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CD-Tipp: 09. März 2020 Oded Tzur: Here Be Dragons

Ein junger Musiker aus Tel Aviv, der in Rotterdam studiert hat: Der 1985 geborene israelische Saxophonist Oded Tzur ist ein Kosmopolit mit einer völlig eigenen musikalischen Ästhetik. Das zeigt seine neue CD "Here Be Dragons" eindringlich leise.

Cover: Oded Tzur - Here Be Dragons | Bildquelle: ECM Records

Bildquelle: ECM Records

CD Tipp: 09.03.2020

Oded Tzur - Here Be Dragons

Was ist das? Eine Querflöte? Ganz gewiss, denn was sonst sollte so weich und luftig klingen und eine so zarte Kontur haben? Nichts anderes kommt da in Frage. Dieser Gedanke - oder ähnliche - drängt sich auf, bereits wenn man die ersten Töne dieser CD hört. Aber: Der prüfende Blick auf die Liste der Mitspieler und ihrer Instrumente klärt auf: Es kann gar keine Flöte sein. Es ein Saxophon - und auch keines von den höher klingenden Instrumenten der Familie, sondern das sonst im Jazz so gern machtvolle Rohr, auf dem Musiker wie Sonny Rollins, John Coltrane oder auch Jan Garbarek in kräftigem Strahl die Luft zerschnitten haben. Hier schneidet gar nichts. Die Töne verbinden sich sanft mit ihrer Umgebung. Fast wirkt es, als seien sie nach innen gespielt, nicht nach außen.

INSPIRATION AUS INDIEN

Spätestens beim nächsten oder übernächsten Stück stellt sich die Frage: Ist das nicht zu soft, um schön zu sein? Antwort: Eben nicht, denn es ist gar nicht soft. Diese Musik ist lediglich sehr genau abgetönt. Sie kommt besonders leise daher und ist mit enormem Feingefühl gespielt. Einem der Stücke etwa liegt eine Tonskala der klassischen indischen Musik zugrunde - einer weit ausdifferenzierten Musikkultur, mit der sich der Saxophonist und Bandleader Oded Tzur eingehend beschäftigt hat. Unter anderem nahm er Unterricht bei dem nordindischen Flötenmeister Hariprasad Chaurasia. Und das formte hörbar seinen Ton. Das Schöne ist: Dieser Ton wandelt sich im Laufe der Stücke immer wieder, er fließt in Übergänge hinein, die dann doch wieder deutlich machen, welches Instrument man hier vor sich hat.

ATEMBERAUBEND WEITE RÄUME

Die Musik auf dieser CD ist wie eine Schule des hörenden Unterscheidens. Was man oberflächlich für harmlos halten könnte, ist eine Kunst der Zurücknahme, der feinen Energie-Dosierung. Die Band mit Bassist Petros Klampanis, Schlagzeuger Jonathan Blake und nicht zuletzt Pianist Nitai Hershkovits fächert hinter dem Blas-Instrument atemberaubend weite Räume auf und zeigt auch, wie viel leise Komplexität in diesen Tönen steckt.

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Etwas so Zartes kann eine große Kraft haben. Unerwartet wallt die Energie dann doch mal hoch, die Harmonien stürzen sich ins Freie. Es gibt sie hier immer wieder: Momente, in denen man die Luft anhält. Und dann ist da auch noch ein wunderschöner alter Ohrwurm, den man hier ganz neu hört. Nur Narren überstürzen Dinge - das weiß man aus dem Text hinter der Melodie des allerletzten Stücks der CD, derjenigen des Elvis-Presley-Songs "Can’t Help Falling in Love". Und spätestens da ist klar: Der Saxophonist Oded Tzur ist ein Meister des Nicht-Überstürzens. Seine Ruhe ist ein Genuss - und vermutlich einer, den man nicht so schnell satthaben wird.

Oded Tzur: Here Be Dragons

Oded Tzur - Tenorsaxophon
Nitai Hershkovits - Klavier
Petros Klampanis - Kontrabass
Jonathan Blake - Schlagzeug

ECM Records 2676

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