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Serge Dorny - neuer Intendant für München Die Oper als Piazza

Als Chef der Oper Lyon hat Serge Dorny das dortige Publikum radikal verjüngt und mit seiner Offenheit und Experimentierlust gepunktet. Ab 2021 wird er die Bayerische Staatsoper leiten, gemeinsam mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski, der dann Generalmusikdirektor wird. Was könnte für München mit einem Intendanten Serge Dorny zu erwarten sein? Eine Einschätzung von BR-KLASSIK-Redakteur Bernhard Neuhoff.

Serge Dorny | Bildquelle: © Philippe Pierangeli

Bildquelle: © Philippe Pierangeli

ZUM ANHÖREN: SERGE DORNY IM PORTRÄT

Ob das in München auch vorstellbar ist? Wer abends in die Oper von Lyon reinkommt, wo Serge Dorny seit 2003 Intendant ist, schlängelt sich in einem Strom erstaunlich junger Leute an einer Gruppe akrobatischer Breakdancer vorbei, viele davon mit Migrationshintergrund. Die spiegelglatten Steinplatten unter den eindrucksvollen Säulen haben sie zur Tanzfläche umfunktioniert. Und was tat Serge Dorny? Statt die Breakdancer zu vertreiben, hat er sie in die Vorstellungen eingeladen. Leute reinholen – das ist seine Stärke und seine Mission.

Die Oper soll eine Art Piazza sein, wo Leute sich treffen und eine Emotion teilen. Es geht um Diversität - die möchte ich auch in der Oper sehen.
Serge Dorny

Oper Lyon - Viel mehr junges Publikum

Oper, Lyon, Rhone-Alpes, Frankreich / Opera de Lyon | Bildquelle: picture alliance / Arco Images GmbH Die Opéra National de Lyon. | Bildquelle: picture alliance / Arco Images GmbH Als Dorny 2003 in Lyon anfing, bestanden die Besucher zu 80% aus Abonnenten. Mittlerweile gibt’s im Publikum nur noch rund 20 % Abonennten. Gleichzeitig lag die Auslastung in den vergangenen Jahren deutlich über 90%, während das Durchschnittsalter drastisch gesunken ist. 42% der Besucher seien jünger als 45 Jahre, 25% sogar unter 26. Für die Ohren der Bayerischen Kulturpolitiker mag das märchenhaft geklungen haben. Doch wer nach Lyon fährt, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Klar, dass bei so viel jungen Leuten im Zuschauerraum eine völlig andere Atmosphäre herrscht als beispielsweise in München.

An der Isar, wo der aktuelle Intendant Nikolaus Bachler ebenfalls exzellente Auslastungszahlen vorzuweisen hat, wäre da für Dorny einiges zu tun. Auch sozial ist das Publikum an der Bayerischen Staatsoper lange nicht so durchmischt wie in Lyon. Dort traf Dorny anfangs durchaus auf Widerstand bei den Abonnenten. Vor allem, weil er gezielt unbekanntes Repertoire spielte.

Von 60.000 Opernwerken werden gemeinhin nur 80 gespielt. Ich finde es wichtig, dass man nicht nur Blockbuster zeigt.

Serge Dorny

Der gebürtige Belgier Serge Dorny, Jahrgang 1962, führt seit 2003 die Opéra de Lyon. Von Gerard Mortier, für den er an der Brüsseler Oper in den 1980er-Jahren als Dramaturg arbeitete, habe er - laut eigener Aussage - die Besessenheit für Musik übernommen. 1987 wurde er künstlerischer Leiter des Flandern-Festivals, 1996 Generaldirektor und künstlerischer Leiter des London Philharmonic Orchestra. Ein Wechsel an die Dresdner Staatsoper 2013 kam letztlich nicht zustande. Einen Prozess wegen "einseitiger Lösung des Vertrags" konnte Dorny gewinnen. Danach kehrte er nach Lyon zurück. 2017 wurde das Haus zum "Opernhaus des Jahres" gekürt.

