jeder Saal, jedes Orchester klingt anders und spielt auch anders. Ich muss dann zuhören und trotzdem aktiv gestalten. Alle Antennen ausfahren und schauen, was passiert.

BR-KLASSIK: Stehen Sie jetzt so ein bisschen wie Herkules am Scheideweg: Posaune oder Dirigieren?

Joseph Bastian: Es ist ein spannendes Jahr: Ich bin jetzt ein Jahr im Orchester freigestellt, um zu sehen, was daraus werden kann, wie die Zukunft aussehen könnte. Ich kann das dann hoffentlich leicht entscheiden - ganz egal, in welche Richtung es geht. 

Die Fragen stellte Sylvia Schreiber für BR-KLASSIK.

Sendung: "Leporello" am 11. Oktober 2017, ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Nürnberger Symphoniker - Let's Dance

Sonntag, 15. Oktober 2017, 16.30 Uhr
Meistersingerhalle Nürnberg

Programm:
Léo Delibes: Sylvia, Ballettsuite
Astor Piazzolla: Tango Suite
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Theodore Kerkezos (Saxofon)
Leonel Mendieta & Natalia Hassan (Tango-Tanz)
Leitung: Joseph Bastian

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