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CD - "pure" Violinsonaten von Corelli und Bach

Er kratzt mit dem Bogen, reißt ungestüm an den Saiten – aber nie ohne Musikalität und Gefühl. Der Barockgeiger Jonas Zschenderlein hat zusammen mit dem Cembalisten Alexander von Heißen eine CD mit Violinsonaten herausgebracht.

CD-Cover "pure" | Bildquelle: deutsche harmonia mundi

Bildquelle: deutsche harmonia mundi

Die Kostprobe vom 9. September 2018

Violinsonaten von Corelli und Bach

"pure" heißt die neue CD von Jonas Zschenderlein und Alexander von Heißen. Die beiden Mitglieder des jungen Ensembles 4 Times Baroque aus Frankfurt widmen sich in Duobesetzung Violinsonaten von Johann Paul von Westhoff, Arcangelo Corelli und Johann Sebastian Bach – allesamt Leuchttürme der barocken Violinliteratur – ergänzt durch das Werk eines unbekannten Italieners: Antonio Maria Montanari. "pure" – da geht es um glattes, schnörkelloses Violinspiel, könnte man den am Marketing-Sprech orientierten, leider vieldeutigen Albumtitel verstehen. Es geht den jungen Musikern aber eher um eine besonders wahrhaftige Interpretation, unverfälscht von überkommenen Aufführungs- und Musiziertraditionen.

Apassionato

Im zweiten Satz der Montanari-Sonate zeigt Jonas Zschenderlein, was er darunter versteht: So scheut er sich nicht, zu kratzen und den Bogen auf die Saiten zu pressen, bis die Töne sich verzerren, um dem apassionato einer Stelle Nachdruck zu verleihen oder die Musik in eine spezielle Atmosphäre zu tauchen.

Letztendlich macht Jonas Zschenderlein auf der Violine das, womit Teodor Currentzis als Dirigent derzeit die Gemüter erhitzt: Er überzeichnet, zerrt die Klangfarben bisweilen ins Grelle, betont Widersprüche und schärft die Kontraste, um ein klangliches chiaroscuro zu entfalten. Ist das einem Streben nach Authentizität geschuldet oder müssen junge Musiker heute wie im Sport alles ins Extreme steigern, um noch Aufmerksamkeit zu erhaschen?

Vehemenz

Dem gegenüber steht die äußerst differenzierte Artikulation von Jonas Zschenderlein und Alexander von Heißen. Bei jeder Phrase haben sie genau überlegt, wie sie gestaltet werden muss, um ihren musikalischen Sinngehalt zu treffen. Diese Genauigkeit in der musikalischen Sprechweise ist das notwendige Gegengewicht zum Enthemmten, Überbordenden, teils Verzerrten in der Klanggebung – dieses Regulativ sorgt dafür, dass die Interpretationen nicht willkürlich übertrieben und unsensibel wirken.

Es war Christa Wolf, die einmal betonte, dass Literatur überhaupt erst aus Widersprüchen entstehe – diese Erkenntnis reklamieren Jonas Zschenderlein und Alexander von Heißen mit Vehemenz auch für die Barockmusik.

pure

Werke von Bach, Corelli, Westhoff, Montanari
Jonas Zschenderlein (Violine), Alexander von Heißen (Cembalo)

Label: deutsche harmonia mundi

Sendungsthema aus "Tafel-Confect" vom 9. September 2018, 12.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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