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Anne-Sophie Mutter über ihre Geigenlehrerin Aida Stucki "Sie war eine Lichtgestalt für mich"

Mit neun Jahren lernte Anne-Sophie Mutter ihre Lehrerin Aida Stucki kennen. Die beeinflusste die junge Geigerin sowohl menschlich als auch künstlerisch. Am 19. Februar 2021 wäre Aida Stucki 100 Jahre alt geworden. Im Interview mit BR-KLASSIK erinnert sich Anne-Sophie Mutter an ihre Mentorin.

Die Geigerin Aida Stucki, Dezember 1964 in Winterthur | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE | STR

Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE | STR

"Ich habe unheimlich viel von ihr gelernt", sagt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter. Und sie kann nicht oft genug wiederholen, wie wichtig ihre einstige Lehrerin für die eigene Karriere war – in jeder Beziehung. Aida Stucki war für Anne-Sophie Mutter eine Lichtgestalt: "Umso schmerzhafter war ihre Ablehnung mich zu unterrichten", erinnert sich Mutter. Denn das erste Aufeinandertreffen mit ihrem damaligen Idol hatte sich die Neunjährige anders vorgestellt: Aida Stucki wollte die Verantwortung für das junge Mädchen nicht übernehmen. Der Geiger Henryk Szeryng ermutigte Anne-Sophie, es nochmals zu versuchen. Mit Nachdruck überzeugte sie die Lehrerin schließlich, sie – das Ausnahmetalent – unter ihre Fittiche zu nehmen.

Sie war ein wunderbarer Mensch und eine wunderschöne Frau.
Anne-Sophie Mutter über Aida Stucki

Unterricht fernab von festen Formeln

"Ich kann ihr gar nicht dankbar genug sein", sagt Anne-Sophie Mutter heute. Der Einfluss der Lehrerin auf Mutters Geigenspiel ist von Anfang an groß: "Ihre Lehrauffassung hat die Musik für mich begreifbar gemacht." Aida Stucki hat sich stets darum bemüht, bei jedem Schüler und jeder Schülerin den Schlüssel für eine eigene Interpretation zu finden. Dabei ging es weniger um konkrete Lösungen als vielmehr darum, Anregungen zu geben. Stucki wollte das musikalische Feuer in jedem von ihnen wecken, sagt Anne-Sophie Mutter: "Sie hat den Schülern nichts von ihrer Individualität genommen, sondern ihre Persönlichkeit erfasst."

Mentorin statt internationale Solo-Karriere

Aida Stucki und das Piraccini-Stucki-Quartett, Dezember 1964 in Winterthur | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE | STR Aida Stucki und das Piraccini-Stucki-Quartett, Dezember 1964 in Winterthur. | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE | STR Eigentlich war Aida Stucki selbst auf dem Weg zu einer großen internationalen Solo-Karriere – doch dann kam der zweite Weltkrieg. "Danach war es gar nicht so leicht für sie wieder Fuß zu fassen", weiß Anne-Sophie Mutter. Stucki konzentrierte sich stattdessen stärker auf das Spiel mit ihrem Ehemann, dem Zürcher ersten Konzertmeister Giuseppe Piraccini. Zusammen spielten sie im Piraccini-Stucki-Streichquartett. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war, dass sich die beiden oft im selben Konzert als Primgeiger im Quartett abwechselten.

Neben der Karriere als Kammermusikerin entdeckte Aida Stucki auch die Musikpädagogik für sich. Als Anne-Sophie Mutter zu ihr zum Unterricht kam, war Stucki bereits über zwanzig Jahre als Pädagogin tätig. 1948 nahm sie ihre erste Lehrtätigkeit in Winterthur an. Entsprechend groß ist der Erfahrungsschatz gewesen, aus dem sie schöpfen konnte. Internationale Solo-Auftritte vernachlässigte Stucki hingegen. Aus Schülerinnen-Sicht war Aida Stuckis Fokus auf das Lehren durchaus willkommen, sagt Anne-Sophie Mutter: "Für uns Schüler war das ein großes Glück. Denn dadurch hat sie sich fast ausschließlich auf das Unterrichten konzentriert."

"Gesunde Selbstzweifel" beim Musizieren

Stuckis Grundbemühen war, das Rückgrat ihrer Schüler zu stärken - und zwar durch positives Feedback, sagt Anne-Sophie Mutter: "Das war wie das Auftragen eines Pflasters, wie eine lokale Betäubung." Trotzdem wusste die Schülerin, dass kritische Anmerkungen folgen würden: "Sie war eine sehr differenzierende Lehrerin". Kritik gab es sogar noch Jahre nach dem gemeinsamen Unterricht – etwa wenn Stucki Konzerte ihres einstigen Schützlings besuchte. "Sie hat einen gesunden Selbstzweifel gesät. Das hat aber nicht zu Unsicherheit geführt, sondern zu Freude, Neues zu lernen." Die Neugier, die Aida Stucki bei ihrer Schülerin wecken konnte, hat sich Anne-Sophie Mutter bis heute bewahrt: Die Einsicht, dass sie sich nicht am Ziel, sondern immer "auf dem Weg" befindet.

Enge menschliche und musikalische Bindung

Geigerin Anne-Sophie Mutter | Bildquelle: © Monika Höfler Geigerin Anne-Sophie Mutter | Bildquelle: © Monika Höfler Bereits zu Beginn ihrer Studienzeit am Konservatorium in Winterthur ist die Verbindung zwischen Anne-Sophie Mutter und ihrer Lehrerin besonders stark: "Ich erinnere mich, dass ich vor Beginn der Sommerpause bitterlich geweint habe. Das Abschiednehmen von Aida, die mir in so kurzer Zeit so ans Herz gewachsen war, war einfach furchtbar." Zwischen Aida Stucki und ihrer berühmten Schülerin hat sich im Laufe der Jahre ein enges Band der Freundschaft und Wertschätzung geknüpft. "Es hat aber Jahre gedauert, bis ich das angebotene 'Du' annahm", sagt Anne-Sophie Mutter.

Sie hat einen gesunden Selbstzweifel gesät.
Anne-Sophie Mutter über Aida Stucki

Der Aida Stucki Preis

Nach dem Tod ihrer Mentorin im Jahr 2011 hat Anne-Sophie Mutter ihr sogar einen eigenen Förderpreis gewidmet. Die Anne-Sophie Mutter Stiftung würdigt herausragende, solistische Nachwuchsstreicher, die in einer starken Traditionslinie zu Aida Stucki und damit der europäischen Spiel- und Ausbildungstradition stehen. 

Sendung: "Allegro" am 19. Februar ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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