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Internationale Jazzwoche Burghausen Tops und Flops der Jazzwochen

Eine zerschlagene Schnapsflasche, ein Trompeter in Polizeigewahrsam und ein Popstar als Schnitzelfan: 48 Jahre Jazzgeschichte an der Salzach - Sternstunden des Jazz und harte Zeiten, für Musiker, Veranstalter und auch fürs Publikum. Eine Auswahl der Tops und Flops der Jazzwoche Burghausen.

Philipp Fankhauser 2016

Seine Herkunft: Das Emmental in der Schweiz. Seine Heimat: Der Blues und zwar der, der amerikanischen Südstaaten. Philipp Fankhauser heißt er. Jahrgang 1964, Gitarrist und einzigartiger Sänger. Mit seiner unnachahmlichen, rauchig-kräftigen Stimme verzauberte er das Publikum in der Wackerhalle beim Bluesnachmittag 2016. Fankhauser kennt die Jazzwoche Burghausen schon sehr lang. Vor rund 30 Jahren, so sagte er in seiner Bühnenansage, sah er eine Anzeige in der Zeitschrift Blues-Forum für die Jazzwoche Burghausen. Er träumte davon, auch dort auftreten zu dürfen. Lange hat es gedauert, aber 2016 ist sein Traum Wirklichkeit geworden. Sein Auftritt in Burghausen war dann auch traumhaft. Ein Bluesnachmittag mit Witz, Groove und ganz viel von dem was draufsteht, nämlich Blues!

Cassandra Wilson 2013

„Ich unterschreibe den Vertrag schon noch“ - und zwar fünf Minuten vor dem Konzert. Beim Soundcheck hieß es noch „No cameras“, vorher über Wochen zähes Verhandeln, seitenlange Emails und Verträge, immer wieder überarbeitet und umgeschrieben. Dann in Burghausen erstmal schön shoppen auf Kosten der Veranstalter. Immerhin, für den von der Airline verlorenen Koffer konnte Frau Wilson nichts. Dann: ein großartiges Konzert, egal was die Lokalpresse fälschlich über schiefe Töne geschrieben hat. Musikalisch eine Sternstunde, charakterlich fragwürdig. Das gesamte Video- und Audiomaterial wurde nach dem Konzert der Künstlerin übergeben. Sie wollte aber den Erhalt nicht quittieren. Schlussfolgerung: Nimmt sie es mit, ohne zu unterschreiben, ist es Diebstahl. Nachdem das auch noch von zwei Burghauser Polizeibeamten bestätigt wurde, gab es dann doch die Unterschrift.

Jamie Cullum 2014

Er kam, sah, aß ein Schnitzel und hatte im Nu alle Burghauser Herzen gewonnen. Der junge Brite ist ein Alleskönner: Virtuose Klavierimprovisationen, feine Jazzballaden, packende Pop-Grooves - und immer hat man nach der Show das Gefühl, bei etwas Einzigartigem dabei gewesen zu sein. Am Ende singt er: „Burghausen you know how to show a musician a really great time“. Burghausen antwortet: „Danke, ebenso - und komm unbedingt ganz bald wieder!“ Was nicht unwahrscheinlich ist, Burghausen ist auch ein Festival der Stammgäste, und Jamie Cullum wäre sicher ein gern gesehener.

The Leaders 2007

„Wir wissen, wie Jazz geht!“ Dieser Ruf eilte der Allstar-Gruppe um die Saxophonisten Bobby Watson und Chicco Freeman voraus. Nur, dass dabei ein paar Kleinigkeiten vergessen wurden: Zum Beispiel die Kompositionen wenigstens einmal vorher geprobt zu haben - oder immerhin die Instrumente richtig auf einander einzustimmen. Vielleicht nur ganz schlechte Tagesform…

Trombone Shorty 2011

„What’s up, Burghausen?“ Ganz viel!!! Mit dem Energiebündel Trombone Shorty, der auch die Trompete großartig spielt, begann die Verjüngungskur der Jazzwoche. Mit ganz alten Traditionals aus New Orleans und ganz neuen kraftvollen Eigenkompositionen sorgte das Quintett von Shorty 2011 für ein unvergessliches Highlight, über das noch in weiter Zukunft gesprochen werden wird.

Lee Konitz 2012

Übellaunig, unnahbar, aber brillant. Altsaxophonist Lee Konitz wollte zuerst keine Kameras, kein Bühnenlicht, nicht mal ein Mikrophon. Was aber an intensiver, leiser und hochspannender Musik im Konzert zu hören war, kann zu den Burghauser Sternstunden gerechnet werden. Die Lokalpresse zog zwar weit unter der Gürtellinie über die Saxophonlegende und seine hochkarätigen Mitmusiker her. Wer aber „Body and Soul“ in der Burghauser Version hört, kann eigentlich nur verzückt sein.

Nigel Kennedy Quintet 2009

Mit nicht ganz zurechnungsfähiger Zunge stellte der „Star“-Geiger seine Band vor. Die Bierflaschen auf der Bühne, auf Verstärker und die historische Hammondorgel verteilt, waren auch nicht nur Kulisse. Nigel Kennedy sorgte mit seinem Auftritt für einen ersten Flop 2009 bei der Jazzwoche Burghausen. Uninspiriert, ungenau, unflätig. Kraftausdrücke in den Ansagen, verrutschte Noten in den Improvisationen. Der eigentliche Skandal passierte aber nach dem Konzert. Zu später Stunde randalierte der britische Musiker im Jazzkeller, zerschlug eine Schnapsflasche und beschimpfte den Wirt. Auch das Hotelzimmer hatte im Anschluss noch zu leiden. Kommentar von Kennedys Manager: „Zieht den Schaden einfach von der Gage ab“.

Chet Baker (1976), 1979, 1981

Da wird das Laster zur echten Last und zwar auch für die Veranstalter. Chet Baker saß lange im Auto, von Liège in Belgien nach Burghausen an der Salzach. Kaum angekommen, saß der Trompeter schon im Gefängnis. Ein Aufenthaltsverbot in der BRD wegen Drogenbesitzes aus dem Jahr 1963 lag immer noch vor. Nach einer Nacht in Burghauser Polizeigewahrsam, wurde Chet Baker ausgewiesen. Deshalb auch kein Auftritt in Burghausen. Aber 1979 und 1981 sollte es doch noch klappen und das war dann im positiven Sinne unvergesslich.

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