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Vladimir Jurowski über Beethovens 9. "Der Mythos kann einen auch erzittern lassen"

Beethovens Symphonie Nr. 9 wird 200 Jahre alt. Oder jung, wie man es nimmt. Auf jeden Fall ist ihre Botschaft zeitlos. Und ihre künstlerische Kraft so stark, dass sie viele Menschen bannt. Dirigent Vladimir Jurowski schreibt exklusiv für BR-KLASSIK seine persönlichen Erinnerungen an dieses Meisterwerk und die damit verbundenen Hoffnungen.

Vladimir Jurowski | Bildquelle: Wilfried Hösl

Bildquelle: Wilfried Hösl

Als ich ungefähr 12 Jahre alt war, begann ich mich regelmäßig in der Abwesenheit meines Vaters in seinem Arbeitszimmer aufzuhalten, um seine Schallplatten auf seinem Plattenspieler zu hören. Mein Vater hatte eine überaus große Plattensammlung, unter der sich einige sehr alte (auch 45er und 78er) sowie zahlreiche Platten aus dem Westen befanden. Diese fischte ich mir als erstes aus seinem Schrank heraus, vor allem wegen der schönen farbigen Covers.

Bei Beethoven erstmal keinen richtigen Anschluss

Nach einiger Zeit begann ich auch nach eigenen musikalischen Vorlieben zu unterscheiden und blieb bald bei zwei der dicksten LP-Boxen hängen, die beide von dem englischen Musiklabel EMI stammten und zwei Meilensteine der europäischen Musik präsentierten. Sie waren beide von demselben Orchester unter demselben Dirigenten (Philharmonia Orchestra und Otto Klemperer) interpretiert: die "Matthäus-Passion" von Johann Sebastian Bach und die kompletten Symphonien von Ludwig van Beethoven. Bei Bach waren es damals der Eingangschor und die Arie "Erbarme Dich", die mich sofort und jedes Mal aufs Neue fesselten, während ich bei Beethoven lange keinen richtigen Anschluss fand. So langsam tastete ich mich hörend vorwärts und fand endlich meine Favoriten! 

Energie aus Wut und Verzweiflung

Interessanterweise war es nicht die 5. Sinfonie, die mich zuerst faszinierte, sondern die 7. und – so erstaunlich das klingen mag – die ersten beiden Sätze der 9., vor allem der düstere und abgründige 1. Satz. Dabei waren die Tempi von Herrn Klemperer alles andere als kinderfreundlich – ich glaube, dass er in seinen letzten Londoner Aufnahmen sogar die Zeitdauer der einzelnen Sätze von Wilhelm Furtwängler unterschritt, der als langsamster Beethoven-Dirigent seiner Zeit galt. Aber die schier unglaubliche Energie aus Wut und Verzweiflung, die aus dieser Musik sprach, manchmal sogar schrie, machte mich jedes Mal fassungslos und zwang mich zum wiederholten Hören. Den 3. und 4. Satz verstand ich erst viele Jahre später – damals riefen sie bei mir nur Gähn-Reflexe hervor.

Beethovens "Neunte" als Dirigent erst mit Ü40

Als ich viele Jahre später Dirigent geworden war, ließ ich mir sehr viel Zeit, bis ich mich traute, die 9. zu dirigieren. Erst nachdem ich vierzig geworden war und alle oder fast alle zuvor komponierten Orchesterwerke von Beethoven bereits dirigiert hatte, wagte ich mich an dieses Mammutwerk heran. Zunächst recht zögernd, denn der Mythos um diese Symphonie herum kann einen auch erzittern lassen.

Beethoven der Anarcho

Ich glaube, es ist die absolute Hegemonie der geistigen Idee über deren praktische Realisierungsmöglichkeit, die diese letzte Symphonie Beethovens (genauso wie seine kurz davor komponierte "Missa solemnis") auszeichnet. Wenn es nach Beethovens Wunsch ginge, müsste der Solobassist gewissermaßen, gefolgt von den Herren des Chores, schweißüberströmt erst wenige Takte vor seinem Einsatz die Bühne unerwartet "flashmobartig" erstürmen und plötzlich anfangen zu singen. Es gibt etwas zutiefst Anarchistisches in der Art und Weise, wie Beethoven mitten im Orchesterjubel der ersten, instrumentalen Exposition des Finales plötzlich "abklopft" und das Ganze nochmal von vorne mit der Schreckensfanfare beginnt!

Die "Neunte" auf einer Höhe mit Michelangelo

Beethovens Neunte Symphonie, Autograph | Bildquelle: picture-alliance/dpa Beethovens "Neunte": Autograph | Bildquelle: picture-alliance/dpa Beethovens "Neunte" ist zweifelsohne ein unabdingbarer Teil der europäischen kulturellen DNA, ein genauso zeitloses und allumfassendes Meisterwerk wie Michelangelos "Pietà", Leonardos "Letztes Abendmahl" oder Raffaels "Madonna". Um richtig verstanden zu werden, muss sie allerdings immer wieder in den Kontext ihrer Entstehungsgeschichte gesetzt werden.