Oper als Teil des täglichen Lebens

Dorny hat künstlerisch vorbildliche Arbeit gemacht, thematische Schwerpunkte gesetzt, Bekanntes und Unbekanntes geschickt gemischt und Lyon aus dem Schatten der übermächtigen Hauptstadt Paris geholt. Der Regiestil, den er bevorzugt, ist keineswegs revolutionär, sondern vorsichtig progressiv. Darin unterscheidet sich Dorny nicht grundlegend von Bachlers Linie. Klar ist, dass er nicht alles, was in Lyon funktioniert hat, nach München exportieren kann. In Lyon wird in der Regel immer nur ein Stück geprobt und anschließend gleich mehrmals en suite gespielt.

Dagegen gibt es in München, wie im deutschen Repertoire-System üblich, so gut wie jeden Abend eine andere Oper. Dorny ist eigentlich ein Fan des außerhalb Deutschlands üblichen Stagione-Systems – immer nur ein Stück auf dem Programm. Trotzdem sieht er im deutschen System einen entscheidenden Vorteil: Oper ist Teil des täglichen Lebens, Teil der Stadt. Man kann in die Oper so selbstverständlich gehen wie in die Bibliothek oder ins Schwimmbad. Und das ist sein wichtigstes Ziel:

Zwischen einem Opernhaus und einer Gemeinde sollte ein Vertrauenverhältnis bestehen.

Im Team mit Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski | Bildquelle: Sheila Rock Vladimir Jurowski | Bildquelle: Sheila Rock Mit diesem Ansatz passt Dorny perfekt in eine Stadt, in der die Oper wirklich geliebt wird. In München gibt es echte Fans, Begeisterung – und Geld. Das wird Dorny die Arbeit vereinfachen. Aber es gibt eben auch sehr viel höhere Ansprüche: Hier ist man, im besten Sinn, sehr, sehr verwöhnt. Ob Dorny künstlerischen Erfolg haben wird, dürfte sich deshalb vor allem an einer Frage entscheiden: Wie harmonisch wird die Zusammenarbeit mit dem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski?

In München hat Jurowski 2015 ein fantastisches Debut gegeben mit Sergej Prokofjews selten gespielter Oper "Der feurige Engel". In ihrer Begeisterung für das 20. Jahrhunderts sind sich Dorny und sein Dirigent schon mal nahe. Positiv auch: Vladimir Jurowski, Sohn des Dirigenten Michail Jurowski, brennt fürs Theater.

Ich bin im Theater geboren. Theater ist für mich immer noch ein und alles.
Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski wurde 1972 in Moskau geboren. Seine musikalische Ausbildung begann er zunächst am Konservatorium seiner Heimatstadt, später studierte er dann in Berlin und Dresden. Sein internationales Debüt gab er 1995 beim Wexford Fextival, bereits ein Jahr später stand er in Convent Garden am Pult. Dem schlossen sich Engagements an weltweit renommierten Häusern wie der New Yorker Metropolitan Opera, der Mailänder Scala, der Opéra National de Paris, der Dresdener Semperoper und der Komischen Oper Berlin an. Von 2001 bis 2013 übernahm Vladimir Jurowski die musikalische Leitung des Glyndebourne Festivals, seit 2007 steht er als Chefdirigent am Pult des London Philharmonic Orchestra. Des Weiteren ist er "Principal Artist" beim Orchestra of the Age of Enlightenment und Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Symphonieorchesters Russlands. Seit Beginn der Spielzeit 2017/18 ist Jurowksi Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

Nikolaus Bachlers größte Tat war es, im rechten Augenblick Kirill Petrenko zu holen. Vladimir Jurowski ist in einer ähnlichen Phase seiner Karriere: Als Dirigent ist er erfahren, aber eben noch kein Weltstar. Und das Zeug, einer zu werden, hat er. Er wird was beweisen wollen – ebenso wie Petrenko. Wenn Jurowski mit dem neuen Intendanten Serge Dorny ebenso gut zusammen arbeitet, wie Bachler und Petrenko das tun, dann stehen die Chancen gut, dass die Bayerische Staatsoper ihre Erfolgsgeschichte fortsetzt.

Bernhard Neuhoff sprach im Jahr 2013 mit Serge Dorny.

Sendung: "Leporello" am 6. März ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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