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Fünf Otellos für die Ewigkeit - eine Bestenliste Opfer und Täter in einer Person

Keine Opernfigur hat einen so spektakulären Auftritt wie Verdis Otello: Nach siegreicher Schlacht schmettert er sein triumphales "Esultate!" dem Volk entgegen und darf auf Anhieb einhundert Prozent seiner Leistungsfähigkeit abrufen. Er sollte eine hochdramatische, baritonal grundierte Stimme ins Feld führen können, die zu großer Differenzierung imstande ist. Es gibt nur wenige Rollen im Opernrepertoire, die an den Sänger auch als Darsteller vergleichbar vielfältige Ansprüche stellen: Als "Loser" eigener Couleur sollte der Mann physisch und psychisch belastbar sein.

Kostüm für Otello aus der Oper "Otello" von Verdi | Bildquelle: picture-alliance / akg-images / Joseph Martin

Bildquelle: picture-alliance / akg-images / Joseph Martin

Ramón Vinay

Wie sehr sich der Titelheld von Verdis Eifersuchtstragödie "Otello" jenseits normaler Verhaltensmuster bewegt, machte kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Chilene Ramón Vinay klar. Ein Otello-Interpret, der sich auf atemberaubende Weise in die Wahnvorstellung hineinsteigerte, seine Frau sei ihm untreu. Auch und gerade wegen Vinay sind die legendären monauralen Live-Tondokumente aus New York einerseits, Wien andererseits (unter Arturo Toscanini und Fritz Busch beziehungsweise Wilhelm Furtwängler) wichtige Beiträge zur Rezeptionsgeschichte der Oper.

Mario del Monaco

Der vielfach als Haudegen eingestufte Italiener Mario del Monaco war ein "Tenore robusto". Grandios seine gewissermaßen flammende Strahlkraft in der Höhe – und sein Timbre ließ eine für Otello willkommene Prise dekadenter Morbidezza assoziieren, etwa in Studioproduktionen von Alberto Erede in Rom und Herbert von Karajan in Wien; in Live-Aufnahmen aus Venedig unter Nino Sanzogno, aus New York unter Fausto Cleva sowie aus Buenos Aires unter Antonino Votto.

Jon Vickers

Der Kanadier Jon Vickers lieferte den Beweis dafür, dass man keine im herkömmlichen Sinn "schöne" Stimme zu haben braucht, um Porträt und Profil des Otello überzeugend gestalten zu können. Die Anteile von Opfer und Täter balancierte Vickers in der reizbaren Psyche des Helden souverän aus. Man hat die Wahl unter den verschieden akzentuierten Interpretationen aus Rom und Berlin: unter der Leitung der Dirigenten Tullio Serafin und Herbert von Karajan (einst auch im Kino!).

Carlo Cossutta

Mit dem richtigen Augenmaß, dem richtigen Feeling für eine Balance zwischen Notentext und Emotion: So bewältigte der Italiener Carlo Cossutta den Außenseiter Otello. Für die gleichsam kaltschnäuzige Bewältigung von Rollendetails galt Cossutta als angemessen "bulliger" Schwergewichtler. Die Gründe entnimmt man einer Studioeinspielung, die zu den besten der gesamten Diskografie zählt – entstanden in Wien unter der hochspannungsgeladenen Leitung des Dirigenten Georg Solti.

Plácido Domingo

Eine charismatische Persönlichkeit mit viel Theaterblut in den Adern: Nicht zufällig sind es die tragischen Charaktere, mit denen Plácido Domingo in aller Welt begeisterte und noch begeistert. Als Otello hat der Spanier latent masochistische Neigungen bereitwillig ausgelebt – auf der Bühne zu leiden beziehungsweise so zu tun als ob, war gerade innerhalb dieser Fabel sehr nach seinem Geschmack. Domingo stellte sich der größten tenoralen Herausforderung Verdis u.a. unter Carlos Kleiber in Mailand, unter James Levine in London, unter Zubin Mehta in Wien: Auch für einen ambitionierten Opernfilm unter Lorin Maazel gab der den Otello; Regie führte Altmeister Franco Zeffirelli.

Sende-Tipp

BR-KLASSIK überträgt die Premiere am 23. November 2018 ab 19 Uhr. Bereits ab 18.30 Uhr bringen wir in unserer Sendung "Foyer" Informationen und Gespräche zur Neuproduktion live aus dem Münchner Nationaltheater.

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