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Liederabend mit Günther Groissböck "Politisch ist mir als Begriff zu platt"

Günther Groissböcks aktueller Liederabend läuft unter dem Titel “Freiheit! Freiheit?“. Ein Motto, das aktueller kaum sein könnte. Im Interview mit BR-KLASSIK erläutert der österreichische Sänger, der durchaus gerne mal polarisiert, warum Musik viel mächtiger als Politik ist. Am 22. Januar ist er mit dem Programm zu Gast im Münchner Prinzregententheater.

Günther Groissböck | Bildquelle: Dominik Stixenberger

Bildquelle: Dominik Stixenberger

"Freiheit! Freiheit?"

Interview mit Günther Groissböck

BR-KLASSIK: Herr Groissböck, Ihr Liederabend trägt ja die Überschrift “Freiheit! Freiheit?“. Das ist natürlich ein Motto, das aktueller kaum sein könnte vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges. Hat das eine Rolle gespielt in der Konzeption oder wie kommen Sie dazu?

Günther Groissböck: Eigentlich mehr aus dem Hintergrund der letzten drei Jahre und des pandemischen Wahnsinns. Aber ich möchte darauf jetzt auch nicht zu weit eingehen. Die Idee ist daraus gereift, dass ich quasi das Privileg hatte, sozusagen den allerersten Post-Lockdown-Abend beziehungsweise das erste Post-Lockdown-Konzert im Mai 2020 zu bestreiten, in Wiesbaden mit Uwe Eric Laufenberg. Und wir haben damals schon den Abend unter dieses Motto gesetzt. Und daraus ist jetzt einfach ein erweitertes Programm geworden. Und wir haben uns jetzt einfach auf Lieder ohne weitere Zwischentexte geeinigt, Lieder, die alle irgendwo in diesen thematischen Kontext passen. Kurz vor Weihnachten haben wir es dann in der Londoner Wigmore Hall zum ersten Mal in voller Länge aufgeführt – und es war ein Riesenerfolg. Jetzt schauen wir, dass wir das in München genauso hinbekommen. Und ich hoffe, dass da die Botschaft genauso gut verstanden wird, vielleicht sogar noch besser.

BR-KLASSIK: Wenn Sie die Botschaft ansprechen: Was wollen Sie denn mit dem Abend und dem Subtext vermitteln?

Günther Groissböck: Es geht einfach um die Definition dieses Wortes und eine gewisse Selbstreflexion, was überhaupt damit gemeint ist – und das aus verschiedenen zeitlichen Perspektiven. Wir beginnen sehr wuchtig mit drei Goethe-Balladen, die sehr philosophisch sind. Dann gehen wir weiter, bei Schubert bleibend, zu Johann Mayrhofer. Zu ihm habe ich eine ganz besondere Beziehung, weil er aus Steyr in Oberösterreich kommt, gerade mal 35 Kilometer von meinem Geburtsort entfernt. Er war seinerzeit ein sehr revolutionär denkender Mensch, war absurderweise gleichzeitig aber auch Zensor … In dieser Art Widerspruch hat er sein Leben dann auch selbst beendet. Und im zweiten Teil gehen wir dann weiter über Carl Loewe, also ein bisschen Balladen und ein paar Geschichten erzählend, zu sehr romantischen Stücken von Strauss. Und dann kommen wir zu Gustav Mahler. Und schließlich geht’s dann ins Kriegerische.

Jeder kann irgendwie auch sehen und erkennen, wo es vielleicht hingeht, weil man mit der Freiheit nicht so behutsam oder nicht so bewusst umgeht.
Günther Groissböck

 BR-KLASSIK: Glauben Sie, dass die Künstlerinnen und Künstler damals freier als heute waren? Einige Komponisten Ihres Programms haben Sie ja angesprochen.

Günther Groissböck: Na ja, das ist schwer zu vergleichen. Es ist hochinteressant, gerade wenn man sich eine Biografie wie die von Johann Mayrhofer ansieht. Natürlich war in der klassischen Biedermeierzeit die Art und Weise der Zensur eine ganz andere. Auch die technischen Möglichkeiten waren ganz anders. Gleichzeitig war da aber auch die Fantasie und Begabung der Leute beziehungsweise die Möglichkeit der Ausflucht in chiffrierte Botschaften, besonders bei Mayrhofer und diesem ganzen Schubert-Kosmos. Da musste sehr oft auch die griechische Mythologie herhalten, um Geschichten zu erzählen. Und dahingehend hat sich viel verändert. Aber die Grundidee von Freiheit und Selbstbestimmung, vom Wechselspiel zwischen Autorität und Individuum – das ist seit der Antike immer das gleiche Thema.

BR-KLASSIK: Wir haben jetzt viel über das Konzept gesprochen. Wollen Sie Ihren Liederabend und dieses Programm auch als politisches Statement?

Günther Groissböck: Mir ist das Wort "politisch" zu oberflächlich. Es geht eigentlich um Menschwerdung, auch wenn das sehr idealistisch klingt. Ich meine eine Art von Selbstreflexion, dass sich die Leute dahingehend Gedanken machen: Wer sind sie? Was ist ihre Funktion? Was ist überhaupt das Leben? Politisch ist mir als Begriff einfach zu platt. Das sage ich immer ganz ehrlich. Und letztlich ist dann die Musik so groß, dass sie weit über alles, was man unter dem Wort Politik fassen könnte, herausragt, so dass sich am Schluss die Frage selbst beantwortet. Mein Motto ist vielleicht ein Denkanstoß, aber letztlich wird es dann quasi durch die Größe der Musik lächerlich weggespült, das dann am Schluss einfach ein musikalisches Monument überbleibt – wenn der Abend gelingt.

Musik so groß, dass sie weit über alles, was man unter dem Wort Politik fassen könnte, herausragt.
Günther Groissböck

Sendung: "Allegro" am 19. Januar 2023 um 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Mittwoch, 18.Januar, 15:05 Uhr

Wolfgang

Ob das ausreicht?

Zunächst einmal meinen Respekt für Herrn Goissböck, dass er in der Coronazeit, die anscheinend dem Ende zugeht (die schreckliche Zeit allerdings nicht, da andere inzenierte Krisen nahtlos an ihre Stelle getreten sind), einer der wenigen Künstler im Bereich war, der wenigstens ansatzweise Kritik geübt haben (natürlich recht zahm und abstrakt).

Skeptisch bin ich ein wenig, ob er jetzt mit einer Kritik unter dem Oberbegriff der Freiheit viel bewirken kann. Die Gegenseite kann bekanntlich den Begriff der Sicherheit in das Feld führen, und verfügt über unendlich viele Möglichkeiten, Gefahren herauszubeschwören (teils real, teils inszeniert, teils von sogenannten "Experten" einfach nur an die Wand gemalt).

Die Entwicklung wird noch viel weiter in Richtung Dystopie gehen, wenn man nicht konkreter und kämperischer wird (natürlich weitaus risikobehafteter). Aber die Kollegen von Goissböck sind ja fast alle Opportunisten und da ragt der eigentlich harmlose Goissböck als "Rebell" heraus.

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