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Musik zum Weltfriedenstag Wie klingt der Frieden?

1981 wurde von der UNO erstmals der Welttag des Friedens ausgerufen: der 21. September. Ziemlich spät – wenn man sich die Menschheitsgeschichte so anschaut. Da hätte ein Weltfriedenstag schon viel früher Not getan. So richtig populär wurde der Pazifismus allerdings erst in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts. Kein Wunder, dass wir mit der Friedensbewegung vor allem Musik der Zeit, also Popmusik, verbinden. Hat der Friedenswunsch auch in der Klassik seine Spuren hinterlassen?

Weiße Taube im Flug | Bildquelle: picture alliance/JOKER

Bildquelle: picture alliance/JOKER

Die Friedensbewegung wäre nicht die Friedensbewegung ohne Songs wie "We Shall Overcome" – Ikonen der Popmusik. Untrennbar verknüpft mit der Hippiebewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre, mit dem Kampf für Bürgerrechte und dem Widerstand gegen den Krieg in Vietnam. Seltener hört man auf Demos dagegen Beethovens "Lied der Freude" – obwohl sich Beethoven ja durchaus anbieten würde. Von wegen "Alle Menschen werden Brüder" ... Trotzdem: Wer an den Sound des Friedens denkt, dem klingelt sofort der Protestpop der Sechziger- und Siebziger in den Ohren. Als spielte der Friedenswunsch in der klassischen Musik keine Rolle. Was natürlich nicht stimmt. Und wie er das tat. Gerade in Kriegszeiten.

Teil 1: Klänge zwischen Krieg und Frieden

Dass Krieg und Frieden früher ganz anders bewertet wurden als heute, ist kein Geheimnis. Pazifismus war nicht gerade en vogue im 18. Jahrhundert. Da ist es kein Wunder, dass Georg Friedrich Händel anlässlich des Friedens von Aachen (1749) ein musikalisches Feuerwerk zündet, das, wenn nicht den Krieg, dann doch zumindest den Sieg feiert. Trommelwirbel, Marschrhythmus, dröhnendes Blech – Musik wie gemacht für einen Triumphzug: Soldaten in goldbeknopfter Uniform mit glänzenden Helmen und blitzenden Bajonetten. Antimilitarismus klingt anders als diese "Feuerwerksmusik".

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Georg Friedrich Händel: Feuerwerksmusik | Bildquelle: Ralph Joachim (via YouTube)

Georg Friedrich Händel: Feuerwerksmusik

Haydns Ruf nach Frieden

Bei ihm klingt sie zumindest an, die Kriegskritik: Joseph Haydn. Etwa ein halbes Jahrhundert nach der Feuerwerksmusik von Händel komponiert der seine Missa "in tempore belli", also – sprechender Titel – Messe "in Zeiten des Krieges". Gemeint ist der napoleonische Feldzug, der damals das Habsburgerreich bedroht. Hier: keine Spur von Schlachtengeheul. Stattdessen ein Gebet mit gesenktem Blick. Andacht im Angesicht des drohenden Krieges, der sich im Pochen der Pauken anmeldet. Erst nach und nach setzt sich der Chor dagegen durch: "Dona nobis pacem" – ein immer lauterer Ruf nach Frieden.

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Eröffnungskonzert mit den Regensburger Domspatzen | "Missa in tempore belli" (Paukenmesse) Haydn | Bildquelle: Chöre im TV (via YouTube)

Eröffnungskonzert mit den Regensburger Domspatzen | "Missa in tempore belli" (Paukenmesse) Haydn

Gegen den Heldenmythos

Spätestens nach den zwei großen Kriegen des Zwanzigsten Jahrhunderts gibt der Antimilitarismus auch musikalisch den Ton an. Hanns Eisler schreibt seine Chorkomposition "Gegen den Krieg" und fährt darin den Mythos vom Heldentod mit Karacho an die Wand. Ein musikalischer Schlag ins Gesicht.

