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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 31. August 2019

Kritik – Cileas "Adriana Lecouvreur" konzertant mit Anna Netrebko Überwältigung durch Lautstärke

Im März 1730 starb in Paris Adrienne Lecouvreur, der Tragödienstar der Comédie Française. Man munkelte, sie sei von der Herzogin von Bouillon vergiftet worden. Der Grund war Graf Moritz von Sachsen, um dessen Liebe beide Frauen buhlten. 1849 feierte die Lecouvreur Wiederauferstehung in einem Theaterstück von Eugène Scribe. Und 1902 machte Francesco Cilea die Diva zur Opernheldin. Die Salzburger Festspiele haben "Adriana Lecouvreur" in diesem Sommer in einer konzertanten Fassung aufs Programm gesetzt. Mit einer Diva unserer Tage: Anna Netrebko. Am 28. Juli war Premiere im Großen Festspielhaus.

Anna Netrebko als Adriana Lecouvreur bei den Salzburger Festspielen 2019 | Bildquelle: © SF/Marco Borrelli

Bildquelle: © SF/Marco Borrelli

"Welch ein Charme! Was für eine Stimme! Welche Schlichtheit!" – Michonnet, Regisseur an der Comédie Française, schwärmt von der Kunst der ersten Tragödin seines Hauses. Mit "Charme" und "Stimme" hat er recht. "Schlichtheit" indes will sich in der dreistündigen Salzburger Aufführung nicht einstellen. Und dabei ist die Theaterschauspielerin Adrienne Lecouvreur gerade durch ihre Natürlichkeit und die Abkehr von der aufgesetzten Deklamationskunst ihrer Vorgängerinnen berühmt geworden. Aber Anna Netrebko gibt alles. Mit bodenlangem grünen Wallegewand (später am Abend folgten noch ein orangefarbenes und ein schwarzes Abendkleid), glitzerndem Diadem im Haar, melodramatischem Gestenrepertoire – und mit viel Phonstärke schon in ihrer von der Harfe so zauberhaft innig vorbereiteten Antrittsarie. Ihr Sopran ist nach wie vor eine makellose Sensation: satt, schwer und bedrohlich brodelnd in der Tiefe, rotgold leuchtend in der Stratosphäre. Ohne den kleinsten Riss in den Übergängen, perfekt in der Tongebung, ein einzigartig timbriertes Mirakel. Aber zu laut. Zwar nimmt sie so manche überwältigend abgefeuerte Leuchtrakete ins Pianissimo zurück, doch setzt sie kaum einen Ton als leise Kostbarkeit an.

Anna Netrebko: Best of

Sie ist die Star-Sopranistin unserer Zeit und debütiert diesen Sommer bei den Bayreuther Festspielen. Das sind die fünf besten Rollen von Anna Netrebko.

Brutale Wucht von Anita Rachvelishvili

Viel äußerliche Stimmpracht, kaum Innerlichkeit. Allerdings war sie keineswegs am lautesten. Anita Rachvelishvili, wie die Netrebko mit einer technisch perfekten und wunderschönen Stimme gesegnet, überrollte als Fürstin von Bouillon ihre Kollegen und das Haus mit der brutalen Wucht ihrer Töne. "Ho paura" hat sie im zweiten Akt angesichts ihrer drohenden Entdeckung zu singen, "Ich habe Angst." Das glaubte ihr kein Mensch. Sie machte Angst. Schauspielerisch (denn es wurde durchaus gespielt in dieser konzertanten Aufführung) gab sie sich meist unbeteiligt. Der körperlich spektakulär verschlankte Yusif Eyvazov kennt für Verzweiflung, Wut, Liebe und Leidenschaft nur das Forte. Versucht er, seine manchmal schneidend scharfe Stimme zurückzunehmen, verliert sie viel an Substanz, und es verschwinden die Spitzentöne.

Netrebkos Kuss: leidenschaftlich und selbstironisch

(v.l.) Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur) und Anita Rachvelishvili (La principessa di Bouillon) am Sonntag, 28. Juli 2019, beim Premieren-Schlussapplaus | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com Anna Netrebko und Anita Rachvelishvili am 28. Juli 2019 beim Premieren-Schlussapplaus in Salzburg | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com Auch der imposante Nicola Alaimo schöpft vokal zu oft aus dem (Über-)Vollen, rührt aber mit seiner bezaubernd gespielten Tapsigkeit als hoffnungslos in die Diva verliebter Michonnet. Von diesen zwischenmenschlichen Momenten hätte ich gern mehr gesehen – und gehört. Wie es gehen kann, zeigte die Abschiedsszene zwischen Adriana und Maurizio im zweiten Akt: Da sorgte Anna Netrebko mit genauem Spiel und einem (zur Freude des Publikums ins Endlose verlängerten) Kuss für eine authentisch leidenschaftliche und auch selbstironische Note. Fehlerlos, sehr präzise, passioniert, etwas zu geerdet (und ebenfalls zu laut) das Mozarteumorchester Salzburg unter dem vibrierend vitalen Marco Armiliato. Auch da fehlten ein paar italienische, sinnliche Sehnsuchtstöne.

Ermüdend lange Sterbeszene

Francesco Cilea hat seine "Adriana", vor allem im ersten Teil, mit vielen betörend schönen Melodien versehen. Im dritten Akt fängt er an, sich selber zu zitieren; der Schluss zerfasert musikalisch ein wenig und mündet in eine fast ermüdend lange Sterbeszene. Salzburg hat große Stimmen für diese tödliche Dreiecksgeschichte aufgeboten – und seine Zuschauer, statt sie mit Finesse, wohl dosiertem Gefühl und Gänsehaut zu packen, mit Lautstärke überwältigt. Das Festspielpublikum schien nichts zu vermissen. Es sprang nach dem letzten Ton von den Sitzen – wenn auch teilweise nur, um zu fotografieren ...

Sendung: "Leporello" am 29. Juli 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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Kommentare (3)

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Samstag, 03.August, 14:41 Uhr

Herold W.

Adriana L.

Anna und Yusif , das neue Traumpaar der Opernwelt? In einer Zeit, in der Spitzentenöre dünn gesät sind, könnte man durchaus daran denken.Doch dann liest man die Analyse,die Herr Atzinger der Stimme von Jusif Eyvazov widmet,und man kommt ins Zweifeln und man wäre gerne ein unsichtbarer Gast, wenn Anna ihre Verträge aushandelt , in denen Yusif möglicherweise als "condizio sine qua non " erscheint. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Mittwoch, 31.Juli, 22:41 Uhr

Eija Laine

Adriana

Und was ist mit Mika Kares?

Dienstag, 30.Juli, 19:17 Uhr

Gero vierich

Adriana

Schön wenn man immer was zu meckern hat....4

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