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Kritik - von Einems "Prozess" in Salzburg Kafka-Oper konzertant

Er war schon ein Typ, dieser Gottfried von Einem. Man weiß gar nicht, was man interessanter finden soll: seine Musik oder sein Leben. Einems Kafka-Oper "Der Prozess" schlägt einen ganz eigenen Ton an: scharf und trocken, tonal und traditionell, aber auch witzig und voller Brüche. Am 14. August hatte die Oper in einer konzertanten Aufführung Premiere bei den Salzburger Festspielen.

"Der Prozess" Salzburger Festspiele 2018 | Bildquelle: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Bildquelle: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Die Kritik zum Anhören

Wie alle frühen Opern Gottfried von Einems war auch "Der Prozess" ein Riesenerfolg. In der Musikszene der unmittelbaren Nachkriegszeit war er ein internationaler Shootingstar. 1947 hatte ihn die sensationell erfolgreiche Uraufführung seiner ersten Oper "Dantons Tod" bei den Salzburger Festspielen ganz nach oben katapultiert. Da war er gerade mal 29 Jahre alt. Zum künstlerischen Erfolg kam die Macht: Ein Jahr später wurde er einer der Festspieldirektoren. Aber glatt lief im Leben Gottfried von Einems gar nichts. Er hatte sich dafür eingesetzt, dass Bertold Brecht die österreichische Staatsbürgerschaft bekam. Das gab einen Riesenskandal. Ein Kommunistenfreund bei den Salzburger Festspielen? Untragbar. Einem musste zurücktreten, bekam aber trotzdem die nächste prominente Uraufführung: Eben die am Dienstag konzertant in Salzburg aufgeführte Oper "Der Prozess".

Von Einem, ein begnadeter Strippenzieher

Ein Kommunist war von Einem übrigens ganz und gar nicht. Er war vor allem offen, charismatisch und charmant, ein begnadeter Strippenzieher, befreundet mit Gott und der Welt, mit dem linken Bundeskanzler Bruno Kreisky ebenso wie mit dem Oppositionsführer der österreichischen Konservativen. Später trug er einen langen Bart, lebte im Wald und hielt spiritistische Sitzungen ab. Es gibt soviel zu erzählen über ihn: Wie er als uneheliches Kind in einer adeligen Diplomatenfamilie aufwächst. Wie er in der Nazizeit großen Erfolg hat, aber heimlich verbotene Feindsender hört, um an Musik von Gustav Mahler zu kommen. Wie er dabei hilft, einen Juden zu verstecken. Wie er von der Gestapo verhaftet wird und wie sich Propagandaminister Goebbels über ihn aufregt, weil er es wagt, Jazzeinflüsse in seine Musik aufzunehmen – kurz: Man könnte einen Roman schreiben über den Mann.

Strawinsky light

"Der Prozess" Salzburger Festspiele 2018 | Bildquelle: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli Bildquelle: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli Aber ist seine Musik auch so spannend wie sein Leben? Gut gemacht ist sie jedenfalls, und sehr interessant. Mehr aber auch nicht. Franz Kafkas "Prozess" wird wirkungsvoll dramatisiert. Man freut sich an pulsierenden Rhythmen und hakenschlagenden Stilzitaten. Das klingt mal lammfromm, mal frech nach Strawinsky light, dann wieder jazzig. Irgendwie cool, aber es lässt einen auch irgendwie kalt. Die unter die Haut gehende Sogwirkung von Kafkas Text erreicht von Einem mit seinem skurrilen Stilmix nicht von fern. Was keineswegs an den exzellenten Sängern liegt. Allen voran Ilse Eerens, die mit leichtem und farbenreichem Sopran souverän fast alle weiblichen Rollen singt, und der beeindruckende Michael Laurenz als Angeklagter Joseph K. Dirigent HK Gruber, ein Schüler Gottfried von Einems, gibt der Musik seines Lehrers eindringlich Groove und Drive und küsst beim Schlussapplaus die Partitur.

Hörenswert, aber keine musikdramatische Offenbarung

Fazit: "Der Prozess" von Gottfried von Einem ist hörenswert, aber keine musikdramatische Offenbarung. Kein entscheidendes, aber ein überraschendes Puzzlestück in der Musik des 20. Jahrhunderts. Genau das richtige also für eine konzertante Aufführung. Die Salzburger Festspiele, denen in diesem Jahr eine der besten Saisons seit Jahren gelingt, haben auch in diesem interessanten Fall alles richtig gemacht.

Von Einems "Prozess" in Salzburg

Gottfried von Einem:
"Der Prozess"
Neun Bilder in zwei Teilen op. 14
Konzertante Aufführung

Musikalische Leitung: HK Gruber

Michael Laurenz: Josef K.
Jochen Schmeckenbecher: Der Aufseher / Der Geistliche / Der Fabrikant / Ein Passant
Matthäus Schmidlechner: Der Student / Der Direktor-Stellvertreter
Jörg Schneider: Titorelli
Lars Woldt: Der Untersuchungsrichter / Der Prügler
Johannes Kammler: Willem / Der Gerichtsdiener / Der Advokat
Tilmann Rönnebeck: Franz / Kanzleidirektor / Albert K.
Ilse Eerens: Fräulein Bürstner / Die Frau des Gerichtsdieners / Leni / Ein buckliges Mädchen
Anke Vondung: Frau Grubach

ORF Radio-Symphonieorchester Wien

Premiere: 14. August

Details zu weiteren Terminen und Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

Sendung: "Allegro" am 16. August 2018 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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