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Vocal Concert Dresden, Eisler Gegen den Krieg | Bildquelle: Vocal Concert Dresden (via YouTube)

Vocal Concert Dresden, Eisler Gegen den Krieg

Märsche in den Abgrund

Subtiler, sprich subversiver geht da Mauricio Kagel zu Werke, der in seinen zehn "Märschen, um den Sieg zu verfehlen" ein Blasorchester munter ins Chaos marschieren lässt.

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10 Marsche, um den Sieg zu verfehlen | Bildquelle: HR-Brass - Topic (via YouTube)

10 Marsche, um den Sieg zu verfehlen

Protest und Kriegskritik, das gibt’s also auch in der klassischen Musik. Friedlich klingt sie allerdings nicht, diese Musik. Im Gegenteil: Sie erklärt dem Krieg den Krieg. Da fliegen auch musikalisch die Fetzen. Nichtsdestotrotz: Es gibt auch Musik, die den Frieden ganz direkt zum Klingen bringt.

Teil 2: Klänge des Friedens

Wie klingt Frieden? Komische Frage. Mögliche Antwort: so unterschiedlich wie die Vorstellungen, die wir mit ihm verbinden. Dass Frieden irgendwas mit der Abwesenheit von Krieg zu tun hat, geschenkt. Aber Frieden ist mehr als das. Für die einen zum Beispiel Ordnung; dass sich jeder an die Regeln hält, damit's klappt mit dem Zusammenleben, trotz aller Unterschiede. Und wer so denkt, dem dürfte die Musik von Johann Sebastian Bach ziemlich friedlich vorkommen. Die Gleichzeitigkeit vieler Stimmen, die Verschiedenes erzählen und dennoch miteinander harmonieren.

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Bach: Brandenburg Concerto No. 2 in F major, BWV 1047 (Freiburger Barockorchester) | Bildquelle: EuroArtsChannel (via YouTube)

Bach: Brandenburg Concerto No. 2 in F major, BWV 1047 (Freiburger Barockorchester)

Das Glück in der Natur

Oder man denkt an Glück, wenn man Frieden hört; diese naive, schäumende Fröhlichkeit, die sich einstellt, wenn weit und breit keine Gefahr in Sicht ist. Wenn man sozusagen frei aufatmen kann. Wer so denkt, dem dürfte solche Musik in den Sinn kommen, die unbeschwert, himmlisch klingt. Manches von Mozart vielleicht. Oder – ganz konkret – jene ländliche Idylle, wie sie Beethovens in seiner Pastorale komponiert hat.

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Beethoven: 6. Sinfonie op.68 (Pastorale) - Jansons | Bildquelle: JoHarrys VideoMix (via YouTube)

Beethoven: 6. Sinfonie op.68 (Pastorale) - Jansons

Die Hymne der Völkerverständigung

Oder man denkt sofort an den politischen Frieden, den Frieden zwischen den Völkern, die ganz große Nummer eben. Und dann liegen natürlich Kompositionen nahe, die die Völkerverständigung sozusagen ins Werk setzen. Die sich europa-, sogar weltweit aus volksmusikalischen Quellen bedienen: wie zum Beispiel bei Béla Bartók. Oder man vertont halt einfach den richtigen Text. Sie wissen schon: "Alle Menschen werden Brüder" und so weiter …

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Elbphilharmonie NDR - Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr 9 d Moll op 125, 4 Satz | Bildquelle: Eduardo Borges (via YouTube)

Elbphilharmonie NDR - Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr 9 d Moll op 125, 4 Satz

Literaturhinweis

Wen das Thema interessiert:
Der Soziologe Dieter Sengaas hat viel dazu geforscht und geschrieben. Zum Beispiel:
"Klänge des Friedens. Ein Hörbericht", erschienen im Verlag Suhrkamp.

Sendung: "Piazza" am 21. September 2019, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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