BR-KLASSIK

Inhalt

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja "Mein Leben ist ein Festival"

Der Sommer ist für viele Menschen eng mit Ferien, Strandurlaub und Müßiggang verbunden. Doch während die einen den freien Tagen entgegenfiebern, beginnt für Musiker und Musikerinnen der Festivalstress. Für die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist die Festspielsaison daher eine Zeit großer Herausforderungen und Abenteuer: von enttäuschten Kindern bis zu verlorenen Instrumenten.

Patricia Kopatchinskaja, Geigerin | Bildquelle: Marco Borggreve

Bildquelle: Marco Borggreve

"Mir gefällt besonders, dass das Publikum so enthusiastisch ist", sagt Patricia Kopatchinskaja über ihre Erfahrungen bei Festivals. Sie spürt dann die geballte Energie der vielen Menschen, die zusammenkommen, um gemeinsam Musik zu genießen. Die Geigerin weiß wovon sie spricht: In diesem Jahr ist sie unter anderem in Bad Kissingen zu Gast, spielt mehrmals bei den Salzburger Festspielen, beim Lucerne Festival, sowie dem George Enescu Festival in Bukarest. Wenn Touristen am Sommerabend entspannt mit einem Eis in der Hand durch die Altstadt flanieren, geht für die Musikerin die Arbeit los. Und damit ist sie nicht allein: Über 75 Prozent aller Musikfestivals und Musikfestspiele finden in Deutschland zwischen Juni und August statt (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2015). Die Sommerzeit ist für Musiker und Musikerinnen eine besondere Reisezeit – nur eben mehr geschäftlich als zum reinen Vergnügen.

Musizierende Hausfrau auf Abwegen

Die Vorstellung, ständig in andere Städte zu reisen und täglich in einem anderen Hotelbett aufzuwachen, mag für manche aufregend und abenteuerlich klingen, für Patricia Kopatchinskaja "ist es etwas ganz Unmenschliches an meinem Beruf." Die 42-Jährige vermisst unterwegs die ganz alltäglichen Dingen des Lebens. Vor allem das Putzen, sagt die Geigerin und schwelgt: "Ich mag es, mir mein Zuhause herzurichten. Manchmal beginne ich im Hotel dann automatisch damit mein Bett zu machen, obwohl es vorher schon gemacht wurde."

Sogar die Vögel zwitschern überall unterschiedlich.
Patricia Kopatchinskaja

Musik der Orte beim Joggen entdecken

Peter Eötvös probt mit dem Symphonieorchester | Bildquelle: Astrid Ackermann Bildquelle: Astrid Ackermann Um sich auf andere Gedanken zu bringen, geht sie täglich joggen, egal in welcher Stadt sie ist. So schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits bleibt sie körperlich fit, was für sie als stehende Solistin ungeheuer wichtig ist. Andererseits kann sie so ihre Umgebung viel besser erkunden als wenn sie ins Museum geht, sagt Kopatchinskaja: "Beim Joggen sehe ich sehr viel - und höre die Menschen. Die sprechen überall ganz anders. Auch die Klänge sind immer andere, sogar die Vögel zwitschern überall unterschiedlich." So kann sich die Musikerin schon auf den Konzertabend und das neue Publikum einstimmen.

Der Geigenkoffer als aufklappbares zu Hause

Unterwegs sein bedeutet für Patricia Kopatchinskaja auch, von ihrem Ehemann und der Tochter getrennt zu sein. Das falle ihr als Familienmensch besonders schwer, sagt die moldauisch-österreichisch-schweizerische Musikerin. Zu den Festivals möchte sie sie aber lieber nicht mehr mitnehmen. "Ich reise nur noch selten mit der Familie zu den Konzerten, weil sie am Ende doch gar nichts von mir haben. Meine Tochter ist dann immer so enttäuscht." Damit die Geigerin keine Kindertränen trocknen muss, versucht sie den Familienurlaub später im Jahr nachzuholen. "In der Festivalzeit bin ich sehr mit meiner Arbeit beschäftigt, da geht das gar nicht." Ist das Heimweh mal besonders groß, flüchtet sie sich in die Musik, um sich wieder wohl zu fühlen. "Wenn ich meinen Geigenkasten geöffnet habe und in die Noten schaue, dann ist es wie mein virtuelles zu Hause. Darum machen mir fremde Orte auch keine Angst.", sagt Patricia Kopatchinskaja. "Ich bin dann in einer anderen Welt, die sich öffnet, sobald ich die Partitur aufklappe."

