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Zoom – Maria Callas' legendäre Schlankheitskur Vom Moppel zur Gazelle

Für Leonard Bernstein war sie die "Bibel der Oper", und der Bariton Tito Gobbi hielt sie für "in ihrer Generation unerreicht". Superstar der Opernbühne, charismatische Künstlerin, Mode-Ikone, Liebling der High Society – Maria Callas war ein Phänomen, das sich nicht nur mit musikalischen Kriterien erklären lässt. Die Callas wurde zur absoluten Kultfigur. Hatte das vielleicht auch mit ihrer spektakulären Verwandlung zu tun?

Maria Callas bei einer Aufnahme der Oper "La Giaconda" in der Mailänder Scala 1959. | Bildquelle: © picture alliance / AP Images

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Es war nur eine kurze Zeitspanne, und man musste genauer hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte. Am Anfang steht eine junge Frau, die man im Bayerischen als "gut bei'nander" bezeichnen würde. Das Gesicht ist rund, die Backen sind voll. Ein unförmiger Mantel bedeckt "etliche Kilos zu viel". Wenige Monate später schreitet uns auf hohen Absätzen ein elegantes Wesen entgegen, dessen charaktervolle Schönheit und noble Eleganz sofort ins Auge fallen. Die ausdrucksstarken Gesichtszüge sind scharf geschnitten. Ein enges Kostüm betont eine Silhouette, die jedem Mannequin zur Ehre gereichen würde. Es ist eines der weltweit publizierten Presse-Fotos, die den Ruf einer Opernsängerin als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit begründen.

Von 91 auf 55 Kilo

Maira Callas 1952 als Lady Macbeth in Verdis "Macbeth" | Bildquelle: © picture alliance/Leemage Maria Callas Maira Callas 1952 als Lady Macbeth in Verdis "Macbeth" – vor ihrer Schlankheitskur | Bildquelle: © picture alliance/Leemage Der Mythos Maria Callas ist auch die Geschichte einer wundersamen physischen Metamorphose: Die von einer hochbegabten, korpulenten Sopranistin zur gertenschlanken Stil-Ikone des 20. Jahrhunderts. Maria Callas' legendärer Gewichtsverlust erfolgt um ihren dreißigten Geburtstag. Da ist die in New York geborene Tochter griechischer Einwanderer bereits ein gefeierter Opern-Star. Die Brachial-Diät, der sie sich unterzieht, lässt sich in Zahlen ausdrücken. Im Mai 1953 wiegt die Callas 91 Kilo, bei einer Körpergröße von 1,73 Meter. Wenige Monate später wird sie 36 Kilo abgespeckt haben.

Abgegebene Pfunde

Die Abmagerungskur der Sängerin, die der Intendant Sir Rudolph Bing noch kurz zuvor ziemlich ungalant als "ungeheuerlich dick" bezeichnet hat, sorgt für Furore und ungläubiges Erstaunen. Dies umso mehr, als die "neue", rasante Callas in ihrem Auftreten so natürlich wirkt, als sei sie schon immer eine graziöse Bilderbuch-Schönheit gewesen. Wie sie es denn um Himmels Willen geschafft habe, plötzlich so schlank und hübsch werden, will beispielsweise der Dirigent Arturo Toscanini von ihr wissen. Ganz einfach, gibt die schlagfertige Diva dem Macho-Maestro zurück, sie habe alle überflüssigen Pfunde an andere Sängerinnen weitergegeben.

Alle sind hingerissen

Maria Callas in "La Traviata" | Bildquelle: Wikipedia Die schlanke Maria Callas in "La Traviata" | Bildquelle: Wikipedia Vom "moppeligen" Stimmwunder zur grazilen Glamour-Göttin der Oper und des Gesellschaftslebens: Die Boulevard-Presse ist mindestens genauso hingerissen wie die Musikwelt. Das Phänomen der verwandelten Callas ist ein gefundenes Fressen für alle "gelben Blätter". Zwar macht Maria Callas aus der Methode, mit der sie ihr Gewicht reduziert hat, kein Geheimnis. Die Grundlage sei eine simple Diät: keine Kohlenhydrate, wenig Hühnchen und viel Salat. Aber ist Abnehmen wirklich so einfach? Kann man der Aussage trauen?

Pasta als Wundermittel?

Bald ziehen wilde Spekulationen weite Kreise. Ein Gerücht, das sich hartnäckig hält, behauptet, die "Göttliche" habe sich einen Bandwurm einpflanzen lassen. Manch einer versucht sogar aus Maria Callas' Metamorphose Kapital zu schlagen. So startet eine italienische Nudel-Firma eine aufwendige Werbekampagne, in der sie verlauten lässt, die "Königin des Belcanto" verdanke ihr fantastisches Aussehen dem Genuss ihrer speziellen Maccaroni-Sorte. Die Callas ist empört und geht gerichtlich gegen die dreisten Pasta-Produzenten vor. Der "Spaghetti-Krieg", wie ihn Journalisten nennen, wird sich über etliche Jahre und mehrere Instanzen hinziehen, ehe er zu Marias Gunsten entschieden wird.

Die Callas – ein Gesamtkunstwerk

Operndiva Maria Callas | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Maria Callas, die Einzigartige, die Unvergleichliche. Man täte der großen Sängerin unrecht, sie nur auf ihre "Jahrhundertstimme" zu reduzieren. "La Divina", "die Göttliche", war ein Gesamtkunstwerk, eine charismatische Mischung aus magischem Timbre, Bühnenpräsenz, schillernder Persönlichkeit und tragischer Biographie. Eines dürfen wir in der Aufzählung nicht vergessen: Das umwerfende optische Erscheinungsbild: Wir leben in visuellen Zeiten. Wäre eine 90-Kilo-Callas auch die Kultfigur geworden, die sie heute immer noch ist?

Selbstmörderische Diäten?

Die Meinungen gehen auseinander. Dennoch sind viele Fachleute überzeugt, die legendäre Sängerin musste ihrem radikalen Gewichtsverlust Tribut zollen. Nach ihrem vierzigsten Lebensjahr verliert Maria Callas' Stimme an Kraft und Glanz. Im September 1977 stirbt sie im Alter von 53 Jahren in Paris – unter Umständen, die medizinisch nicht eindeutig geklärt sind. In einigen Nachrufen ist von "selbstmörderischen Diäten" die Rede. Unsterblicher Ruhm und Schönheit haben ihren Preis.

Sendung: "Piazza" am 25. Mai 2019 ab 8:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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