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Steve Reichs Musik - ein Erlebnis Atmende Maschinen

Seine Klänge verweigern sich dem Pathos und können dennoch wie eine Droge wirken: BR-KLASSIK Redakteure schildern ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen mit der Musik des Minimal Music-Pioniers Steve Reich - anlässlich seines 80. Geburtstags am 3. Oktober 2016.

Steve Reich | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Ben Alber

Ein Tanz der Töne, die Bewegungen der Künstlerin am Instrument fast eine Choreographie, Bewegung wird Klang, aus dem Klang entsteht eine sanft fließende Energie, die langsam von der gesamten Biomasse des hörenden Menschen absorbiert wird. Klicken Sie mal das Video an, schließen Sie nach einer Weile die Augen, und stellen Sie sich vor, Sie reisen wie in "Die phantastische Reise" durch Ihre Blutbahnen - merken Sie, wie sich die Blutkörperchen in Noten verwandeln und in entspanntem Fluss Ihre Organe und Gliedmaßen durchströmen?
Diesen Text schreibt übrigens ein Schlagzeuger. Und wer Rhythmus liebt, muss auch diese Musik lieben. Die sich aufeinanderschichtenden Strukturen, der hypnotische Puls, dabei die Musikalität, die schlichte Schönheit des Klangs. Keine Musik für die große Show, aber beeindruckend in der klar fokussierten Konzentration auf kleine musikalische Ereignisse, Veränderungen, Bewegungen. Nicht umsonst gehört daher "Six Marimbas Counterpoint" zu meinen persönlichen Lieblingsstücken von Steve Reich Im Video wird es interpretiert von der japanischen Percussion-Künstlerin Kuniko Kato.

Michael Schmidt

Die Wiederholung bestimmt nicht nur den Rhythmus der Natur sondern auch unseren Alltag und die Musik. Steve Reich gehört zu den Vätern einer Minimal Music, die in den 1960er Jahren damit begannen, mit der Wiederholung und Variation kleinster Motive zu arbeiten. Meisterwerke wie etwa sein auf verschiedene Schlagwerke verteiltes "Drumming" entfalten durch subtile rhythmische Überlagerungen und klangliche Unterscheidungen ein feingestricktes Musikgewebe aus ständiger Repetition und Veränderung.
Ströme aus winzigen Motiven und Klangpartikeln, die permanent wiederholt werden, sich allmählich verändern oder zu Schleifen und Spiralen verbinden - für mich ist die Musik von Steve Reich auch deshalb so faszinierend, weil sie sich wie die Moleküle einer atmenden Maschine bewegt.

Er setzte sich auf eine Bank und legte einfach los.
Thorsten Preuß

Thorsten Preuss

Ohne Reich wäre mein Leben ärmer – definitiv. Für mich ist er ohne jeden Zweifel der bedeutendste unter den sogenannten "Minimalisten". Nicht nur, weil manche Stücke (z.B. "Music for 18 Musicians" oder das "Octet")  wie eine Droge wirken: Wenn man einmal anfängt, kann man nicht wieder aufhören. Sondern auch, weil er mit "WTC 9/11" das bislang einzige substantielle Stück zu den Attentaten auf das World Trade Center geschrieben hat - beklemmend, ohne in die Pathos-Falle zu tappen, da jede Note aus dokumentarischem Material abgeleitet ist.
Als ich Steve Reich dann vor einigen Jahren begegnete, war das eine ziemlich verwirrende Erfahrung. Einerseits übersah er großzügig mein holpriges Englisch und setzte er sich ganz unkompliziert auf eine Bank vor irgendeinem Aufzug, als das für das Interview reservierte Hotelzimmer nicht frei war, und legte einfach los. Andererseits sprach er dann doch sehr selbstbewusst über seine Stellung in der Musikgeschichte. In Erinnerung geblieben ist mir auch, wie er mich darauf hinwies, dass er neben der unvermeidlichen Baseball-Kappe heute auch Sneakers trage, denn das Tragen von Lederschuhen sei an diesem Tag nicht gestattet - es war der 9. Av, ein wichtiger jüdischer Fasttag, an dem der Zerstörung des Jerusalemer Tempels gedacht wird. Seither bin ich viel hellhöriger für die zahlreichen jüdischen Bezüge in seinem Werk.

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