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Joseph Haydn Streichquartett op. 20 Nr. 3

In seinen sechs "Sonnenquartetten" op. 20 hat Haydn eine größere Experimentierlust bewiesen als in all seiner späteren Musik. Nie wieder hat er sich so weit von den Konventionen seiner Zeit entfernt. Eine Grund, warum die Musiker des Quatuor Mosaïques dieses Opus besonders schätzen. Bernhard Neuhoff sprach mit ihnen über das dritte Quartett des Zyklus'.

Joseph Haydn, Porträt von Johann Karl Roesler, Wien 1799 | Bildquelle: picture-alliance / akg

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Das starke Stück

Haydn - Streichquartett g-Moll, op. 20 Nr. 3

Haydn war ein ausgeglichenes Gemüt. Genial, zweifelsohne - aber ohne alle Dämonie. Sein Tageslauf war so streng geordnet wie sein penibel aufgeräumter Schreibtisch. Pünktlich um halb sieben stand Haydn auf. Sofort rasierte er sich eigenhändig. Schon beim Ankleiden empfing er Schüler. Während er sich fertig machte, mussten sie auf dem Klavier vorspielen. Seine Anweisungen gab Haydn dann beim Knöpfen. Um acht wurde gefrühstückt. Gleich danach setzte er selbst ans Klavier und phantasierte drauflos, um seine Inspiration in Schwung zu bringen. Dann ging er zum Schreibtisch und notierte, was ihm eingefallen war. Um zwei gab’s Mittagessen, anschließend kam die Lesestunde an die Reihe. Punkt vier saß Haydn wieder über seinen Partituren, bis um acht: Zeit für den Spaziergang.

Brot und Wein zum Abendessen

Um neun war Haydn schon wieder zuhause, brachte Ordnung in seine Papiere und prüfte die Abrechnungen seiner Bediensteten. Das Abendessen um 10 Uhr bestand ausschließlich aus Brot und Wein – nur wenn er eingeladen war, gestatte er sich eine Ausnahme. Kein Vergleich also mit seinem jungen Freund Wolfgang Amadé Mozart, diesem genialischen Spielertyp, der, nun ja, die Zügel gelegentlich ein wenig schleifen ließ. Kegeln, Wirtshäuser oder gar Schulden – bei Haydn undenkbar. Und doch hatte auch er in jungen Jahren eine Sturm und Drang-Periode. Ausgelebt hat er sie allerdings nicht im wirklichen Leben, sondern – ausgerechnet! – in der Gattung Streichquartett.

Wir alle in unserem Ensemble spielen diese Quartette immer wieder gern.
Erich Höbarth vom Quatuor Mosaïques über Haydns Quartette op. 20

Vorahnungen der musikalischen Zukunft

"Ich glaube, er hat damals alles ausprobiert, was nur möglich war - vom lustigsten Tanz bis zum Dämonischen. Dabei hat er zum Teil zurückgegriffen auf Modelle früherer Musik, zum Beispiel auf Fugen. Gleichzeitig gibt es aber auch Vorgriffe: Manche Sätze in seinen Quartetten op. 20 könnten vom Charakter her beinahe von Mendelssohn stammen", sagt Erich Höbarth, der Primarius des Quatuor Mosaïques. 1992 veröffentlichte das Ensemble seine ersten Platten – eine Gesamteinspielung von Haydns Sechs Quartetten op. 20: "Die Bandbreite dieses Zyklus' habe ich schon sehr früh kennen- und schätzen gelernt",  führt Höbarth aus. "Und es war mein Wunsch, das zu machen. Wir alle in unserem Ensemble spielen diese Quartette immer wieder gern."

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Experimentierlabor Streichquartett

Joseph Haydn | Bildquelle: Claudia Maria Knispel: "Joseph Haydn", Reinbek 2003 Stand fast 30 Jahre im Dienst der Familie Esterházy und komponierte in dieser Zeit auch das Streichquartett op. 20 Nr. 3: Joseph Haydn. | Bildquelle: Claudia Maria Knispel: "Joseph Haydn", Reinbek 2003 Fast wie Mendelssohn klingt zum Beispiel der langsame Satz aus dem Quartett op. 20 Nr. 3 in g-Moll. Schwelgerisch, in großen Bögen singt sich das Cello aus, als hätte die Romantik schon begonnen – und das im Jahr 1772! Gerade erst hatte Haydn aus dem belanglosen Divertimento a quattro die anspruchsvolle Gattung Streichquartett geformt. Kaum hatte er diese völlig neue Art Musik zu machen einigermaßen etabliert, warf Haydn in seinen Sechs Quartetten op. 20 alle Regeln schon wieder über den Haufen. Fortan war das Streichquartett sein Labor. Doch nie wieder hat er sich so weit von den strengen Konventionen seiner Zeit entfernt, wie in den Quartetten op. 20. Der erste Satz des g-Moll-Quartetts etwa hat ein völlig asymmetrisches Thema. Alle Musik von der Klassik bis zum heutigen Pop beruht auf acht-taktigen Perioden. Haydn dagegen beginnt ganz bewusst mit einem siebentaktigen Thema – ein kleiner, aber wirkungsvoller Affront gegen die Regeln. In der Durchführung dieses Satzes schüttelt Haydn dann mit einer für seine Verhältnisse geradezu diabolischen Lust an der musikalischen Unordnung die Themen durcheinander.

Originalklang ohne Purismus

Quatuor Mosaïques | Bildquelle: Philharmonie Essen Quatuor Mosaïques | Bildquelle: Philharmonie Essen Mit seiner Einspielung der Quartette op. 20 hat das Quatuor Mosaïques Schallplatten-Geschichte geschrieben. Noch nie hatte es bis dahin ein Quartett mit historischen Instrumenten gegeben, das den konventionellen Ensembles das Wasser reichen konnte. Nicht nur das: Das Quatuor Mosaïques geht sehr sparsam mit dem Vibrato um – und das zwingt die vier Musiker, extrem sauber zu spielen, denn bei geraden Tönen wird jede Unreinheit gnadenlos hörbar. Anita Mitterer, die Bratscherin des Quatuor Mosaïques, sagt dazu: "Das Erstaunliche am Ergebnis ist, dass der Klang sich komplett verändert. Das ist für uns immer wieder der Moment, wo wir völlig fasziniert sind." Dabei hält sich das Quatuor Mosaïques keineswegs penibel an die puristischen Dogmen der Originalklang-Bewegung: "Die Puristen in der Welt der Aufführungspraxis finden, wir vibrieren zu viel", sagt Anita Mitterer augenzwinkernd.

Unübertroffener Höhepunkt

Mit dieser undogmatischen Haltung trifft das Quatuor Mosaïques genau den Geist des jungen Haydn. Für Erich Höbarth ist sein op. 20 ein früher und nie übertroffener Höhepunkt der Gattung Streichquartett. Und warum? "Weil Haydn eigentlich auch nachher nie wieder so eine zerklüftete, in alle Seiten weisende Experimentierlust bewiesen hat!"

Musik-Info

Joseph Haydn:
Streichquartet g-Moll, op. 20 Nr. 3


Quatuor Mosaïques
Label: Astrée

Sendung: "Das starke Stück" am 10. April 2018, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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