Beethoven hatte diese Symphonie am Ende der grausamen napoleonischen Kriege geschrieben, als halb Europa in Trümmern lag und der reaktionäre Wiener Kongress über den revolutionären Ideen der 1790er scheinbar endgültig triumphierte. Die "Neunte" war Beethovens emotionale Reaktion auf die damaligen Zeitumstände, gleichzeitig eine humanistisch inspirierte politische und geistige Botschaft an alle Menschen der damaligen Zeit. Wahrscheinlich ist mit der "Neunten" zum ersten Mal in der Musikgeschichte des Westens die gesamte Menschheit zur Zielgruppe eines Komponisten gemacht worden!

Politischer und kommerzieller Missbrauch

Im Laufe der Zeit wurde Beethovens 9. mit verschiedensten politischen Ideen in Verbindung gebracht und gerade von politischen Schreckensregimen aller Couleur gern für ihre Zwecke missbraucht. Die 9. gehört auch in unserer Zeit als ein Pflichtstück bei aller Art feierlichen Anlässen vom Jahreswechsel bis zur Eröffnung einer Messe oder der Olympischen Spiele dazu. Das einst revolutionäre und sperrige Werk erklingt in modernen Wohlfühl-Bearbeitungen als Soundtrack für Bankgeschäft- und Parfümerie-Werbung.  Man wünscht sich manchmal, das Werk würde für einige Jahre mit absolutem Aufführungsverbot weltweit belegt werden, damit es wieder mit neuen Ohren, einem freien Kopf und geschärfter Wahrnehmung gehört werden kann.

"Naive" und "sentimentale" Herangehensweise

Ich sehe diesbezüglich zwei mögliche Strategien vor: die "Naive" und die "Sentimentale". Im Rahmen der "Naiven" würde das Werk wieder aus der Perspektive der Uraufführungszeit gesehen werden, so als hätte man das Werk noch nie vorher gehört. Darin hat uns die Revolution in der "Alten Musik"-Szene vor etwa 40 Jahren enorm geholfen und so langsam setzt sich die historisch informierte Interpretation von Beethoven auch in der traditionellen Orchesterszene durch. Unter der "sentimentalen" Methode verstehe ich die gezielte thematische Verbindung der historischen Musik mit den jüngsten sozialen und politischen Ereignissen und vor allem mit der Musik der Neuzeit oder der jüngsten Vergangenheit.

Die "Neunte" kombiniert mit Schönberg

Vor zehn Jahren, kurz nach der Kiewer "Maidan"-Revolution, habe ich in Moskau der Aufführung der 9. Symphonie den "Überlebenden aus Warschau" von Arnold Schönberg zuvorkommenlassen und das Publikum davor gebeten, beim Übergang von Schönberg zu Beethoven NICHT zu klatschen, damit auf diese Weise der unschuldigen zivilen Opfer unserer "friedlichen" Zeit gedacht werden kann. Bei der Aufführung zum Jahreswechsel 2017 in Berlin habe ich die 9. erneut mit dem "Überlebenden aus Warschau" verbunden, ließ ihn jedoch dieses Mal zwischen dem dritten und vierten Satz von Beethoven einfügen. Die Idee war nicht neu, Michael Gielen hatte es bereits in den 1970er Jahren in Frankfurt auf diese Weise gemacht. Und auch im Jahr 2017 sorgte ebendiese Kombination wie damals gleichermaßen für Entrüstung und Begeisterung. Daraufhin wurde mir klar, dass ich Beethovens 9. von nun an nur noch mit neuen Stücken verbinden wollte. Als neuen Ansatz wurde die Symphonie im Rahmen des Kompositionsauftrags des Berliner Rundfunks 2018 von Georg Katzer, 2020 von Ralf Hoyer um einen symphonischen Prolog ergänzt. 2024 wird Torsten Rasch einen symphonischen Prolog für die 9. komponieren. In der Zwischenzeit hat das Stück mit seinen Fragen, Zweifeln und Ängsten durch den Krieg in der Ukraine und den Krieg in Gaza noch ganz neue Schattierungen bekommen.

Beethovens Utopie: greifbar oder unerreichbar?

Vor 35 Jahren, kurz nach dem Berliner Mauerfall gab es eine denkwürdige Aufführung der 9. im Berliner Schauspielhaus (das heutige Berliner Konzerthaus) unter Leonard Bernstein, bei der er "Freude, schöner Götterfunken” durch "Freiheit, schöner Götterfunken” ersetzen ließ. Die von Schiller und Beethoven entworfene Utopie schien wie nie zuvor in greifbarer Nähe zu sein. Heute müssen wir leider das Gegenteil erleben: Wir entfernen uns mit jedem Tag weiter weg vom beethovenisch-schillerschen Ideal des glücklichen Lebens auf Erden. Wahrscheinlich wird die 9. mit ihrer Schlussapotheose für immer und ewig ein unerreichbarer Traum der Menschheit bleiben.

Kommentare (1)

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Montag, 13.Mai, 14:06 Uhr

Shingo Matsumoto

Beethovens Neunte

Sehr geehrter Herr Jurowski,
ich teile mit Ihnen Ihre Empfindungen zu Beethovens 9. Jedes Mal, wenn ich die Neunte höre, versuche ich mich in die Entstehungszeit hineinzusetzen und spüre die Wut über alles Unhumanistische in dieser Welt, die leider 200 Jahre später immer noch von der Menschheit getrieben wird, aber einen festen Glauben und den Willen zum echten Humanismus.

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