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Die Geigerin Carolin Widmann Der Moment nach dem Sprint

Am 19. Januar war Carolin Widmann als Solistin zu Gast bei der musica viva des Bayerischen Rundfunks - sie spielte das Violinkonzert "Still" von Rebecca Saunders. Im Interview spricht sie über die speziellen Herausforderungen dieses Werks, wie sie sich eine Partitur erarbeitet - und warum für sie Neugier und Offenheit für die Rezeption von Musik unverzichtbar sind.

Porträt der Geigerin Carolin Widmann | Bildquelle: Lennard Ruehle

Bildquelle: Lennard Ruehle

BR-KLASSIK: "Still" heißt das Violinkonzert von Rebecca Saunders, dass Sie im Konzert der musica viva spielen werden. "Rage" sollte das Konzert ursprünglich heißen. "Rage" - also Zorn - und Ruhe oder Beruhigung, für die das Wort "Still" steht, sind ja ganz extreme Gegensätze. Lebt dieses Konzert von diesen Gegensätzen?

Carolin Widmann: Ja, dieses Violinkonzert ist eines, das außergewöhnlicherweise aus zwei Sätzen besteht - so einer Art Diptychon von totalen Gegensätzen. Der erste Teil ist sehr zornig, nervös, wie in Rage - wie der vormalige Titel, den die Komponistin dann durchgestrichen hat. Dann kommt eine kleine Pause, und dann kommt genau das Gegenteil - nämlich die absolute Stille. Rebecca hat immer gesagt - und ich merke immer mehr, dass das wahr und richtig ist -, dass diese zwei extrem gegensätzlichen Gefühle so nah beieinander liegen. Wir kennen das vielleicht von uns, wenn wir einen richtigen Ausraster haben und danach kehrt eine irrsinnige Ruhe ein. Oder auch im Moment des Zornigseins selbst - der ist ja auch so eine Art Filmriss. Damit spielt sie auch, dass es auch diese Ruhe im Auge des Sturms durchaus geben kann.

Nach dem ersten Satz schlägt mein Herz wie nach einem Sprint.
Carolin Widmann

Magischer Moment

BR-KLASSIK: Ist eines dieser Gefühle für den Instrumentalisten schwerer zum Ausdruck zu bringen, entweder von der inneren Haltung oder vom Technischen her?

Carolin Widmann: Für mich kommt die große Herausforderung nach diesem sehr wilden ersten Teil, der einem klanglich, emotional und eben auch physisch alles abverlangt. Da schlägt mein Herz so schnell wie nach einem Sprint, wenn ich fertig bin. Und dann habe ich diese zwei Sekunden Pause - fünf Takte, um mich so weit zu stabilisieren, dass ich aus dem Nichts mit einem D anfangen kann. Das ist für mich eine ganz große Herausforderung, die mir auch wahnsinnig Spaß macht. Die Sprinter und die Läufer wissen, dass diese Ruhe einkehrt, wenn man aufhört zu rennen. Das ist ein Moment, wo der Kopf leer ist - klar und sauber. Und aus dieser Stille dann mit dem Zentralton D (das ist ein wichtiger Ton auf der Geige) aus dem Nichts hervorzukommen: Das ist ein magischer Moment für mich, aber eben auch körperlich und mental eine unglaubliche Herausforderung, was man vielleicht als Konzertgänger gar nicht so spürt.

Mit dem Kopf gegen die Wand

BR-KLASSIK: Sie haben 2012 das Konzert mit Rebecca Saunders erarbeitet. Die Komponistin hat Sie zuvor spielen gehört und gesagt, sie möchte mit Ihnen zusammenarbeiten. Sie sagen, das ist so fordernd geraten, da gibt es Momente, in denen Sie sich heute denken: Hätte ich damals nicht so viel gezeigt, dann hätte ich es entspannter.

Rebecca Saunders  | Bildquelle: Astrid Ackermann Rebecca Saunders | Bildquelle: Astrid Ackermann Carolin Widmann: Das ging mir gleich so, als ich die Noten bekommen habe: Ich hatte das Uraufführungsdatum im Kalender und bekam zwei, drei Monate davor die fertige Partitur. Mit einem schnellen Blick darüber sah ich, dass das alles spieltechnisch möglich ist. Und dann, als ich angefangen habe zu üben, bin ich überhaupt nicht vorangekommen. Das war wirklich eins von den Stücken, wo ich mich jeden Tag hingesetzt habe und nicht vorangekommen bin. Irgendwann, wenn die Uraufführung nur noch zwei Wochen entfernt ist, bekommt man dann Panik: So kann ich mich nicht vor die Leute stellen. Ich weiß es noch ganz genau, was es gebraucht hat, um dann den Durchbruch zu schaffen. Ich habe zu meiner Familie gesagt: Ihr seht mich jetzt so lange nicht, bis ich dieses Stück beherrsche. Ich kam erst wieder aus meinem Zimmer, als ich wusste, dass ich den Schlüssel zu dem Werk gefunden hatte; das war wirklich mit dem Kopf gegen die Wand.

Live von Menschen zu Menschen - das ist das Schönste, was es auf der ganzen Welt gibt.
Carolin Widmann

Sich dem Hören ausliefern

BR-KLASSIK: Was würden Sie den Hörern empfehlen, die Rebecca Saunders' Konzert zum ersten Mal hören?

Carolin Widmann: Ich bin inzwischen ganz radikal geworden. Ich finde, dass es wichtig ist, sich wieder dem Hören an sich hemmungslos auszuliefern. Gerade in unserer Zeit, wo ständig irgendwas zu hören ist - dass man in dem Moment, wenn man ins Konzert kommt, von der ersten Sekunde an die Musik genießt, nach dem Motto: Jetzt wird etwas gespielt, jetzt wird die Luft zum Schwingen gebracht. Live von Menschen zu Menschen - das ist das Allerschönste, was es auf der ganzen Welt gibt. Je bizarrer die Welt um uns herum wird, umso mehr habe ich das Gefühl: Das ist es, was für mich lebenswert ist - offen sein, neugierig sein, intensiv zuhören, die Sachen geschehen lassen, die mit einem passieren, aber auch registrieren, was mit einem passiert. Das alles kann Musik, und das ist großartig.

Sendung: "Leporello" am 18. Januar 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Konzert der musica viva

Freitag, 19. Januar 2018, 20:00 Uhr
München, Herkulessaal der Residenz

Markus Hechtle:
"Lichtung" für Orchester
Rebecca Saunders:
"Still" für Violine und Orchester
Morton Feldman:
"Neither"
Oper in einem Akt auf einen Text von Samuel Beckett für Sopran und Orchester

Carolin Widmann (Violine)
Laura Aikin (Sopran)
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Ilan Volkov

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