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Kritik - "Peter Grimes" in Coburg Oper mitten unter uns

Ein toter Lehrling sorgt für böse Gerüchte. Ist der Fischer Peter Grimes ein Mörder? Als auch sein zweiter Lehrling stirbt, sind die wütenden Dorfbewohner nicht mehr zu halten. Am Wochenende feierte Brittens Oper "Peter Grimes" am Landestheater Coburg Premiere.

Szene aus Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" am Theater Coburg | Bildquelle: Sebastian Buff

Bildquelle: Sebastian Buff

Premierenkritik im Kollegengespräch

Bernhard Doppler über "Peter Grimes" am Theater Coburg

Vor dem Orchestergraben im Zuschauerraum in der Mitte der ersten fünf Reihen wie eine kleine Insel das Bett des Fischers Peter Grimes, der Zufluchtsort des Außenseiters. Auf der Drehbühne selbst durch Spanplatten angedeutet: die Häuser eines Fischerdorfs. Ein Richter spricht Peter Grimes zunächst - wohl nur aus Mangel an Beweisen - von der Anklage frei, dass er seinen Lehrling getötet habe. Doch die Bürger trauen Peter Grimes nicht und grenzen sich von ihm ziemlich aggressiv ab.

Oper als Spiegel der Zuschauer

Auch die Bürger sind mitten im Publikum postiert. So singt im dritten Rang des Coburger Theaters beispielsweise der höhnische Extrachor. So ist fast der gesamte Betrieb des Theaters im Einsatz, nicht nur 50 Mann Chor und Extrachor, sondern auch 14 Solisten - alle mit individuellen Zügen ausgestattet: Nachbarn, die meist wenig sympathisch erscheinen.

Mehr Bilder der Inszenierung finden Sie hier.

So ist nicht nur Peter Grimes, der Egoist und Wüterich, Held dieser Oper, sondern auch die ganze Dorfgemeinschaft. Und in der gibt es eben auch viele relativ unsympathische Menschen. Durch die Positionierung der Sänger im Parkett und den Rängen des Theaters wird die Oper in gewisser Weise fast ein Spiegel der Zuschauer.

Brittens Oper ins Heute übertragen

Die Oper "Peter Grimes" wurde 1945 uraufgeführt. Regisseur Alexander Charim hat Benjamin Brittens Oper in Coburg konsequent in die Gegenwart geholt. Die Kostüme sind modern, die Bühne abstrakt, lässt also kaum eine Zeitordnung zu. Aber die Inszenierung ist in erster Linie ein Spiegel dafür, wie Aggression und Ausgrenzung in einer Gemeinschaft entsteht. Interessant ist auch, und das macht es besonders aktuell, dass der zweite Lehrling von Peter Grimes kein Kind ist. Es geht also nicht um Pädophilie. Dieser Lehrling ist eine stumme Rolle, die aber ganz wichtig in dieser Konstellation ist.

Opern-Highlight des 20. Jahrhunderts

Es ist erstaunlich, wie Brittens mit seiner ersten Oper nicht nur England plötzlich zur Opernnation machte, sondern auch wie er damit eines der wichtigsten Opernwerke des 20. Jahrhunderts überhaupt geschaffen hat. Die lange Aufbauarbeit, die Roman Kluttig mit dem Philharmonischen Orchester geleistet hat, kommt nun in Coburg wieder zum Tragen. Voll abwechslungsreicher, spannungsreicher Dynamik entfaltet sich die Musik. Die Bezüge zu Alban Bergs "Wozzeck" sind dabei nicht nur über die vergleichbare Handlung zu spüren. Denn auch da gibt es ja den Außenseiter, der zum Mörder wird... Auch amerikanische Einschläge - Britten war als Pazifist zunächst in die USA emigriert - werden hörbar.

Fazit: Konzept geht auf

"Peter Grimes" wird am Theater Coburg mit sehr großer Dynamik und sehr spannend dargestellt. Auch in der Musik werden die Aggressionen und inneren Gedanken von Peter Grimes immer wieder deutlich - ganz fantastisch übrigens gesungen von Roman Payer in der Hauptrolle. Er ist ein Tenor, der sowohl das Heldenfach beherrscht als auch den Liedgesang. Und das passt unheimlich gut für diese Rolle, die Benjamin Britten ursprünglich für seinen Lebensgefährten Peter Pears geschrieben hat. Fazit: Es macht Sinn, so ein Werk in einem Theater auf die Bühne zu stellen und darüber Gegenwartsdinge zu verhandeln.

Sendung: Leporello am 28. Januar 2019 um 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

"Peter Grimes" am Landestheater Coburg

Oper von Benjamin Britten

Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung: Alexander Charim

Informationen zur Besetzung und Termine finden Sie auf der Homepage des Landestheaters Coburg.

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