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CD-Tipp, 10 Februar 2020 Carla Bley Trio: "Life Goes On"

In den 1950er Jahren verkaufte sie mit einem Bauchladen Zigaretten in New Yorker Jazzclubs. Wenig später gehörte sie selbst zu den großen Figuren des aktuellen Jazz. Jetzt hat die Amerikanerin Carla Bley mit ihren beiden Trio-Partnern, Bassist Steve Swallow und Saxophonisten Andy Sheppard, die CD "Life Goes On" aufgenommen, die am 14. Februar erscheint.

Cover - Carla Bley Trio: Life goes on | Bildquelle: ECM Records

Bildquelle: ECM Records

CD-Tipp 10.02.20

Carla Bley Trio: Life goes on

Ein Blues. In gemächlichem Tempo. Und in ganz zurückgenommenem Klang. Aber mit so fein gesetzten Tönen, dass man gleich hier merkt: Es ist kein gewöhnlicher Blues. Es ist einer mit ganz eigenem Ton. Und mit Stil. Mit dem Gefühl für die besondere Eigenheit von Instrumenten. So beginnt diese CD.

KEIN TRIO KLINGT WIE DIESES

Steve Swallow und Andy Sheppard sind Carla Bleys langjährige Partner in diesem Trio. Sheppard ist wechselweise auf dem Tenor- und dem Sopransaxophon zu hören; Swallow spielt auf einer verstärkten akustischen Bassgitarre mit ganz eigenen Klang-Eigenschaften. Die Instrumentenstimmen dieser drei stillen Jazzstars mischen sich ideal: Kein anderes Trio auf der Welt klingt auch nur annähernd so. Bley, Swallow und Sheppard spielen eine Musik, die auf leise Art existentiell ist: „Life goes on“ heißt das wichtigste Stück – bestehend aus vier Sätzen. Der zweite heißt „On“, der dritte „And On“, und der letzte trägt den Titel: „And then one day“. Nach einem gesundheitlich schweren Jahr schrieb Carla Bley eine Suite, die augenzwinkernd mit tiefem Ernst umgeht.

EIN BEWOHNER DES WEISSEN HAUSES UND SEIN STAUNEN

Voller leiser Anspielungen stecken die Stücke, man kann Hommagen an Jazz-Größen wie Thelonious Monk und John Coltrane heraushören – und doch ist diese Tonsprache immer sofort erkennbar die eigene von Carla Bley. Diese Sparsamkeit der Mittel und zugleich eine funkelnde Ironie: Das hat seit Jahrzehnten in der Geschichte des zeitgenössischen Jazz niemand so drauf wie sie. Sie beherrscht auch die Kunst des musikalischen Zitats so, dass geliehene Töne nie plump werden – etwa in einem Stück über einen Bewohner des Weißen Hauses, der bei der ersten Besichtigung ausgerufen haben soll: „Beautiful Telephones“.

KEINEN TON ÄNDERN

An einer Stelle singt urplötzlich im Geiste Frank Sinatra fünf Töne mit. Danach kehrt fahler Ernst ein. Der bleibt bestehen, trotz schönem Hintersinns – wenn etwa ein Stück namens „Follow the leader“ nur siebzehn Sekunden dauert. Länger sollte man diese Anweisung auch nie befolgen. Und stattdessen lieber diese in unaufgeregter Art ständig überraschende Musik hören. In ihrer schillernden Schönheit bietet sie auf diesem Album eines der eindrucksvollsten Selbstporträts. Carla Bley: eine Meisterin von Tönen, von denen man keinen einzigen ändern sollte.

Carla Bley Trio: "Life Goes On"

Carla Bley - Klavier
Steve Swallow - Bass
Andy Sheppard - Sopran- und Tenorsaxophon
ECM 2669 (LC 2516)

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