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Komponist Aribert Reimann zum 85. Geburtstag In ständiger Bewegung

In Berlin ist er geboren, und nach wie vor wohnt Aribert Reimann in dieser Stadt, am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf, im vierten Stock, ohne Lift, in einer geräumigen Altbauwohnung. Hier, in einem Komponierzimmer unter dem Dachstock mit Blick auf den nahen Grunewald, sind in den letzten Jahren viele Werke entstanden – Opern und Vokalwerke vor allem, aber auch Instrumentalstücke.

Komponist Aribert Reimann | Bildquelle: dpa/BR

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Aribert Reimann schätzt disziplinierte und intensive Arbeitstage. Oft geht der kompositorischen Arbeit noch eine penible Textauswahl und -bearbeitung voraus. So im Fall von "Bernada Albas Haus", wo Reimann die Texteinrichtung selbst vorgenommen hat – mit Unterstützung des spanischkundigen Pianisten und Liedbegleiters Axel Bauni.

Vokalmusik im Mittelpunkt

Reimann schreibt fast immer für bestimmte Sänger(innen) und Bühnenräume und weiß im Voraus, wer dirigiert, inszeniert oder für die Ausstattung zuständig ist. Oft wird sein Komponieren konkret durch das charakteristische Timbre einer Stimme oder den Klang eines bestimmten Instrumentalisten inspiriert. Vor allem ist es – bis heute – die menschliche Stimme, von der aus Reimann seinen ganz eigenen Personalstil fortführt. Schließlich ist er umgeben von Vokalmusik groß geworden. Sein Vater war Kirchenmusiker, seine Mutter eine Oratoriensängerin und gesuchte Gesangspädagogin. Im Alter von zehn Jahren komponierte Reimann bereits seine ersten Klavierlieder. Nach dem Abitur 1955 arbeitete er als Korrepetitor am Studio der Städtischen Oper in Berlin und studierte zugleich an der Berliner Musikhochschule Komposition bei Boris Blacher und Ernst Pepping sowie Klavier bei Otto Rausch. Boris Blacher beeinflusste ihn entscheidend: "Als ich zu Blacher kam, war ich wahnsinnig überfrachtet in meinen Stücken. Und er sagte als erstes zu mir: 'Was Sie lernen müssen, sind Pausen.' Und dann kam eben auch durch die Analyse die Begegnung mit den Stücken von Webern, die mich wirklich ungeheuer beeinflusst haben." Sich abseits der damals vorherrschenden Avantgarde-Zentren in Donaueschingen und Darmstadt als junger Komponist zu etablieren, der die serielle Musik für sich ablehnte, erwies sich jedoch nicht als einfach. Aber mit Liedbegleitung konnte sich Reimann schnell ein zweites Standbein schaffen.

Man spricht eine eigene Sprache oder man hat sie nicht gefunden.
Aribert Reimann

Aribert Reimann im Interview

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Vioworld trifft... Aribert Reimann | Bildquelle: VioWorld (via YouTube)

Vioworld trifft... Aribert Reimann

"Lear" für Fischer-Dieskau

Bald ergaben sich Kontakte zu renommierten Sängern wie Elisabeth Grümmer, Ernst Haefliger, Brigitte Fassbaender oder Dietrich Fischer-Dieskau. Mit ersten Aufführungen in Berlin – 1960 "Lieder auf der Flucht" nach Ingeborg Bachmann und 1961 "Ein Totentanz" nach eigenen Texten mit Fischer-Dieskau und den Berliner Philharmonikern – machte sich Reimann schnell einen Namen als Liedkomponist. Viel Arbeit als Korrepetitor und Liedbegleiter und zunehmend als Komponist bestimmte die Folgejahre. Von 1974 bis 1983 hatte er eine Professur für zeitgenössisches Lied an der Hamburger Musikhochschule inne, 1983 wurde er in gleicher Funktion an die Berliner Hochschule der Künste berufen. Auch wenn es schwierig sei, rückblickend über seine eigene musikalische Entwicklung zu sprechen, weist Reimann auf Kontinuitäten. "Man spricht eine eigene Sprache oder man hat sie nicht gefunden. Ich weiß nicht, was meine Sprache ist. Aber es sind doch gewisse Dinge, auf die ich immer wieder zurückkomme, die signifikant sind für meinen Umgang mit Musik und die Art und Weise, Musik zu denken. Da gibt es immer wieder rhythmische und melodische sowie harmonisch strukturelle Formen und Beziehungen zueinander, die sich im Laufe der Jahre weiterentwickeln, ihre Wurzeln jedoch schon sehr früh gehabt haben als ich in den 50er-Jahren bei Blacher zu studieren anfing.“ Auf Shakespeares "King Lear" hatte ihn Dietrich Fischer-Dieskau immer wieder aufmerksam gemacht. Mitte der 1970er Jahre nahm Reimann die Komposition in Angriff, mit deren Uraufführung er 1978 in München internationalen Erfolg erzielte. Neben den Opern von Alban Berg und Dmitrij Schostakowitsch sowie den "Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann zählt Reimanns "Lear" bis heute zu den wichtigsten Musiktheaterkompositionen des 20. Jahrhunderts.

Weiterentwicklung und Metamorphose

Wie in vielen anderen Stücken konzentriert sich Reimann im "Lear" auf die dramaturgische Umsetzung minimaler Kernmotive und Klangflächen. Der Gedanke der Weiterentwicklung und Metamorphose kennzeichnet sein Schaffen bis heute. "Wenn sich etwas wiederholt, wiederholt es sich anders. Es wiederholt sich bereits in einer Variation. Die Wiederkehr durch die Variation ist schon wieder eine andere. Das ist ein Prinzip von mir. So ergibt sich eine ständige Bewegung und ein Fluss innerhalb eines Stückes, auch in der dynamischen Entwicklung.“ Kompromisslos und mit Erfolg hat Reimann seine eigene musikalische Sprache weiterentwickelt. Ein Einzelgänger ist er dabei geblieben, auch wenn ihn das früher manchmal irritiert hat. Mittlerweile erscheint ihm der Platz zwischen den Stühlen viel schöner. Den Pluralismus der heutigen Komponistenszene verfolgt er mit großem Interesse und pflegt den Kontakt auch zu jüngeren Kollegen. Vor einigen Jahren hat er den Busoni-Kompositionspreis gestiftet: ein Preis, der in Berlin zweijährlich an junge Komponisten zwischen Ausbildung und ersten öffentlichen Gehversuchen vergeben wird.

Sendung: "Allegro" am 4. März 2021 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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