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CD - Richard Stöhr Kammermusik

Bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten war der 1847 in Wien geborene Richard Stöhr ein erfolgreicher Musikpädagoge, der auch als Komponist in Erscheinung trat. Er schrieb Opern, Symphonik, Chormusik, Lieder, viele Klavierwerke und noch mehr Kammermusik. Im Zentrum einer neuen CD stehen drei Lieder für Singstimme sowie das Klaviertrio in E-Dur.

CD-Cover Richard Stöhr: Kammermusik | Bildquelle: Toccata Classics

Bildquelle: Toccata Classics

CD-Tipp 09.02.2018

Richard Stöhr - Kammermusik

Ein Stück von César Franck? Oder von Friedrich Smetana? Oder vielleicht doch von Johannes Brahms? Nein, das Hauptwerk der CD stammt aus der Feder des nahezu völlig vergessenen Richard Stöhr, der 1874 in Wien geboren wurde und mit 93 Jahren in den USA starb.

Flirrender Farbenreichtum

Sein Klaviertrio Es-Dur komponierte Stöhr zu Beginn des Jahrhunderts noch ganz im Sinne der Spätromantik. Mit einer Spielzeit von fünfzig Minuten ist es rhapsodisch lang, viersätzig, voller Tempo- und Dynamikwechsel und von einem flirrenden Farbenreichtum wie ein impressionistisches Gemälde. Gut möglich, dass Franck, Smetana und vor allem Brahms bei diesem Werk Pate gestanden haben.

Lehrer von Karajan und Bernstein

Richard Stöhr war vor allem ein berühmter Musikpädagoge. Ab 1903 war er Professor für Musiktheorie an der Musikakademie Wien und schrieb bedeutende Lehrwerke. Seine „Formenlehre der Musik“ oder sein „Praktischer Leitfaden der Harmonielehre“ erlebten zahlreiche Auflagen. Doch nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland wurde der Jude Stöhr entlassen und floh kurz vor dem Krieg in die USA, wo er wieder als Musikpädagoge arbeitete. Dort zählten unter anderem Rudolf Serkin, Herbert von Karajan und Leonhard Bernstein zu seinen Schülern. Der zwanzigjährige Bernstein war von Stöhr als Lehrer so beeinflusst, dass er ihm später seine Autobiografie widmete.

Großes kompositorisches Schaffen

Natürlich hat Richard Stöhr nicht nur gelehrt, sondern auch komponiert: zwei Opern, sieben Symphonien, Chormusik, Lieder, viele Klavierwerke und noch mehr Kammermusik. Und das durchaus erfolgreich. Bis zu seiner Vertreibung aus Wien wurden jährlich zwischen einhundert bis dreihundert seiner Werke aufgeführt. Heute ist er so gut wie vergessen. Seine Stücke werden kaum noch gespielt und Tonträger gibt es fast keine. Auf einer neuen CD ist neben drei passablen Liedern für tiefe Stimme besagtes Klaviertrio in Es-Dur erschienen. Es überzeugt mit seinem murmelnden Allegro, dem variationsreichen kontrapunktischen Andante und dem energiegeladenen rhythmischen Scherzo.

Echte Wiederentdeckung

Ebenso unbekannt wie der Komponist, sind auch die Interpreten des Trios, die allesamt aus dem Nord-Osten der USA stammen, wo Richard Stöhr gewirkt hat. Dort sind die Geigerin Laura Roelofs, die Pianistin Mary Sicilano und der Cellist Stefan Koch gewiss keine Klassikstars, doch sie gelten als versierte Orchester- und Kammermusiker. Und das beweisen sie auch. Das Zusammenspiel der drei Musiker lässt nicht zu wünschen übrig. Technisch einwandfrei, leidenschaftlich in den flotten Passagen und beseelt in den langsamen bringen sie Richard Stöhrs anspruchsvolles und facettenreiches Klaviertrio ausnehmend schön und makellos zum Klingen. Eine echte Wiederentdeckung.

Richard Stöhr: Kammermusik

Klaviertrio Es-Dur, op. 16
Drei Lieder für tiefe Stimme und Violoncello, op. 20

Seth Keeton (Bassbariton)
Laura Roelofs (Violine)
Stefan Koch (Violoncello)
Mary Siciliano (Klavier)

Label: Toccata Classics

Sendung: "Leporello" am 9. Februar 2018, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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