Wenn ich in die Noten schaue, dann ist es wie mein virtuelles Zuhause.
Patricia Kopatchinskaja

Zwischen Abenteuer und Albtraum

Patricia Kopatchinskaja | Bildquelle: Julia Wesely Bildquelle: Julia Wesely Schlimm nur, wenn man sein "virtuelles zu Hause" während der Reise im Zug vergisst. Das ist der Geigerin im letzten Jahr vor lauter Stress passiert, als sie auf dem Weg zu den Salzburger Festspielen war. "Ich kam zum Festspielhaus und merkte plötzlich, dass ich gar nichts in den Händen hielt.", sagt die 42-Jährige. Der Schock steckt ihr noch immer in den Knochen, wenn sie daran zurückdenkt: "Das war kein Abenteuer mehr, das war ein Albtraum!" Vom Adrenalin berauscht, nimmt sich Patricia Kopatchinskaja ein Taxi und rast dem Zug hinterher, der mit ihrem wertvollen Instrument an Bord unaufhaltsam in Richtung deutscher Grenze rollt - eine Verfolgungsjagd wie aus einem Actionfilm: "Das Konzert war schon am nächsten Tag. Was hätte ich anderes tun sollen?" Kurz vorm Grenzübergang holt sie die Bahn schließlich ein und steigt zu. Dann, der nächste Schock: "Die Geige war nicht mehr da! Ich dachte, jetzt ist alles aus." Doch wie in jedem guten Hollywood-Drehbuch, nimmt auch dieses Drama ein Happy End. Am Schluss sind Patricia Kopatchinskaja und ihre Geige wieder glücklich vereint: "Irgendein guter Mensch hatte sie wohl im Zug gefunden und schon in Salzburg zum Fundbüro gebracht", sagt die Geigerin, die seitdem am liebsten einen Peilsender in ihre Geige einbauen würde.

Bleibende Eindrücke für die Seele

Wenn es nach Patricia Kopatchinskaja geht, muss es in dieser Festspielzeit aber nicht wieder so nervenaufreibend werden wie im letzten Jahr. Ohnehin ist die Zeit schon aufregend genug und immer von spannenden Begegnungen mit ihrem Publikum geprägt: "Ich treffe die Zuhörer auch gern nach den Konzerten. Ich nehme mir dann gerne Zeit, um mit ihnen über die Musik, meine Ideen und das Programm zu sprechen." Gerade in der entspannten Festivalatmosphäre kann dieser Austausch entstehen. Das ist der Geigerin wichtig, denn auch wenn ihre Musik natürlich in erster Linie unterhalten soll, geht es am Ende doch um mehr: "Sie müssen auch etwas mitnehmen, dass sie für längere Zeit beschäftigt. Nicht so wie eine Photographie, die schnell verblasst, sondern etwas, dass sich im Herzen und in der Seele weiterentwickelt."

Sendung: "Leporello" am 19. Juni 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK.

Patricia Kopatchinskaja beim Kissinger Sommer

Freitag, 21. Juni 2019, 20 Uhr
Max-Littmann-Saal, Bad Kissingen

Camerata Bern
Patricia Kopatchinskaja, Violine und Leitung


Igor Strawinsky:
Concerto in re

Alberto Ginastera:
Concerto per corde op. 33

Sándor Veress:
Musica concertante für 12 Solostreicher

Felix Mendelssohn:
Konzert für Violine und Streicher d-moll

Weitere Informationen zum Konzert finden Sie auf der Homepage des Kissinger Sommers.

    AV-Player