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Der Kabarettist Emil Steinberger "Miterleben, was dazwischen drin passieren kann"

Er ist nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland ein Star: Das Urgestein des Kabaretts, Emil Steinberger. In der Sendung "Meine Musik" packt er seine Musik aus und erzählt auch von seinem "musikalischen Erweckungserlebnis", das ihm Rossini und eine kratzende Geige bescherten.

Emil Steinberger | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

BR-KLASSIK: Emil Steinberger, was hat denn Rossini mit Ihrem Einstieg in die Musik zu tun?

Emil Steinberger: Ja, Rossini, das war so ein kleines Erlebnis: Da kommt der Lehrer in die Klasse, ich war in der sechsten Klasse, und sagte: "Was liegt da hinten für eine Kiste auf dem Boden? Wir sind hier kein Magazin!" Da meldete sich ein Schüler und sagte: "Das ist mein Geigenkasten." "Was soll das sein, ein Geigenkasten? Bringe das mal nach vorne!" Da öffnete er den Deckel, nahm die Geige raus. Der Lehrer fragte: "Wie hält man diese Geige?", und der Schüler musste dem Lehrer erklären, wie man sie unters Kinn nimmt, andrückt und wie man den Geigenbogen in die Hand nimmt. Dann versuchte der Lehrer, auf der Geige Töne zu spielen, und das kratzte ja nur, wenn man es nicht beherrscht. Schlimm, wie das kratzt! Wir Schüler haben uns die Ohren zugehalten, so schlimm war das. Und die Töne wurden immer besser, immer besser und besser. Dann machte er noch mit dem Finger Pizzicato. Und plötzlich begann dieser Lehrer, die ganze Tell-Ouvertüre zu spielen und erklärte immer, was jetzt passiert. Es war so spannend! In diesem Moment habe ich mir gedacht: "Mensch ist das schön!" Und wenn ich mit meinem Vater mal in ein Konzert ging, war es das erste, dass ich auf die Tafel schaute, was gespielt wird. "Oh, Papa schau, Rossini kommt, die Tell-Ouvertüre!" Da freute ich mich gewaltig drauf. Ich finde das schön, dass ich so selbst den Einstieg in die Musik gefunden habe.

Musikalische Erfahrung im Ensemble-Spiel

BR-KLASSIK: Wie ging es dann weiter mit Ihrer musikalischen Karriere?

Emil Steinberger: Ich durfte mich entscheiden, dass ich Piccolo-Flöte lernen konnte. Das war auch eine interessante Phase. Ich hatte etwas Mühe mit dem Ansatz. Ich glaubte immer, man müsste immer direkt in das Loch reinblasen. Das war nicht so. Man musste den Mund richtig formen, und ich hatte immer das Gefühl, das nie richtig rausbekommen zu haben, wenn ich andere beim Piccolo-Flöten-Spiel zusehe. Danach kam die Querflöte, die ich auch noch zu spielen gelernt habe. Daraus entstand dann noch, dass ich Mitglied der Ersten Knabenmusik in Luzern wurde. Das war musikalisch für mich sehr schön, weil wir am Anfang zu viert mit Dirigent waren. Nachdem wir immer mehr wurden, und auch noch ein Paukenschlag im richtigen Moment kam, hatte ich gefühlt, was es heißt, in einem Ensemble spielen zu können - zusammen spielen mit anderen, wenn jeder exakt spielt, das ist eine große Freude.

Wenn ich langsam spiele, können die Leute ihr Herz mitschwingen lassen.
Emil Steinberger

BR-KLASSIK: Gehen Sie noch ins Kino?

Emil Steinberger: Ja sicher, und wie! (lacht) ... am liebsten in Kunstfilme oder Porträtfilme. Mich erschreckt jedoch, wenn nur vier oder fünf Leute im Kino sitzen. Wenn das so weiter geht, kann das Kinogewerbe gar nicht überleben. Und nur noch diese großen amerikanischen Filme - es ist grausam. Wenn ich mit meinem siebenjährigen Enkel ins Kino gehe, was ich mir da ansehen muss: Immer nur Streit, Gegeneinander und der Schnitt ist so hektisch, da kannst du gar nicht mehr mitfühlen. Und, wenn man mich oft fragt "Warum funktioniert bei Ihnen die Komik so?", dann sage ich: "Ich spiele relativ langsam - man hat mir das auch schon zum Vorwurf gemacht - aber wenn ich langsam spiele, können die Leute ihr Herz mitschwingen lassen, und das sind wichtige Momente. Es gab eine Lehrerin, die muss ihren Schülern anhand von Filmbeispiel erklären, was Komik ist. Die wissen überhaupt nicht mehr, was Komik ist. Denn die heutigen Produktionen geben uns keine Chance, das mitzuerleben, was dazwischen drin passieren kann. Man muss das nachwirken lassen, sonst geht alles verloren.

Sendung: "Meine Musik" am 2. Dezember 2017, ab 11.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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