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Premierenkritik Machowelt und Drogenmilieu: "Carmen" in Salzburg

In Bizets "Carmen" geht es um die Brutalität der Liebe, die Salzburger Regie verlegt das Stück in eine Machowelt von Drogen und Gewalt. Eine fesselnde Inszenierung, mal aberwitzig, mal erschütternd.

Es beginnt mit einem Junkie, der sich eine Überdosis Heroin in die Venen spritzt, es endet mit einem Mord, und auch dazwischen hat der Tod viel zu tun. Folgerichtig ist er fast die ganze Zeit über stummer Augenzeuge dieser Salzburger "Carmen" und schlurft im langen, schwarzen Mantel durch die Kulisse, meist mit einem leisen Lächeln auf den Lippen. Im Drogenkrieg hat der Tod eben reichlich zu tun, spielt womöglich sogar die Hauptrolle, und genau dorthin, in die Heroinhölle, verlegte Regisseur Andreas Gergen die Handlung seiner "Carmen".

Carmen im Heroinrausch

Auf der riesigen Bühne der Felsenreitschule wuchert links ein Schlafmohnfeld, rechts türmen sich die Container, in denen die heiße Ware verschifft wird. Bewaffnete überwachen die Ernte. Beim Schmuggeln kommt es auf eine Leiche mehr nicht an, Grenzer werden erst bezirzt und dann umgelegt, und Carmen persönlich kocht ihrem Liebhaber Don José mit dem Feuerzeug eine Dosis Heroin auf. Rauschhaft ist diese Inszenierung in jeder Beziehung, es geht unglaublich gewalttätig zu, aber diese Gewalt ist irreal, übersteigert, wahnsinnig, grellbunt und absolut sinnlos - genauso also wie der Drogenkrieg an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

Muckis und Maschinenpistolen

In "Carmen" geht es bekanntlich um die Brutalität des Lebens und der Liebe, und selten wird das so fesselnd und ergreifend in Bilder umgesetzt wie vom Salzburger Landestheater. Der umjubelte Torero rollt in einem schneeweißen Mercedes auf die Bühne, wird von einem dekorativen Playgirl in Hotpants begleitet und hat das Geld, das er ihr bündelweise hinterher wirft, sicher nicht nur beim Stierkampf verdient. Eine revuehafte Macho-Welt  haben sich Regisseur Andreas Gergen und seine beiden Ausstatter Peter Davison und Conny Lüders ausgedacht: Die Absätze der Frauen sind hoch, die Röcke kurz, die Haare lang, die Pelzmäntel üppig. Männer zeigen gern ihre Muckis und ihre Maschinenpistolen.

Fulminant füllt das Produktionsteam den überdimensionalen Raum der Felsenreitschule - das Ballett hat viel zu tun, ist nicht nur optischer Zierrat, sondern kommentiert die Handlung ironisch, etwa mit einem herrlich absurden Tingeltangel-Stierkampf. Der Kinderchor wird perfekt einbezogen, führt vor, wie junge und sehr junge Menschen in einer Welt aufwachsen, in der nur die Waffen zählen - wer die Knarre in der Hand hält, schafft an. Großer Applaus für diese kompromisslose, teils aberwitzige, teils erschütternde "Carmen".

Skrupellose Gier

Der Chor schwenkt rote Fahnen | Bildquelle: Anna-Maria Löffelberger / Salzburger Landestheater Bildquelle: Anna-Maria Löffelberger / Salzburger Landestheater Die weißrussische Mezzosopranistin Oksana Volkova sang und spielte die Titelrolle mustergültig: Sie ließ nie einen Zweifel daran, extrem gefährlich, rücksichtslos und karriereorientiert zu sein. Dem Torero zuliebe trägt sie am Ende eine  blonde Perücke, die ihr der eifersüchtige Don José vom Kopf reißt - ein starkes Bild, ist die Perücke in diesem Fall doch Sinnbild für Carmens skrupellose Gier nach Anerkennung. Der stimmgewaltige baskische Tenor Andeka Gorrotxategi ist ein absolut glaubwürdiger Underdog von einem Liebhaber: Als Don José ein Durchschnittstyp, nicht besonders ehrgeizig, nicht besonders bösartig, einfach nur abgerutscht in Drogen und Hoffnungslosigkeit. Der Amerikaner Zachary Nelson gibt den Torero Escamillo als aasigen Popstar - jedes Autogramm wird sehnsüchtig verehrt, jede Geste hysterisch bejubelt. Ein sehr unterhaltsames Charakterbild.

Mitreißende Revue über Liebe und Hass

Überhaupt versteht es Andreas Gergen, Solisten, Chor und Statisten unter Spannung zu halten - niemand verliert die Konzentration, schaut unbeschäftigt herum. Alle sind gebannt bei der Sache. Die lettische Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla behielt nicht nur den Überblick über das vielstimmige Gewimmel an Mitwirkenden, sondern steuerte auch das passende Klangbild zu dieser mitreißenden Liebe & Hass-Revue bei. "Carmen" darf sich ruhig so auftrumpfend und massiv anhören, so grell und kontrastreich klingen. Das hatte viel mit Satire zu tun, aber im allerbesten Sinne, nämlich weit entfernt von Folklore. Eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte, wuchtige Interpretation - ein Totentanz ganz auf der Höhe der Zeit.

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